Waaghof

Gefängnis-Ausbau gleicht einer Operation am offenen Herzen

Das Untersuchungsgefängnis Basel-Stadt im Waaghof baut neun zusätzliche Zellenplätze für Insassen - unter hohen Sicherheitsvorkehrungen und bei laufendem Betrieb. Die brennendste Frage: Ist das Gefängnis so noch sicher genug?

Die Fräsmaschine macht einen Höllenlärm. Eingezäunt in Stacheldraht und überwacht von Kameras brechen die Bauarbeiter in luftiger Höhe eine Wand heraus. An der Mauer ist in vergilbter grüner Farbe noch die Zahl 5 zu erkennen. Wo heute eine spektakuläre Baustelle ist, war vor ein paar Wochen der Spazierhof 5 des Untersuchungsgefängnisses Basel-Stadt im Waaghof.

Bei laufendem Betrieb wird ein neuer Zellentrakt an das Gefängnis angebaut. Es ist eine Operation am offenen Herzen.

Als das Justiz- und Sicherheitsdepartement (JSD) mitteilte, dass im Waaghof neun zusätzliche Zellen für Insassen gebaut werden, sorgte die Nachricht nicht für grosses Aufsehen.

Dabei ist ein solches Bauvorhaben eine hochkomplexe Angelegenheit. Alles muss genauestens geplant werden. «Das ist im wahrsten Sinne Bauen unter erschwerten Bedingungen», sagt Bernhard Orschulko, Leiter des Bereichs Gebäudemanagement, beim Bau- und Verkehrsdepartment (BVD).

Eingeklemmtes Gefängnis

Das Untersuchungsgefängnis Waaghof steht zwischen Heuwaage und der Inneren Margarethenstrasse, also an bester Lage mitten in der Stadt, unmittelbar an Wohnungen und Büros angebaut. Anfang der 90er Jahre wurde es dort errichtet, weil man alles beisammen haben wollte: Staatsanwaltschaft, Kriminalpolizei, Untersuchungsgefängnis.

«Heute würde man das wohl nicht mehr so machen», kommentiert Lukas Huber, Leiter Bevölkerungsdienste und Migration beim JSD, den Standort. Einerseits ist die Überwachung schwieriger, wenn direkt neben dem Gefängnis Leute wohnen, weil das zwangsläufig zu Sicherheitsrisiken führt. Andererseits ist es kaum möglich, das Gebäude zu erweitern, weil schlicht der Platz fehlt.

Dass der Waaghof aber zusätzliche Zellen braucht, ist offensichtlich. Platz hat es im Gefängnis für 148 Insassen. Rechnet man die 45 Notbetten hinzu - 23 davon wurden allein im letzten Frühling geschaffen - hats Platz für 193 Häftlinge. «Wir sind am Anschlag», sagt Gefängnisleiter Jörg Degen. Das Gefängnis wurde für rund 110 Häftlinge gebaut. Heute liegt der Tagesdurchschnitt bei 148.

Toi-Toi auf dem Dach

Die einzige Möglichkeit, noch Zellen anzubauen, war, einen zusätzlichen Stock auf den Spazierhof 5 im siebten Stock zu stellen. Der Spazierhof kommt dann obendrauf.

Neben den Sicherheitsvorkehrungen verkompliziert das den Bau also weiter: Sämtliche für den Bau notwendigen Einrichtungen mussten auf das Gefängnisdach gestellt werden: Baracke, Toi-Toi-WC, Maschinen, Material.

Die Arbeiter werden morgens um halb acht ins Gebäude eingelassen und dürfen es den ganzen Tag nicht mehr verlassen - aus Sicherheitsgründen. «Das ist eine in sich geschlossene Baustelle. Schnell mal den vergessenen Hammer holen geht nicht», sagt Orschulko.

Der riesige Kran, mit dem Material nach drinnen und Schutt nach draussen transportiert wird, steuert ein Bauarbeiter mit einer Fernsteuerung. Das Gefängnis hat extra eine zusätzliche Person angestellt, die sich um die Belange der Baustelle kümmert und «Läufer-Jobs» ausführt.

Baustelle bis 2015

Noch vor Weihnachten will man mit dem Innenausbau beginnen können. Nächsten Frühling sollen die neun Zellen bezugsbereit sein. Doch dann geht es mit dem Bauen im Gefängnis erst richtig los. Bis 2015 werden im ganzen Gefängnis weitere Instandsetzungen erledigt. Unter anderem werden sämtliche Fenster im Zellenbereich saniert. Die Spezialfenster genügen bezüglich der Lüftung nicht mehr den Standards.

Die neun zusätzlichen Zellen sind also vorerst keine wirksame Kapazitätserweiterung. Sie werden gebraucht, wenn in anderen Trakten gearbeitet wird. «Wenn wir schon bauen, dann nutzen wir die Gelegenheit, andere Dinge zu sanieren, auch wenn vielleicht noch nicht alles sofort nötig erscheint », erklärt Thomas Thoss, Architekt beim BVD.

Sicherheitsrisko Baustelle

Die Frage, die über allem schwebt: Ist das Gefängnis unter diesen Umständen noch sicher? Vergangenes Jahr im Sommer brachen drei Männer aus dem Waaghof aus. Sie durchschlugen eine Aussenwand, gelangten so in den Zwischenraum über einer Privatwohnung und türmten durch die Küche. Die Anwohner hatten die Gefängnisleitung Wochen vor dem Ausbruch auf Klopfgeräusche aufmerksam gemacht. Bei der anschliessenden Durchsuchung wurde aber nichts gefunden.

«Da sind 150 Leute drin, die 24 Stunden am Tag Zeit haben zu überlegen, wie sie hier wieder raus kommen», sagt Degen.

Weil das Gefängnispersonal nicht weiss, ob der Lärm nur von der Baustelle kommt, oder ob sich tatsächlich ein Häftling an einer Mauer zu schaffen macht, wurde im Gebäude die Überwachung verstärkt. «Die Insassen wissen, dass Sie jederzeit kontrolliert werden können», sagt Gefängnisleiter Degen. Das bedeute natürlich Mehrarbeit. Die Baustelle selber werde mechanisch, elektronisch und optisch überwacht.

Nur neun neue Plätze möglich

Doch warum wird eigentlich der ganze Aufwand betrieben für neun zusätzliche Plätze? Hätte man die Gelegenheit nicht nutzen sollen, um die Platzprobleme im Gefängnis grundsätzlich zu beheben?

Zwei Gründe sprechen dagegen: «Baustatisch wäre das schwierig geworden», sagt Architekt Thoss. Und Gefängnisleiter Degen erklärt: «Vielleicht hätten wir mehr Zellen machen können, doch dann wäre die ganze Infrastruktur dahinter zusammengebrochen.» Küche, Wäscherei oder Besucherempfang wären dann überfordert.

Auf der Baustelle ist man aber guter Dinge. «Die Zusammenarbeit läuft sehr gut», sagt Gefängnisleiter Degen. «Angesichts der Umstände läufts hervorragend», findet auch Orschulko.

Beide dürften wissen: Es braucht nur einen kleinen Fehler und die Situation sieht wieder ganz ander aus.

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