Philipp Hübner (56), Leiter des Kantonslabors Basel-Stadt, äussert sich im Interview zur Gefahrensituation durch Güterzüge in den Basler Bahnhöfen. Das Kantonslabor ist unter anderem für die Störfallvorsorge verantwortlich. Während der Kanton zusätzliche Sicherheitsmassnahmen im Badischen Bahnhof fordert, halten die Deutsche Bahn (DB) wie das Bundesamt für Verkehr (BAV) diese nicht für nötig. Zumindest für Chlortransporte soll bis 2018 die Geschwindigkeit im Bahnhof auf 40 Stundenkilometer reduziert werden.

Herr Hübner, wie sehen Sie die Gefahrenlage im Badischen Bahnhof?

Philipp Hübner: Im Kontext des Plangenehmigungsverfahrens der Deutschen Bahn (DB) für die Neu- und Ausbaustrecke Karlsruhe Basel wurde eine Risikoermittlung erstellt. Sie basiert auf einer Prognose für das Jahr 2030 mit einer Zunahme des Gefahrguttransportes um 60 Prozent. Unsere Einsprache beruht darauf, dass diese Prognose im Badischen Bahnhof nicht akzeptable Risiken beim Gefahrentransport ausweist.

Wie ist es heute?

Heute sind wir im Übergangsbereich. Das heisst, man muss zusätzliche Massnahmen diskutieren. Wenn wir nichts machen, kommen wir gemäss Prognose in den nicht akzeptablen Bereich. Das sieht auch die DB so. Nur dass die vorgesehenen Massnahmen für uns nicht genügend weit gehen.

Wie viele Chlortransporte laufen durch Basel?

2011 waren es 16'000 Tonnen und 2014 18'500. Gemeint ist damit der Leitstoff Chlor, also toxische Gase. Man unterscheidet die drei Leitstoffe Benzin mit Brandrisiko, Propan mit Explosionsgefahr und eben toxisches Chlor. Reines Chlor, bei dem das Gefahrenpotenzial grösser ist, waren es 2014 rund 8000 Tonnen auf diesem Verkehrsweg.

Und wie sieht es 2030 aus?

Die Prognose beträgt 25'440 Tonnen, also ein Plus von 7000 Tonnen.

Wie dringend ist die Temporeduktion auf 40 km/h für Chlortransporte im Badischen Bahnhof?

Da scheiden sich die Geister. Wenn man es bereits heute macht, wird das Risiko sofort reduziert. Das ist in unserem Sinn. Da wir heute noch im Übergangsbereich sind kann man aber auch wie das BAV sagen, das Risiko ist noch zu verantworten.

Reicht die Temporeduktion aus?

Es braucht auf jeden Fall Massnahmen. Die Temporeduktion wäre eine Möglichkeit. Man könnte auch keine Chlortransporte mehr durch Basel lassen.

Fallen Ihre Forderungen nach Extragleis und Einhausung weg, wenn die Temporeduktion bis 2018 umgesetzt wird?

Nein. Es geht um andere Szenarien wie um Benzin und allenfalls Propan, also entzündliche und explosive Gefahren, nicht giftige. Die geforderte Einhausung ist eigentlich eine Brandschutzmauer, welche Personen auf dem Perron schützen soll. Beim Benzin geht es mit jährlich 3 Millionen Tonnen um ganz andere Menge als beim Chlor. Die Prognose für 2030 beträgt 4,7 Millionen Tonnen.

Machen es sich DB und BAV zu leicht, wenn sie Extragleis und Einhausung ablehnen?

Wir haben eine Einsprache gemacht und noch keine offizielle Antwort erhalten. Das BAV hat in unseren Augen noch nicht entschieden. Deshalb nehme ich dazu jetzt keine Stellung. Wir können gegen den Entscheid rekurrieren, wenn wir damit nicht einverstanden sind.

Wie gross ist das Risiko, dass etwas passiert?

Dafür muss man die Gesamtstrecke betrachten und die Häufigkeit, die pro Hundert Meter angegeben wird. Nicht mehr akzeptabel ist bei einem möglichen Störfall mit 100 Toten eine Wahrscheinlichkeit von eins zu 10 Millionen pro Hundert Meter Strecke pro Jahr. Das wäre laut Prognose 2030 erreicht.

Aber erst 2011 sind in Müllheim, 40 Kilometer nördlich von Basel, acht Güterzugwaggons mit hochexplosiver Harzlösung entgleist, im italienischen Viareggio gab es 2009 26 Tote bei der Explosion eines Druckkesselwagens und 1994 wurden in Zürich Affoltern zwei Menschen nach einer Benzinexplosion verletzt.  So unwahrscheinlich ist ein Unglück nicht.

Man müsste die gesamte Strecke und die Anzahl der Ereignisse pro Jahr ausrechnen. 100 Tote hat es bei keinem der Ereignisse gegeben. Es müssten zusätzlich auch Indikatoren wie Verletzte oder Umweltverschmutzung berücksichtigen werden.

Stellt sich die Problematik der Gefahrguttransporte auch im Basler Bahnhof SBB?

Es ist mengenmässig einiges weniger. Deshalb ist das Risiko kleiner. Ausserdem gibt es das separate Gleis für Güterzüge dort schon. Es verläuft an der Gundeldinger Seite.

Aber eine Einhausung gibt es dort nicht?

Das ist richtig.

Um welche Mengen geht es im Bahnhof SBB?

Bei den Leitstoffen Benzin und Propan werden im Vergleich zum Badischen Bahnhof 5 Prozent erreicht, beim Leitstoff Chlor 16 Prozent mit abnehmender Tendenz.

Stehen in Bezug auf die Güterzüge im Bahnhof SBB Forderungen des Kantons im Raum?

Nein. Grund sind die geringeren Mengen. Das Thema Gefahrguttransporte betrifft in der Region Basel vor allem den Badischen Bahnhof. Durch den Bahnhof SBB führt die Transitstrecke Frankreich – Schweiz. Ein Teil der Chlortransporte durch den Badischen Bahnhof bleibt in Deutschland und wird gar nicht in die Schweiz transportiert. Diese Züge fahren auf der deutschen Seite den Hochrhein entlang. Entscheidend ist die Gesamtmenge Chlor, die durch den Badischen Bahnhof fährt, egal wohin.