Herr Leimgruber, die beiden Völker von Basel-Stadt und Baselland wollen eine Vereinigung prüfen. Sind es überhaupt zwei Völker?

Walter Leimgruber: Natürlich handelt es sich um zwei verschiedene Völker. Sie sprechen zwei Sprachen, die so anders sind, dass man sich gegenseitig nicht versteht. Sie haben seit unendlichen Zeiten eine Geschichte mit eigenen Mythen und Helden, und ihre kulturellen Traditionen könnten unterschiedlicher nicht sein. Ihre politischen Institutionen funktionieren nach ganz anderen Regeln. Und nur schon ihr körperlicher Habitus, die Art, wie sie gehen, reden und gestikulieren, ist derart unterschiedlich, dass man annehmen muss, dass es eine genetische Unterscheidung zwischen den beiden Völkern geben muss.

Ernsthaft betrachtet: Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass ethnische Zugehörigkeit in einem Prozess entsteht. Wenn eine Gruppe sich von einer anderen abgrenzt, sich als eigene Gruppe sieht, und wenn die anderen diese Gruppe als etwas Fremdes sehen, wenn also Selbst- und Fremdzuschreibung eine Gruppe als Einheit wahrnehmen, kann man von einer Ethnie sprechen. Bei den beiden Basel hat man zumindest innerhalb der beiden Gruppen den Eindruck, als handle es sich um verschiedene Ethnien.

Dann ist also nicht nur die Schweiz eine Willensnation?

Jedes Volk ist bis zu einem gewissen Grad ein Willensvolk. Der Prozess, ein Volk oder eine Nation zu werden, ist immer ein Willensprozess. Frankreich zum Beispiel wirkt heute überaus homogen. Es ist zentralisiert, man spricht überall die gleiche Sprache. Wenn man das historisch anschaut, war das noch vor ein paar hundert Jahren ein höchst diverses Gebilde mit unterschiedlichen Sprachen und Kulturen. Es war ein langer politischer Prozess, der das entstehen liess, was man heute Franzosen nennt.

Wenn die Einheit einmal da ist, dann glaubt man, das sei die «natürliche» Konsequenz. Man entwickelt im Nachhinein die Darstellung der gemeinsamen Geschichte und der gemeinsamen Kultur, welche die Entstehung der Nation als unausweichlich erscheinen lässt. Wenn man genauer hinschaut, muss man aber sagen: Es ist eine Frage des Willens und der Macht, wer zusammenkommt.

Wie lange braucht es, um ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu entwickeln?

Ein Prozess von gut 100 Jahren reicht sicherlich aus, um den Menschen das Gefühl zu geben, dass etwas so sein muss, dass man sich keine Alternative vorstellen kann. Das ist auch bei Basel-Stadt und Baselland augenfällig. Nach wenigen Generationen hat man das Gefühl, dass völlig unterschiedliche Welten entstanden sind.

Wenn Grenzen etwas Willkürliches sind, muss man sie immer wieder bestätigen.

Genau. Wenn man ihnen keine Bedeutung zuschreibt, dann verschwinden sie. Die Kantonstrennung war eingebettet in die Prozesse der Demokratisierung, der Nationalstaatenbildung und der Industrialisierung. Dieses System war lange sehr stabil, weil es für einen Grossteil von Westeuropa, insbesondere für die Schweiz, sehr erfolgreich war. Unser Wohlstand gründet darauf. Jetzt stellen wir fest, dass ein Umbau nötig wird, weil die Macht der Nationalstaaten und ihrer Grenzen schwindet. Wichtige Prozesse spielen heute auf supranationaler Ebene.

Die Globalisierung definiert die Wirtschaft neu.

Das, was ein wichtiges Standbein dieser Region und der ganzen Schweiz war, nämlich die Epoche der Industrie, ist nicht mehr der Garant für unseren Reichtum. Wir verwandeln uns in eine Dienstleistungsgesellschaft, eine Wissensgesellschaft und in eine globale Gesellschaft. Die räumlichen Einheiten, die damals entstanden sind, müssen sich in diesem Prozess neu erfinden, weil andere Faktoren wichtig werden.

Ist das für Basel eher Chance oder Gefahr?

Jetzt, wo Nationalstaaten ihre hermetischen Grenzen verlieren, besteht für Basel, das durch die Abschliessung des 19. Jahrhunderts in eine Randlage geraten ist, die Chance, eine neue Rolle zu spielen und in einer Grossregion, die über die Staatsgrenzen hinausgeht, zum Zentrum zu werden. Der erste Schritt dazu wäre die kleinen, internen Grenzen aufzugeben. Es ist kein Zufall, dass dieser Prozess jetzt in Gang kommt. In ganz Europa bilden sich neue regionale Einheiten heraus oder wehren sich Regionen für mehr Eigenständigkeit.

Was gibt den Anstoss zur Veränderung?

Die Schweiz ist wie gesagt in dieser Ära der starken Nationalstaaten und der Industrie überaus erfolgreich gewesen. Wir spüren aber, dass die Spielregeln geändert werden, neue Spieler aufs Feld kommen. Aber warum soll man etwas ändern, das so lange erfolgreich gewesen ist? Wir glauben, wir müssten einfach am Bewährten festhalten. Aber man muss den Mut haben, in dem Moment, in dem es gut läuft, die Weichen neu zu stellen. Doch dieser Mut fehlt, solange es keine Krise und damit keinen Zwang gibt.

Ist die Krise heute gross genug für eine Änderung?

Nein, sicherlich nicht. Das ist Teil des Problems: Sich neu erfinden, ohne gewaltigen Druck zu verspüren, das hat wenig Aussicht auf Erfolg. Die Basler könnten jetzt ein Zeichen setzen, gerade aus ihrer historischen Erfahrung heraus. Sie könnten sagen: Wir stellen die Weichen in Richtung Offenheit, die uns eine genügend grosse Basis schafft, damit wir wieder eine zentralere Rolle spielen.

Welche Rolle spielt der Gegensatz zwischen Stadt und Land?

Man sieht heute in fast allen Abstimmungen in der Schweiz, dass die Grenze Stadt-Land die umkämpfteste ist, markanter als der Röstigraben. Das hat mit den sehr unterschiedlichen Dynamiken zu tun. Die Städte sind mit dem Prozess der Globalisierung und der damit verbundenen Instabilität und Dynamik sehr viel stärker konfrontiert. Sie sind die Wachstumsmotoren, ziehen Geld, Firmen und Menschen an, wirken als Integrationsmaschinen. Das Land ist wesentlicher behäbiger und weniger Turbulenzen ausgesetzt.

Lässt sich der Gegensatz je überwinden?

Er wird sich erst überwinden lassen, wenn auch das Land von der Dynamik erfasst wird. Das Problem ist: Die urbanen Gebiete unterstützen die ländlichen Gebiete über den Finanzausgleich. Damit werden auch Strukturen unterstützt, die wenig zukunftsfähig sind. In der Schweiz dominiert politisch und ideologisch das Land, das Wachstum aber schafft die Stadt. Erst wenn der Geldfluss ausbleibt, werden sich die politischen Vorzeichen ändern.

Wenn wir die beiden Basel aus etwas grösserer Distanz anschauen, müssen wir sagen: Der Konflikt findet auf sehr kleinem Raum statt.

Man kann sogar sagen: Im Blick von aussen ist die Einheit schon lange hergestellt. Von ennet dem Jura oder dem Rhein gesehen sind hier alle gleich, nämlich: Basler. Basel sollte diese Optik übernehmen, etwas Distanz gewinnen, um sich aus der Randlage zu befreien. Das kann man nur mit einer gewissen Grösse im geistigen wie im territorialen Sinn. Aber sicher nicht mit kleinlichen Ressentiments gegenüber den Nachbarn.