David Garrett steckt in einem Dilemma. Oder vielmehr: Er verkörpert eines. Die Klassik-Welt klagt über ihr älterwerdendes Publikum. Dann kommt der 37-jährige Frauenschwarm mit einer riesigen, kreischenden und plüschtierwerfenden Fangemeinde daher, verkauft eine halbe Million Exemplare seiner Crossover-Platte «Rock-Symphonies» und immerhin über 250 000 Beethoven-CDs und wird trotzdem noch kritisiert.

Im Dezember letzten Jahres fackelte er in Zürich seine spektakuläre «Explosive» Show mit reichlich Licht- und Pyroeffekten ab. Nun tritt er mit dem Sinfonieorchester Basel im Musical Theater auf. Mit Sicherheit werden zu diesen beiden Konzerten, die seit drei Wochen ausverkauft sind, viele Zuhörer und vor allem Zuhörerinnen den Weg finden, die ansonsten nicht ins klassische Konzert gehen.

Der Geigenrebell

David Garrett verbindet die Welten. Er ist mit Nirvana-Covern berühmt geworden, trat im Fernsehen in Schlagersendungen auf. Er füllt Messehallen. Doch Garrett will nicht nur Popstar sein, sondern auch in der Klassik-Welt überzeugen, in der er gross geworden ist. Und das nehmen ihm viele Klassikpuristen übel. Aus ihrer Sicht ist er ein gefallener Engel, hat sich an den Kitsch verkauft. Vor seiner Popkarriere war Garrett ein vielversprechender Nachwuchsgeiger. Ein Wunderkind, wobei Garrett stets betont, es sei eher harte Arbeit als Wunder gewesen. Mit 13 Jahren unterzeichnete er einen Vertrag als jüngster Exklusivkünstler bei der Deutschen Grammophon.

Talent und Fleiss haben Garrett weit gebracht. Aber heute ist er vor allem eine Marke, die jährlich zweistellige Millionenbeträge mit «Klassik für die Masse»-Konzerten umsetzt. Nachdem seine vielversprechende Wunderkind-Laufbahn beendet und er ein paar Jahre von der Bildfläche verschwunden war, kam er mit dem Image des Geigen-Rebellen zurück. Seitdem tritt er in Jeans und bequemem Grunge-Look auf.

Heute erzählt er in jedem Interview, wie hart er als Kind arbeiten musste – acht Stunden Üben pro Tag und dass sein Vater ihn mit dem Geigenbogen auf den Kopf schlug. Freunde hatte er keine. Garrett war ein Aussenseiter, der mit 17 Jahren aus seinem fremdbestimmten Leben ausbrach und nach New York zog, um auf eigene Faust an der Juilliard School zu studieren. Soweit die rührige Story. Doch was steckt dahinter? Ein Mensch, der den Erfolg unbedingt wollte und der mit der Vermarktungsstrategie «sex sells» einverstanden war.

Ein bisschen von seinem Sex-Appeal überträgt er bei seinen Auftritten am Mittwoch und Donnerstag nächster Woche nun auch auf das Sinfonieorchester Basel, die im Anschluss mit ihm für sieben weitere Konzerte in deutschen, österreichischen und italienischen Theatern und Klassik-Tempeln unterwegs sind. Vier davon sind bereits ausverkauft.