Austauschprogramm
Für indischen Schriftsteller ist Basel kein Traum sondern Realität

Der indische Schriftsteller Ruchir Joshi hat in Basel an seinem zweiten Roman gearbeitet. Am meisten überrascht hat ihn die Basler Fasnacht an der sich die Stadt «komplett verwandelt».

Miriam Glass
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Autor und Journalist Ruchir Joshi.

Autor und Journalist Ruchir Joshi.

In Indien und England wurde Ruchir Joshi mit seinem Debütroman «The Last Jet-Engine Laugh» bekannt. An seinem zweiten Buch arbeitet er seit Februar in Basel. Sein Aufenthalt, der am Sonntag zu Ende geht, ist Teil des internationalen Austausch- und Atelierprogramms Region Basel (iaab), das neben bildenden Künstlern erstmals Autoren berücksichtigt.

Herr Joshi, wird Basel in Ihrem neuen Roman vorkommen?

Ruchir Joshi: Das Buch spielt in Kalkutta während des Zweiten Weltkriegs. Mit Basel hat das nichts zu tun. Aber es kann gut sein, dass die Stadt in einem späteren Roman eine Rolle spielen wird.

Das sagen Sie aus Höflichkeit.

Nein, im Ernst. Ich habe einige Ideen.

Was hat Sie in Basel am meisten überrascht?

Die Fasnacht. Ich hatte davon noch nie gehört. Faszinierend zu sehen, wie diese ordentliche Stadt sich komplett verwandelt, wie die Menschen loslassen. Und wie schnell alles wieder aufgeräumt ist – das gibt es an keinem anderen Ort.

Gab es negative Überraschungen?

Ich bin eigentlich ein sehr kritischer Mensch, aber hier ist mir kaum Unerfreuliches begegnet, was mich ganz persönlich angeht. Aber natürlich kommen Fragen auf: In Basel lebt es sich wie in einem Traum, die Leute sind wohlhabend und es gibt viel Geld für Kunst. Aber Basel ist kein Traum, sondern Wirklichkeit, und man muss auch fragen, wie diese Wirklichkeit entsteht.

Wie meinen Sie das?

Nur ein Beispiel: Das Geld für Projekte kommt in Basel von Mäzenen, aber auch von Firmen wie Novartis. Dass dieses Geld vorhanden ist, ist wunderbar. Aber andernorts leiden Menschen, damit dieses Geld fliesst. Während meiner Zeit in Basel hat Novartis in Indien den Rechtsstreit um den Patentschutz für ein Krebsmittel verloren. Die Menschen in Indien haben das gefeiert! Oft entscheidet das Gericht im Interesse grosser Firme. Hier hat es im Interesse der indischen Bevölkerung entschieden. Meiner Meinung nach ein guter Entscheid.

Haben Sie auch gefeiert?

Nein, aber ich habe nach dem Urteil die Diskussionen auf Facebook verfolgt.

Ihr Aufenthalt in Basel ist Teil eines Pilotprojekts: Ein Austauschprogramm für bildende Künstler ist auf Schriftsteller ausgeweitet worden. Was hat Ihnen der Aufenthalt gebracht?

Sehr viel. Ich war produktiv, nicht zuletzt, weil das Wetter so schlecht war. Aber vor allem hat es geholfen, Distanz zu bekommen. Normalerweise schreibe ich über Kalkutta, den Ort, an dem ich lebe. In Basel hatte ich Abstand und Ruhe, um konzentriert zu arbeiten.

Im Herbst reist die in Basel lebende Autorin Birgit Kempker für drei Monate nach Bangalore in Indien. Was geben Sie ihr für einen Tipp mit auf den Weg?

Sich zu viel vorzunehmen, ist sicher keine gute Idee. Eine indische Grossstadt wie Bangalore ist ein Angriff auf alle Sinne. Mindestens zwei Wochen sollte ein Besucher sich reservieren, um erst mal wie ein Schwamm alle Eindrücke aufzunehmen. Auch wer Bilder oder Filme gesehen hat, ist nicht auf die Wirkung einer solchen Stadt vorbereitet.