Treffpunkt

Gegen Armut und Hilflosigkeit: Dieses Kleinbasler Internet-Café ist ein Planet für Ausgegrenzte

Ein Internetcafé im Kleinbasel will Treffpunkt für alle sein. Entstanden ist es aus einer politischen Bewegung.

Acht Computer stehen im kahl eingerichteten Lokal an der Klybeckstrasse – ausgeschaltet. «Kommen Sie rein, ich schliesse die Tür wieder ab. Wenn das Licht brennt, meinen nämlich viele, wir hätten geöffnet.» Avji Sirmoglu spricht leise, aber bestimmt. Sie weiss um die Beliebtheit des Internetcafés Planet 13. Fünf Tage die Woche ist das Lokal offen. «Für alle», betont Sirmoglu, die seit Beginn des Projekts vor über zwölf Jahren dabei ist.

Im Planet 13 erhalten die Gäste kostenlosen Internetzugang. Der Vordenker der Institution im Kleinbasel ist Christoph Ditzler. Der 63-Jährige machte 2004 durch seine Kandidatur für den Grossen Rat auf sich aufmerksam. Ditzler gründete die Liste 13 gegen Armut und Ausgrenzung. Und sorgte für ein Novum in der Basler Politik: Erstmals stehen Armutsbetroffene hin und wollen im Parlament und in der Regierung mitreden. Ditzler – er sagt, er sei ein Allrounder – übte in seinem Leben schon mehrere Berufe aus: Er war Fotograf, Schreiner und Psychiatrie-Mitarbeiter. Zuletzt war Ditzler als Marktfahrer unterwegs. Bis er seine Lebensgrundlage verlor und beim Sozialamt landete. Mittlerweile ist er frühpensioniert.

Alleinerziehend, arbeitslos, armutsgefährdet

Das Internetcafé war seine Idee. «Denn ohne digitalen Zugang werden die Leute einfach abgehängt», sagt Ditzler schulterzuckend. Denn: «Trotz Smartphones brauchen die Menschen kostenloses Internet und Zugang zu Hard- und Software», sagt Sirmoglu. Ausserdem habe sich das Internetcafé längst zum Treffpunkt für Menschen verschiedener Herkunftsländer, Kulturen und Altersgruppen entwickelt.

Das Projekt funktioniert basisdemokratisch: «Wir sind momentan 15 Personen, die mitbestimmen und Verantwortung tragen.» Aus ihrem Erfahrungsschatz entstehen laufend neue Kurse und Veranstaltungen. Alle ehrenamtlichen Mitarbeitenden sind arbeitslos, abhängig von Sozialhilfe, alleinerziehend, geflüchtet, obdachlos, IV-Rentner oder armutsgefährdet. «Früher habe ich in der Administration eines Spitals gearbeitet. Dann wurde ich arbeitslos», erzählt Sirmoglu. Beim Lesen der Zeitung sei sie damals auf einen kleinen Artikel über die Liste 13 und ihren Wahlkampf gestossen. «Dass diese Menschen in den Grossen Rat wollten, amüsierte mich und zugleich fand ich es sehr mutig.» Deshalb habe sie sich ihnen angeschlossen – auch wenn ihr als Migrantin der Zugang zur Basler Politik verwehrt gewesen sei.

Vom Lehrling bis zur Anwältin

Ditzler erzählt: «Für Avji baute ich aus drei alten Computern einen neuen. Damit sie das Internet nutzen konnte.» Daraus entstand schliesslich das Internetcafé. Und Sirmoglu initiierte die kostenlosen Deutschkurse im Planet 13. «Unsere Programmpunkte entwickeln wir selbst, in dem wir vom vorhandenen Wissen profitieren», so Ditzler.

Von Kunstausstellungen über wöchentliche Filmabende bis zu kostenloser Rechtsberatung und der «Uni von unten» – einem Bildungsangebot für Erwerbslose und Menschen
aus bildungsfernen Familien: 2500 Gäste nutzen das Angebot des gemeinnützigen Vereins jeden Monat. Das weiss Ditzler, da der Verein eine ausführliche Statistik führt. Die Zahl der ehrenamtlichen Mitarbeitenden schwankt. «Über 60 Personen haben uns verlassen, weil sie wieder einen Job gefunden haben im 1. Arbeitsmarkt», so Ditzler. Von Lehrlingen bis zur Anwältin, das Selbsthilfeprojekt wird rege als Überbrückung genutzt. Daneben wird der Planet 13 aber auch von Pensionierten oder Studierenden unterstützt.

Finanziell zählt der Verein auf den Beitrag der Christoph-Merian-Stiftung – mit diesen 60'000 Franken könnten die laufenden Betriebskosten gedeckt werden – sowie auf Spenden. Das Geld reiche, Löhne könnten sie sich aber keine auszahlen, sagt Sirmoglu.

«Viele wollen es nicht wahrhaben, dass es auch in der Schweiz Armut gibt», sagt Sirmoglu. Gegen diese Unsichtbarkeit kämpft der Planet 13. Mit Erfolg: 2020 feiert das Projekt sein 13-jähriges Bestehen. Sirmoglu: «Eine gute Gelegenheit, um auf unsere Probleme und Lösungsvorschläge aufmerksam zu machen.»

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