Eines hat die Basler SP nicht: zu wenig Leute, die auf ein Mandat schielen. Manchmal entsteht der Eindruck, fast jedes Grossratsmitglied liebäugelt mehr oder weniger insgeheim mit einem National-, Stände- oder Regierungsratssitz. Positiv formuliert hat die SP auf dem Papier also keine Personalsorgen und viele Optionen. Doch schwingt bei allen Personalentscheiden mit, dass auf viele Befindlichkeiten Rücksicht genommen wird. Das ist bei dieser Partei schwieriger als in anderen mit steileren Hierarchien. Für die SP läge bei den nächsten nationalen Wahlen denn auch so manches drin, wie folgendes Gedankenexperiment zeigt:

Die Ausgangslage

Wenn SVP, LDP, FDP und CVP ein Päckli schnüren, dann wird der nächste Nationalratswahlkampf noch härter. Dass einer der fünf Basler Sitze wackelt, mal nach links, mal nach rechts fällt, hat sich quasi eingependelt: Es ist der von Sibel Arslan aus dem Grünen Bündnis. Die bürgerlichen Parteien könnten mit ex-Stadtentwickler Thomas Kessler versuchen, Arslan den Sitz abzujagen. Doch Konkurrenz erwächst ihr auch im linken Lager.

Seit den Äusserungen von Ruedi Rechsteiner gegen Nationalrätin Silvia Schenker, ist klar: Es wäre eine Überraschung, würde Schenker vor Ende der Legislatur zurücktreten. Die Partei hat ihr deutlich den Rücken gestärkt. Das bedeutet: Die SP geht nur mit einem Bisherigen in den Wahlkampf. Beat Jans vertritt die Partei, seit er die Nachfolge von Rechsteiner angetreten hat. Bei den letzten Wahlen erzielte er ein Spitzenresultat. Ein zweiter Sitz ist grundsätzlich ohnehin fest in der Hand der Genossen. Das ergibt sich aus den Mehrheitsverhältnissen im Kanton.

Die Chance

Dennoch winkt der SP gar ein Sitzgewinn, wenn sie sich auf die Machtpolitik konzentriert. Zur Erinnerung: Als bei den vergangenen Wahlen mittags die Zwischenresultate verlesen wurden, besass die SP noch drei Sitze. Erst in letzter Minute errang das Grüne Bündnis den Sieg; Mustafa Atici musste sich plötzlich mit Rang drei begnügen. Das reichte nicht. Legt die SP gegenüber dem Grünen Bündnis nun ein bisschen zu, kann sie künftig eine Viererdelegation nach Bern schicken.

Die Doppelkandidatur

Dafür bräuchte die SP aber wichtige Zugpferde. Eine Möglichkeit: Eva Herzog. Bislang war stets die Rede von ihrer Präferenz für den Ständerat. Doch ihr Trumpf im Kampf um den Ständerat könnte ausgerechnet die Kandidatur für den Nationalrat sein. Mit ihrem Namen auf der Liste muss sich die SP nicht scheuen, bürgerliche Wählerstimmen abzugraben. Als Beispiel dient das Resultat bei den vergangenen Regierungswahlen, als Herzog einmal mehr alle überflügelte. Kommt dazu: Das war bevor sie sich in Wirtschaftskreisen als Mit-Konstrukteurin der Unternehmenssteuerreform III einen Namen machte. Eine Doppelkandidatur Herzogs ist wahrscheinlich. Dass sie nur für den Nationalrat antritt ist es aktuell nicht.

Die Zusätzlichen

Konsequent weitergedacht, könnte es zudem Tobit Schäfer auf die Liste schaffen. Er hatte sich als Präsident der Geschäftsprüfungskommission ausgezeichnet – und für seine Arbeit auch im bürgerlichen Lager die Anerkennung gefunden, die er für seine Positionen dort schon lange hat. Auch Atici gilt als wirtschaftsfreundlich. Fast jede zehnte Stimme erhielt er im letzten Anlauf von ausserhalb der Partei. Sein Vorteil: Die SP hat den Anspruch, Secondos auf den Nationalratslisten einzubinden. Allenfalls hat Atici aber, enttäuscht in seinen Hoffnungen auf ein Nachrücken in Schenkers Sitz, keine Lust mehr. Dann böte sich mit Edibe Gölgeli eine weitere Grossrätin an, die in der türkischen Community stark verankert ist. Fehlt noch jemand aus dem Gewerkschaftslager: Sarah Wyss oder Kerstin Wenk noch einmal, allenfalls auch Toya Krummenacher. Eine Liste mit Herzog, Jans, Schäfer, Gölgeli und Wyss hätte nicht nur hohe Chancen an der Urne, sondern würde auch Gender- wie Migrantenquoten abdecken.

Der Leidtragende

Diese Strategie kennt einen Haken: Jans hat die SP als Präsident zu jener Partei gemacht, die sie heute ist. Er hat die Chancen bei den Migranten erkannt und diese aktiv gefördert. In Bern hat er seinen Einfluss ausgeweitet – der Ständerat wäre die logische Fortsetzung seiner Karriere. Ihm müsste man Alternativen anbieten. Doch bislang zeigte er kein Interesse an einem Regierungsmandat und auch aus einem anderen Grund ist die Nachfolge von Herzog unwahrscheinlich: Drei SP-Männer in der Basler Regierung sind undenkbar.

Beim Ständerat zeigt sich dasselbe Problem: Mit Jans hätte die SP den Nachteil, mit einem Mann als Nachfolge für eine Frau anzutreten. Noch dazu sehr wahrscheinlich gegen eine bürgerliche Frau, Patricia von Falkenstein. Ein Sieg ist nicht undenkbar – aber diese Affiche bedeutet mehr Risiko. Im Moment sieht es danach aus, dass Beat Jans Opfer seines eigenen Erfolgs wird.