Fanzüge
Fussball-Fans werden nicht in Extrazüge gezwungen

Der Nationalrat will keine Pflicht für Extrazüge. Diskussionslos lehnte er eine entsprechende Änderung des Personenförderungsgesetzes ab. In der Region ist man froh darüber

Daniel Ballmer
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Fussballfans sollen auch künftig individuell an Auswärtsspiele reisen dürfen.

Fussballfans sollen auch künftig individuell an Auswärtsspiele reisen dürfen.

Keystone

Für Silvia Schenker ist klar: «Das war ein hilfloser Versuch, der gar nichts gebracht hätte», sagt die Basler SP-Nationalrätin. Und sie steht mit dieser Meinung nicht alleine. Ganz im Gegenteil. Der gesamte Nationalrat will nichts wissen von der Pflicht für Fans, in für sie vorgesehenen Zügen und Bussen zu reisen. Diskussionslos hat die grosse Kammer am Donnerstag die nötige Änderung des Personenbeförderungsgesetzes abgelehnt. Sie ist damit dem einstimmigen Antrag ihrer vorberatenden Verkehrskommission gefolgt.

Bewegungsfreiheit verletzt

Demolierte Züge, Drohungen gegen Bahnpersonal oder Saubannerzüge durch Bahnhöfe und Wohnquartiere mit hohen Sachschäden – das alles soll der Vergangenheit angehören. Um dieses Ziel zu erreichen, hatte der Bundesrat vorgeschlagen, dass Fussball- und Eishockeyfans dazu verpflichtet werden sollen, in Extrazügen und -bussen an Auswärtsspiele zu reisen. Gleichzeitig sollten die angerichteten Schäden auf die Klubs abgewälzt werden.

«Persönlich hätte ich keine Lust, mich für ein Auswärtsspiel in einen Fanzug setzen zu müssen», kommentiert Schenker, die in Basel oft die Spiele des FCB besucht. Und: «Was würde denn passieren, wenn ich mit einem Fan-Schal in einem anderen Zug unterwegs wäre?» Eine solche Vorgabe wäre nur sehr schwierig umsetzbar und auch kontrollierbar, meint auch Basels FDP-Sicherheitsdirektor Baschi Dürr. «Kommt hinzu, dass damit die persönliche Bewegungsfreiheit verletzt würde.»

Von der Massnahme besonders betroffen gewesen wäre der FC Basel mit der grössten Fanbasis in der Schweiz. Vom Verein war gestern keine Stellungnahme zum Nationalratsentscheid zu erhalten. Die Politik in der Region aber zeigte sich von Anfang an skeptisch gegenüber den Plänen des Bundesrats. Damit würde etwa ein Familienvater gezwungen, gemeinsam mit Hardcore-Fans im Extrazug anzureisen, wurde argumentiert.

Auch sei ein Fussballfan von einem gewöhnlichen Reisenden kaum zu unterscheiden. Gleichzeitig dürfe nicht ein bestimmter Personenkreis vom fahrplanmässigen Verkehr ausgesperrt werden. Schenker: «Ein solches Regime passt nicht zur Schweiz.»

Im Umfeld des FC Basel werden die Fans seit Jahren in Extrazügen an Auswärtsspiele gefahren. Gemäss Bundesrat fehlt aber bis heute eine gesetzliche Grundlage, welche die Fans dazu zwingt und somit kanalisiert. Die Landesregierung hat die Massnahme denn auch als Ergänzung zum HooliganKonkordat betrachtet. Dieses erlaubt den Kantonen, bei Hochrisikospielen die Abgabe von Kombitickets für Anreise und Spiel einzufordern.

Im Nationalrat war die Fanzug-Pflicht aber von Anfang an nicht gut angekommen. Im Gegensatz zum Ständerat hatte er die Vorlage bereits im Jahr 2014 an den Bundesrat zurückgewiesen mit dem Auftrag, mit Sportverbänden, Klubs, Fanorganisationen, Verkehrsunternehmen und Kantonen Lösungen zu suchen. Die Ergebnisse eines Runden Tisches wurden im vergangenen November vorgestellt.

So wurde etwa eine polizeiliche Koordinationsplattform Sport eingerichtet. Diese koordiniert die Aktivitäten der Sicherheitsorgane und sorgt für ein Reporting über Fanaktivitäten. Dieses soll unter anderem sicherstellen, dass beispielsweise Reisen mit Fanzügen einheitlich erfasst werden.

SBB hofften auf Kostenverteiler

Begrüsst worden wäre eine Fanzug-Pflicht dagegen von den SBB. Nachdem jahrelang keine schweizweite und nachhaltige Lösung gefunden werden konnte, strebte der Bahnkonzern einen politisch abgestützten Kostenverteiler an. Die SBB hatten sich erhofft, dass die Vereine die Verantwortung für ihre Fans auch auf dem Transportweg übernehmen.

Der Aufwand für die Transporte nehme damit als Ganzes ab. Immerhin fallen bei den SBB derzeit Jahr für Jahr ungedeckte Kosten für Fanzüge von rund drei Millionen Franken an. Davon sind etwa zehn Prozent auf Beschädigungen zurückzuführen.

Mit der Ablehnung der Fanzug-Pflicht sei das latente Gewaltproblem nicht gelöst, räumt Sicherheitsdirektor Dürr ein. Zumindest aber sei eine Diskussion angestossen worden. Dürr verweist dabei auf eine gemeinsame Erklärung der Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren und der Fussballliga.

Ziel seien beispielsweise Partnerschaften zwischen den Transportunternehmen und den Fanorganisationen oder den Klubs. «Es gibt aber auch schlicht keine allumfassende Lösung.»