Geschichte
Gabriel Heim kämpft sich durch einen Kilometer Aktenmaterial

Der Journalist Gabriel Heim entdeckte 300'000 unerforschte Fremdenpolizeiakten aus dem 20.Jahrhundert. Im Interview erklärt er, wieso die Jahre 1933 bis 1945 für seine Mutter ein Tabuthema waren.

Simon Erlanger
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Gabriel Heim, Buchautor und Journalist, ist in Basel den erschütternden Schicksalen von Flüchtlingen auf der Spur.

Gabriel Heim, Buchautor und Journalist, ist in Basel den erschütternden Schicksalen von Flüchtlingen auf der Spur.

Kenneth Nars

«Ich will keine Blaubeertorte, ich will nur raus», so heisst das Buch des in Basel wohnhaften ehemaligen Fernsehdirektors des Rundfunks Berlin-Brandenburg (rbb), Gabriel Heim. Darin verarbeitet er die Korrespondenz seiner nach Basel geflüchteten Mutter Ilse mit der in Berlin zurückgebliebenen Grossmutter Marie, die von den Nazis ermordet wurde. Die im Verlauf der Buchrecherche gemachte Entdeckung der Fremdenpolizeiakten seiner Mutter in Basel bewegt Gabriel Heim zu einem nächsten Projekt für 2017.

Gabriel Heim, erzählen Sie von Ihrer Mutter.

Gabriel Heim: Meine Mutter Ilse Winter war eine Berliner Emigrantin, die es 1935 in die Schweiz geschafft hat, und zwar nach Basel, wo sie bis zu ihrer Heirat mit meinem Vater Fred Heim gelebt hat. Nach der Hochzeit 1943 zog sie nach Zürich. Dort bin ich 1950 zur Welt gekommen.

Hat Ihre Mutter von ihrer Flucht und von der Deportation der Grossmutter erzählt?

Das, was in meiner Kindheit und Jugend eine wichtige Rolle gespielt hat, war die Vergangenheit bis 1933. Meine Mutter war damals eine junge Schauspielerin und hatte eine schöne Karriere vor sich. Die ist jäh abgebrochen. Zu Hause wurde immer davon erzählt, was in Berlin gewesen ist: Theater, eine junge emanzipierte Frau, viele intellektuelle Freunde. Die Emigration: Da war nur Stillschweigen.

Das heisst, bei Ihnen zu Hause wurde über die Jahre 1933–45 nicht gesprochen?

Genau! Ich bin allein bei der Mutter aufgewachsen. Die Eltern hatten sich Anfang der 1950er-Jahre getrennt. All das, was davor gewesen ist, hat bei uns nie stattgefunden. Dies geschah vor dem Hintergrund, dass es meiner Mutter nicht gelungen ist, ihre Mutter zu retten, obwohl sie sich in extremis darum bemüht hat. Nicht gerettet werden konnte die Grossmutter wegen der Ablehnung durch die eidgenössische Fremdenpolizei; aber auch, weil sie sich zu spät zur Emigration aus Deutschland entschlossen hatte. Das war fatal. Nach einem Fluchtversuch in die Schweiz ist die Grossmutter 1942 deportiert und in Maly Trostinez bei Minsk ermordet worden.

Das Schweigen wurde ja dann gebrochen. Sie entdeckten die Korrespondenz zwischen Ihrer Mutter und Ihrer in Berlin festsitzenden Grossmutter.

Dazu gibt es zwei Episoden: Zuerst entdeckte ich als 14 Jahre alter Bub zu Hause in der Wohnung in Zürich zwei Schuhkartons mit Fotos und Briefen. Letztere konnte ich nicht lesen, da sie in Sütterlinschrift geschrieben waren. Die Kartons sind dann wieder verschwunden. Sehr wahrscheinlich hat meine Mutter gemerkt, dass ich darin rumgewühlt habe. Nach dem Tod meiner Mutter im Jahr 1999 habe ich dann die Wohnung in Zürich aufgelöst. Da sind mir diese Schuhkartons in die Hände gefallen. Ich wusste, was es damit auf sich hatte und nahm sie mit. Es dauerte wegen beruflicher und familiärer Verpflichtungen aber nochmals zehn Jahre, bis ich Zeit hatte, mich damit zu befassen.

Obwohl Sie in dieser Zeit als Fernsehdirektor des Rundfunks Berlin Brandenburg in der Stadt Ihrer Mutter und Grossmutter gelebt haben?

Wenn man in einem aktiven Leben steht, dann steht die Vergangenheit nicht im Vordergrund. So lange die Mutter gelebt hat, war es ein No-Go. Erst nach ihrem Tod wurde es zum Vermächtnis.

Was haben Sie dann in diesen Kisten gefunden?

Fotos und 200 Briefe! Ich habe Letztere einem Antiquar gegeben, und der hat sie in zwei Jahren entziffert, transkribiert, geordnet und lesbar gemacht. Dann konnte ich Fotos zuordnen, und dann gab es noch periphere Korrespondenz anderer Familienmitglieder aus Tel Aviv, London, Südfrankreich, den USA, wohin es eben damals eine jüdische Familie auf der Flucht verschlug. So ergab sich ein Bild jener Jahre der Verfolgung, wo nach Rettung und Überleben gesucht wurde. Meine Mutter hat in Basel überlebt. Ihre Mutter wurde 1942 nach einer abenteuerlichen Flucht zehn Meter vor der Schweizer Grenze zwischen Hohenems und Diepoldsau gestoppt. Sie war im Stacheldraht hängen geblieben.

Wann begann die Korrespondenz zwischen Mutter und Grossmutter?

Die Briefe beginnen 1938. Sie sind ein sehr aussagekräftiges Dokument, weil sie umfassend über den Lebensalltag einer kultivierten, mit beiden Beinen im Leben stehenden Frau berichten. Sie sind gut geschrieben und dokumentieren minuziös das Fortschreiten der Entrechtung, der Ausgrenzung und der Verzweiflung. Sie sind ein Dokument über die private individuelle Wahrnehmung auf ein grosses Stück Geschichte und werden dadurch sehr berührend.

Die Briefe sind das Einzige, was von der Grossmutter geblieben ist?

Ich habe daraus alles über sie erfahren. Ich kannte sie vorher nicht. Ich habe auch viel über ihre fünf Geschwister erfahren. Besonders erschüttert hat mich, dass ihr Haus in Berlin-Wilmersdorf ab 1940/41 zwangsmässig zu einem sogenannten «Judenhaus», einem kleinen Getto, umfunktioniert worden ist. Davon hatte ich nicht die geringste Ahnung. Meine Grossmutter beschreibt ihre neuen Mitbewohner immer wieder. Bis auf eine Ausnahme sind alle von dieser letzten Adresse aus deportiert worden. Viele der älteren Menschen haben sich dort umgebracht.

Was geschah mit dem Haus?

Meine Mutter hat es 1954 im Zuge der Restitution zurückbekommen. Sie hat es verkauft. Sie wollte mit dieser Vergangenheit nichts mehr zu tun haben. Zwanzig Jahre später wurde es abgerissen.

Die Geschichte Ihrer Mutter und Ihrer Grossmutter haben Sie in Ihrem Buch verarbeitet. Dazu gab es auch eine Reihe von Veranstaltungen. Eine war den Akten der Schweizer Fremdenpolizei gewidmet.

Einen Teil meiner Recherchen habe ich in Basel gemacht. Das war ja die Emigrationsstadt meiner Mutter. Hier habe ich im Staatsarchiv die komplette Fremdenpolizeiakte meiner Mutter gefunden, mit viel Korrespondenz, sehr viel Detektivberichten, Bespitzelungen.

Sie arbeiten seither im Archiv der Fremdenpolizei mit rund 300'000 einzelnen Dossiers.

Genau! Die Geschichte lässt mich nicht mehr los. Ich habe im Anschluss an das Buch begonnen, im Aktenberg der Fremdenpolizei zu recherchieren. Der befindet sich in der Aussenstelle des Staatsarchivs auf dem Dreispitzareal drei Etagen unter Tag. Es ist ein grosser Fundus dort, rund ein Kilometer Aktenmaterial. Ich versuche, aus den Fremdenpolizeiakten auch die Asylgeschichten anderer Familien zu rekonstruieren. Nächstes Jahr gibt es eine Ausstellung rund um Emigration und Flucht nach Basel in den Jahren 1917 bis 1967, rekonstruiert anhand familienbiografischer Fremdenpolizeiakten aus dem Staatsarchiv Basel.