Ein Stück weit ist jeder Knast auch eine Pflegeanstalt: Alleine im Basler Gefängnis Bässlergut werden monatlich über 1600 Medikamentenportionen an die 73 Häftlinge verteilt. Dazu kommt, dass in der Ausbildung von Gefängniswärtern die Pflege eine wichtige Rolle spielt. Zudem beschäftigt das Justiz- und Sicherheitsdepartement für das Gefängnis Bässlergut und das Untersuchungsgefängnis Waaghof fünf Pfleger mit total 320 Stellenprozenten. Und zweimal wöchentlich gehen Ärzte des Fachteams Sozialmedizin des Gesundheitsdepartements in die Basler Gefängnisse. Der Arzt Simon Fuchs leitet dieses Team.

«Wir arbeiten in einem heiklen Gebiet», sagt er. Weil sein Team auch für die Einweisung von Personen in psychiatrische Einrichtungen zuständig ist, auch gegen deren Willen, kommt es hin und wieder zu unangenehmen Situationen: Die Mitarbeiter werden bedroht. «Wir suchen die Öffentlichkeit nicht», sagt Fuchs. Nun gibt er der bz ein exklusives Interview.

Simon Fuchs, Häftlinge sind häufiger krank als die Normalbevölkerung, insbesondere in psychischen Belangen. Dissoziale Persönlichkeitsstörungen treten unter Inhaftierten bis zu 47 Mal so oft auf. Sind die Gefängnisse daran schuld?

Simon Fuchs: Ich glaube nicht. Es ist eher so, dass Häftlinge aus tieferen sozialen Schichten kommen. Deshalb haben sie grundsätzlich ein höheres Risiko für psychische Störungen. Ihre Situation beinhaltet weniger Bildung, weniger gesundes Essen, einen stärker verbreiteten Drogenkonsum und so weiter. Wir wissen aber nicht, wie das Auftreten von Krankheiten im Zusammenhang mit den ausgeübten Delikten steht. Es wäre eine spannende wissenschaftliche Frage, ob zum Beispiel Mörder eher krank werden als Wirtschaftskriminelle.

Warum erforschen Sie das nicht?

Wir haben weder diese Möglichkeit, noch sind wir für die Forschung zuständig. Uns ist egal, was der Täter gemacht hat. Wir behandeln sein gesundheitliches Problem, wie ein Hausarzt.

Müsste man die Mittel für die Gefängnismedizin ausbauen?

Es ist immer schön, wenn man genug Ressourcen hat, ob nun bei der Forschung oder bei der Versorgung. Aus anderen Kantonen höre ich, dass Basel bei der Gefängnismedizin im Vergleich mit anderen gut dasteht. Mit mehr Mitteln könnten wir einen stärkeren Fokus auf die Prävention legen. Dieser Bereich kommt mit beschränkten Ressourcen häufig zu kurz.

Sie waren früher Spitalarzt. Wie unterscheiden sich Spitalpatienten und Patienten im Gefängnis?

Speziell ist an den Häftlingen vor allem der oft andere kulturelle Hintergrund und damit auch die unterschiedliche Wahrnehmung von Krankheit und Gesundheit. In manchen Kulturen ist es üblich, einen Schmerz viel klarer zum Ausdruck zu bringen als in anderen Kulturen. Man muss dann aufpassen, nicht zu starke Medikamente zu verschreiben. Das ist eine grosse Herausforderung der Gefängnismedizin. Wir nutzen daher eher mal eine Untersuchungsmöglichkeit mehr, um bei der Diagnose sicher zu sein. Das führt manchmal zu einem höheren Aufwand.

Gibt es noch weitere Unterschiede?

Bei Spitalpatienten ist davon auszugehen, dass sie ins Spital kommen, weil sie medizinisch behandelt werden wollen. Bei einer Minderheit der Häftlinge ist das anders: Zum Teil brauchen sie einfach Aufmerksamkeit und wollen über etwas Nicht-Medizinisches reden – diese Möglichkeit bestünde auch bei der Gefängnisseelsorge. Dann gibt es auch noch jene Insassen, die denken, dass der Arzt ihnen helfen kann, früher aus dem Gefängnis zu kommen, oder die ins Spital wollen, um dort einen Ausbruchversuch zu wagen. Dass es solche Motive gibt, muss man als Gefängnisarzt immer im Hinterkopf behalten.

Das klingt so, als würde Ihnen kein Häftling misstrauen.

Es kann schnell kippen: Wenn jemand nicht erhält, was er will, sieht er in mir schnell einen Teil des aus seiner Sicht bösen Systems, das ihn hinter Gitter gebracht hat.

Im Gefängnis arbeiten Pfleger, Arzt und Psychiater kommen regelmässig vorbei. Ist die medizinische Versorgung besser als in Freiheit?

Das denke ich nicht. Wir versuchen, einen vergleichbaren Standard wie bei Patienten in Freiheit zu erreichen, übertreffen ihn aber sicher nicht. Draussen haben die Patienten zum Beispiel eine freie Arztwahl, im Gefängnis nicht.

Wer zahlt die medizinische Behandlung der Häftlinge?

Bei Insassen, die in der Schweiz gewohnt haben, zahlt es ganz normal deren Krankenkasse. Bei den anderen übernimmt der Staat die Kosten.

Gibt es auch gesunde Häftlinge?

Ja, mit etwa zwei Dritteln der Insassen haben wir nichts zu tun. Lediglich bei Haftantritt wird jeder Häftling von den Pflegern untersucht. Der Altersdurchschnitt unter Häftlingen ist zudem tiefer als jener der ganzen Bevölkerung. Und je höher der Altersdurchschnitt ist, desto mehr Krankheiten treten auf.

Wissen Sie, welche Delikte Ihre Patienten begangen haben?

In der Regel nicht. Die Aufseher sagen es uns aber, wenn jemand ein Gewaltdelikt begangen hat und immer noch ein Aggressionsrisiko besteht. Man darf keine Schere und keine Schlüssel rumliegen lassen und muss den Patienten immer im Auge behalten – daran muss man sich erst gewöhnen. Manche Häftlinge sagen auch von sich aus, wieso sie im Gefängnis sind. Vor allem jene, die wegen einer fehlenden Aufenthaltsbewilligung im Gefängnis sitzen.

Welche Krankheiten behandeln Sie vor allem?

Neben den häufigen psychischen Erkrankungen, Grippe und Erkältungen kommen kleinere Infekte, Wunden und Verletzungen am Bewegungsapparat oft vor. Letzteres zum Beispiel, wenn sich jemand beim Fussball eine Verstauchung geholt hat.

Ist in der Gefängnismedizin auch Sex ein Thema?

Die Insassen reden mit uns nicht darüber. Ich gehe aber davon aus, dass Sex unter den Häftlingen ein Thema ist. Ab und zu diagnostizieren wir Geschlechtskrankheiten. Diese stammen von sexuellen Kontakten, die kürzlich stattgefunden haben, ein Teil davon wahrscheinlich auch im Gefängnis, unter den Häftlingen.

Haben Sie ausserhalb der Gefängnismauern schon mal ehemalige Patienten angetroffen?

Es kommt nicht häufig vor. Aber einer hat mich auch schon angesprochen und seine Dankbarkeit ausgedrückt. Ich forciere das nicht. Wenn ich mit Ex-Häftlingen spreche, dann frage ich höchstens, wie es ihnen gesundheitlich geht.

Vom 20. bis 22. Januar wird Basel zum Zentrum der Gefängnismedizin: Die 8. Europäische Konferenz zur Gesundheitsförderung in Haft findet dann hier statt. Die Uni Basel gehört zu den Mitveranstaltern.