Welche Gemeinsamkeiten vereinen die vier Künstler Dieter Roth, Richard Serra, Enzo Cucchi und Ilya Kabakov? Ihre Kunst gehört unterschiedlichen Stilen und Richtungen an und einzig eine gewisse Exponiertheit könnte als Gemeinsamkeit ausgemacht werden. Das lateinische Wort «exponere» bedeutet so viel wie «zur Schau stellen» oder «offen hinstellen».

Demnach sind zumindest drei Werke der vier erwähnten Künstler Ausstellungsexponate im wörtlichen Sinn. Sie können unabhängig von Tageszeit und meteorologischen Bedingungen besucht werden und erfahren keine Einschränkungen durch festgeschriebene Öffnungszeiten. Und gleichwohl sind sie Teil der Ausstellung «Future Present» im Schaulager, sozusagen die Satelliten verteilt über die ganze Stadt.

Schweres im Wenkenpark

Zehn geschmiedete Stahlquader von jeweils fast zweieinhalb Tonnen Gewicht stehen an spezifischen topografischen Punkten im Englischen Garten des Wenkenparks. Richard Serra entwickelte die Arbeit 1979–1980 speziell für die Situation vor Ort aus Anlass der Ausstellung «Skulptur im 20. Jahrhundert». Die einzelnen Standorte bestimmte er mithilfe einer Karte und durch wiederholtes Abschreiten des Geländes.

Die Abstände zwischen den Körpern sind von der Topografie abhängig, die Arbeit kennt keinen einzigen Standpunkt, keinen Anfang und kein Ende. Einen Subtext erhält die Arbeit durch die Dedikation im Titel «Open Field Vertical/Horizontal Elevations (for Breughel and Martin Schwander)». Interessant ist die Ambivalenz im Namen Breughel, bekanntlich gibt es einen Älteren und einen Jüngeren. Konsultiert man deren Werke, ergibt sich kein zusätzlicher Sinn über den topografischen Aspekt hinaus.

Fingerzeig in den Merian-Gärten

Die zwei grossen schwarzen Finger in den Merian-Gärten in Brüglingen schuf der italienische Künstler Enzo Cucchi anlässlich der Ausstellung «Skulptur im 20. Jahrhundert», die 1984 zum zweiten Mal stattfand und wie die erste Ausstellung wiederum von Ernst Beyeler, Reinhold Hohl und Martin Schwander organisiert wurde. Die Skulptur erinnert an Schneckenfühler oder aufgrund ihrer rindenähnlichen Oberflächen an verkohlte Baumstämme.

Die Schädel, die wie Pilze aus den Antennen wachsen, verleihen der Skulptur einen mythischen, aber auch furchterregenden Ausdruck. Wer in die Grube steigt, aus der die beiden Antennen wachsen, entdeckt reliefartige Figuren sowie die Umrisslinien des Kontinents Afrika. Jener Kontinent also, in dem nach Cucchis Konzepten die Wiege der Menschheit liegt, und der sich durch eine besondere Energie und eine archaische Natur auszeichnet.

Ilya Kabakovs «Denkmal für einen verlorenen Handschuh» steht etwas verwaist zwischen dem Museum für Gegenwartskunst und dem Restaurant Goldener Sternen. Die Arbeit besteht aus einem roten Damenhandschuh, der auf dem Kiesbelag liegt und neun darum herumstehenden Tafeln, auf denen in vier Sprachen neun unterschiedliche Berichte in Bezug auf diesen verlorenen Handschuh nehmen. Einige der Texte beziehen sich direkt auf den heutigen Standort oder auf die Frage, ob der Handschuh hier zufällig oder auf Wunsch des Künstlers liegt.

Verwesende Schokolade-Kunst

«Selbstturm; Löwenturm», eine Arbeit von Dieter Roth, befindet sich in einem Raum nahe des Museums für Gegenwartskunst. Auf zwei Gestellen befinden sich Selbst- und Löwenporträts aus Schokolade- und Zuckerguss. Klar haben Maden und Käfer das Ihre zur Kunst beigetragen; zarte Geister überlegen sich gut, ob sie den Raum betreten wollen.

Anfang der 1970er-Jahre wurde die Arbeit in Daniel Spoerris «Eat Art Galerie» in Düsseldorf gezeigt, seither wurden die beiden Türme, auch nach dem Erwerb der Emanuel- Hoffmann-Stiftung 1989, sporadisch erweitert. Auch eine kleine Werkstatt und ein Wandregal mit Dokumentationsordnern gehört zum Ensemble.

Die Führung zu Dieter Roths «Selbstturm; Löwenturm» findet jeden Sonntag um 14.30 Uhr statt.

Weitere Führungen und Informationen: www.schaulager.org