Mehr Unfälle
Gefährliches Shopping ennet der Grenze

Schweizer Einkaufstouristen machen deutsche Strassen unsicher – dies zeigt eine deutliche Statistik: Die Unfälle mit Schweizer Beteiligung haben in Baden-Württemberg zwischen 2010 und 2015 um fast 70 Prozent zugenommen.

Daniel Ballmer
Merken
Drucken
Teilen
In Baden-Württemberg sind die Schweizer nach den Deutschen die am häufigsten in Unfälle involvierte Nationalität.

In Baden-Württemberg sind die Schweizer nach den Deutschen die am häufigsten in Unfälle involvierte Nationalität.

KEYSTONE

Werktags zeigt sich stets dasselbe Bild: In Kolonnen stauen sich die Autos am Zoll. Mit vollen Einkaufstaschen und leeren Portemonnaies sind Herr und Frau Schweizer immer öfter in Süddeutschland unterwegs. Doch: Der rege Einkaufstourismus im grenznahen Ausland hat auch seine Tücken. Darauf deuten eindrückliche Zahlen des Statistischen Landesamts Baden-Württemberg hin: Die Unfälle mit Schweizer Beteiligung auf den Strassen des deutschen Bundeslandes haben zwischen 2010 und 2015 um fast 70 Prozent zugenommen – von 255 auf 430. Der Anstieg ist vor allem auf mehr Unfälle ausserorts zurückzuführen. Damit sind die Schweizer nach den Deutschen die am häufigsten in Unfälle involvierte Nationalität – noch vor den Franzosen und den Österreichern.

Keiner glaubt an einen Zufall

Besonders auffallend ist die starke Zunahme der Unfallzahlen von 337 im Jahr 2014 auf 430 im vergangenen Jahr. Das alleine entspricht einem Plus von satten 28 Prozent. Das ist auch Carsten Dehner aufgefallen: «Hintergrund dürfte die Zunahme des Fahrzeugverkehrs von Schweizerinnen und Schweizern insbesondere im grenznahen Raum infolge der Aufwertung des Schweizer Frankens zum Euro sein», vermutet der Sprecher des baden-württembergischen Innenministeriums in Stuttgart. Stichtag dafür war der 14. Januar 2015. Damals hob die Schweizer Nationalbank den Euro-Mindestkurs auf, worauf Euro und Franken zeitweise sogar den gleichen Wert erreichten. Konsequenz: Ohnehin günstige Produkte im grenznahen Ausland wurden für Schweizer noch billiger, was den Einkaufstourismus zusätzlich ankurbelte.

Auch bei der Schweizer Beratungsstelle für Unfallverhütung bfu glaubt man nicht an einen Zufall. Es sei nicht von einem steigenden Unfallrisiko von Schweizern in Deutschland auszugehen. Der Grund für die steigenden Zahlen dürfte viel mehr darin liegen, dass auf Baden-Württembergs Strassen schlicht mehr Schweizer Autos unterwegs sind. Auch die bfu ortet die Gründe beim tiefen Euro-Kurs sowie beim Wegfall der Grenzkontrollen durch den Beitritt der Schweiz zum Schengen-Raum, was die Einkaufsfahrten über die Grenze noch einfacher werden liess.

Anders in Frankreich und Italien

Zwar versucht Ministeriums-Sprecher Dehner zu relativieren: Mit Blick auf das gesamte Unfallgeschehen in Baden-Württemberg mit insgesamt knapp 310'000 Verkehrsunfällen im Jahr 2015 sei die Beteiligung von Schweizern immer noch gering. Dennoch: So scheint eine weitere Statistik die ungewöhnlich stark ansteigenden Unfallzahlen von Schweizern in Deutschland zu belegen, wie die «Ostschweiz am Sonntag» berichtet: Die Unfallversicherungsstatistik zeigt, dass Verkehrsunfälle von Schweizer Versicherten in Deutschland seit 2004 eine steigende Tendenz aufweisen – wogegen die Unfallzahlen in Frankreich und Italien ziemlich konstant geblieben sind. Auf deutschen Bundesautobahnen gilt freie Fahrt für freie Bürger.

Eine Tempolimite existiert nicht. Ministeriums-Sprecher Dehner glaubt aber nicht, dass Schweizer öfter verunfallen, weil sie nicht an die Tempofreiheit gewöhnt seien: Das Temponiveau sei in Deutschland im Vergleich zum benachbarten Ausland grundsätzlich höher, weshalb sich ausländische Verkehrsteilnehmer diesem Niveau anpassten. Dies aber gelte ja nicht nur für Schweizer.