Nachlass
Gabriel Eckenstein verkauft das Besitztum seines Vaters

Gabriel Eckenstein durchforstet das Besitztum seines Vaters, dem Mäzen. Dann dürfen Interessierte kaufen. Den Erlös spendet er für einen guten Zweck.

Muriel Mercier(Text)und Martin Töngi (Fotos)
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Die Villa Eckenstein muss geräumt werden.
15 Bilder
Gabriel Eckenstein veräussert die Gegenstände für einen guten Zweck.
Büste des Architekten Ernst Eckenstein.
Diverse Besteck-Sets aus Gold,Silber und Elfenbein.
Diverse Besteck-Sets aus Gold,Silber und Elfenbein.
Gabriel Eckenstein mit einer Silberdose aus dem Iran, die seinem Onkel gehört hat.
Der Regiestuhl seines Vaters.
Kupfer und Zinnwaren auf dem Verandatisch.
Allerlei Kurioses auf dem Wohnzimmertisch.
Villa Eckenstein muss geräumt werden
Auch Möbel gehen in den Verkauf.
Auch Möbel gehen in den Verkauf.
Blick ins Wohnzimmer.
Die legendäre Nüsslischale.
Gartenansicht der Villa Eckenstein.

Die Villa Eckenstein muss geräumt werden.

Martin Töngi

Es ist eine stattliche Villa, weisse Fassade, grosse Fenster mit grünen Läden. Vier achtbare Säulen tragen den riesigen Balkon, der Ausblick auf einen wundervollen Garten bietet. Ein stolzes Anwesen. Jeder Spaziergänger denkt sich, die Besitzer haben ihr Haus geschmackvoll eingerichtet, an den Wänden hängen prächtige Bilder mit Goldrahmen, eine massive Polstergruppe steht auf beeindruckenden, handgeknüpften Teppichen im Wohnzimmer.

Zweifelsohne: So erschien die Villa an der kleinen Strasse Ob dem Hügliacker in Binningen sicherlich noch bis vor einigen Monaten. Doch heute sieht es bereits im Eingangsbereich so aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Praktisch jeder Quadratzentimeter auf den massiven Tischen im Parterre ist belegt mit Vasen, silbernen Schatullen, edlen Gläsern und Porzellangeschirr. Auf Kommoden liegt Silberbesteck en masse aufgereiht. Mehrere Garnituren mit Perlmutt-, Elfenbein- oder Holz-Griffen sind nur ein kleiner Teil des gesamten Angebots.

Flohmarkt für den Zolli

Mittendrin steht Gabriel Eckenstein, irgendwie verloren, aber dennoch guten Mutes. Er verbringt seit etwa drei Wochen seine Zeit damit, den Besitz seiner Eltern zu sortieren. Gabriel Eckensteins Vater Matthias Eckenstein war unter anderem Mäzen des Basler Zoos und hat mit 25 Millionen das neue Affenhaus finanziert. Mitte Juni ist er 84-jährig verstorben. Bis zu seinem Tod lebte er in der Villa in Binningen. Anstatt dass Sohn Gabriel nun Mulden füllt mit dem Nachlass seiner Eltern, hat er sich für einen «Rausverkauf» entschieden. «Ich hätte eine Brockenstube anfragen können. Aber mir schien diese Lösung als nicht die richtige. Es geht mir nicht ums Geld, aber es wäre unwürdig gewesen.» Den Ertrag des etwas anderen Flohmarkts spendet Gabriel Eckenstein dem Zolli und der Rehab.

Immer wieder stösst Eckenstein während seiner Arbeit auf Inventar, das er bisher noch nie gesehen hat. Neben Kleinkram sind dies auch geschichtsträchtige Dokumente, zum Beispiel von seinem Onkel Christoph Eckenstein. Dieser war einst Handelsdiplomat bei der UNO. «Im muffigen Keller bin ich auf seinen Korrespondenten-Nachlass gestossen», erzählt dessen 48-jähriger Neffe heute. Und nicht nur das: Er fand eine silberne Schatulle, die in der Innenseite des Deckels vom damaligen iranischen Innenminister signiert wurde. «Diese Schatulle ist eines der Stücke, bei denen ich nicht sicher bin, ob ich es weggeben möchte.» Jedem, der ihn fragt, ob er sie haben könne, sagt Eckenstein nein. «Wahrscheinlich werde ich es aus dem Bauch heraus entscheiden.»

Besteck der Urgrossmutter

Es gibt natürlich ein paar Bijous, die Eckenstein behält. Zum Beispiel eine zwölfteilige Silberbesteck-Garnitur seiner Urgrossmutter. «So etwas gibt man nicht weg.» Und dann steht da noch die kleine silberne Ente. «Die brauche ich eigentlich nicht. Aber sie gehört zu einer sehr präsenten Erinnerung, denn sie stand bei uns immer mit Nüssli gefüllt auf dem Tisch.»

Das Eigentum, das Eckenstein einzeln sichtet, ist unendlich. Seine beiden Geschwister wohnen im Ausland und können ihm somit bei seiner Arbeit nicht helfen, erzählt er. «Am Anfang hat meine Frau mitgeholfen. Aber ich habe bald gemerkt, dass dies keinen Sinn ergibt. Am Schluss muss ich ja entscheiden, welche Bedeutung jedes Einzelstück hat.»

Um die Vermögenswerte zu einem angemessenen Preis zu verkaufen, liess Gabriel Eckenstein einen Schätzer kommen. Vergleicht man den Preis mit dem jeweiligen Möbelstück, den zahlreichen Teppichen, Bildern oder Souvenirs aus fernen Ländern, scheinen diese eher tief. «Silberbesteck für 180 Franken wegzugeben, macht schon weh», bemerkt er. Denn teilweise sei das Geschirr nie gebraucht worden. «Aber es bringt nichts, die Sachen zu behalten und einzuschliessen. Wir leben heute in massivem Überfluss. Da übergebe ich die Besitztümer lieber jemandem, der sie wirklich gebrauchen kann.» Zudem möchte Eckenstein diese Sisyphus-Arbeit nicht der nächsten Generation, also seinen Kindern, hinterlassen.

Gabriel Eckenstein ist überzeugt, einiges mehr Geld für die Einzelstücke verlangen zu können, aber «mein Ziel ist es, alles zu verkaufen». Er geht davon aus, mindestens 20 000 Franken einzuspielen. «Mein Ziel allerdings ist das Doppelte.» Er ist sich sicher, dass auch Stücke gestohlen werden. «Diesen Leuten gebe ich einfach mit auf den Weg, ‹ihr nehmt das Geld nicht mir, sondern den Tieren im Zolli weg›.»

Eckenstein hat die zu kaufenden Gegenstände in den Räumen thematisch aufgeteilt. Im Keller gibt es Freizeit- und Sportutensilien. Das heisst: Taucheranzüge, Holz-Ski und eine Fasnachts-Pauke. Im Dachgeschoss verkaufen seine beiden Kinder, sieben und neun Jahre alt, Kinderspielsachen, und auch den zig Büchern ist ein Zimmer gewidmet. Da das Haus, das bereits verkauft ist, abgerissen wird, können die «Rausverkauf»-Besucher auch Teile des Hauses kaufen – zum Beispiel Fenster oder Rollläden. Zu seinem Elternhaus hat Gabriel Eckenstein keine Beziehung, war er doch bereits 18 Jahre alt, als seine Eltern dieses gekauft hatten.

Der andere Vater

Während der drei Wochen Aufräumarbeit hat er Seiten seines Vaters kennen gelernt, die ihm so nicht bewusst waren, erzählt er. Grund: Er hat Briefe von dessen Freunden gefunden und Kondolenzbriefe erhalten, die Matthias Eckenstein anders beschrieben haben, als dieser sich vor seinem Sohn zeigte. «Ich habe ihn eher als ruppig und distanziert in Erinnerung. Doch wenn ich die Kondolenzbriefe lese, erkenne ich, dass er für viele ein liebevoller Freund war.» Zudem fügen sich Puzzleteile zusammen, deren Zusammenhang er bisher nicht erkannt hatte, ihm jetzt aber wieder in den Sinn kommen.

Gabriel Eckenstein hat sich Gedanken darüber gemacht, was seine Eltern empfinden würden, wenn sie wüssten, dass er ihr Besitztum auf diese Weise verkauft. Zumal seinem Vater die Vorstellung, das Haus aufzugeben, ein Graus gewesen ist. Mittlerweile ist er jedoch überzeugt: «Meine Eltern haben immer gerne geteilt und verschenkt. Sie würden mein Vorgehen goutieren.»

Rausverkauf, Liquidation
21. und 22. November, 10 bis 17 Uhr, Ob dem Hügliacker 7, Binningen, nur Barzahlung.

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