Die Qualität der einzelnen Sparten im Theater Basel mag von Ära zu Ära schwanken, der Chor aber hat sich stets als Konstante auf höchstem Niveau behauptet. Das weiss nicht nur das Publikum, auch die internationale Fachwelt lobt die Leistung des singenden und spielenden Kollektivs in den höchsten Tönen. Vor fünf Jahren zeichnete die Zeitschrift «Opernwelt» den Theaterchor als «Chor des Jahres» aus. Seither reichte es zwar nicht mehr ganz an die Spitze, entsprechende Nominationen in der Kritikerumfrage blieben aber nicht aus.

Der Theaterchor hat aber auch ein Problem: «Wir bewegen uns auf eine Überalterung des Ensembles zu», sagt Choradministrator Hendrik J. Köhler, der lange Jahre selber als Chormitglied auf der Bühne stand. Chordirektor Michael Clark schätzt das Durchschnittsalter der 38 Ensemblemitglieder aus elf Nationen auf 50 bis 55 Jahre.

Schweizweit ein Novum

Nicht nur das Theater Basel stehe vor diesem Problem, ergänzt Köhler. Zusammen mit Clark möchte er aktiv etwas unternehmen, um junge Nachwuchssängerinnen und -sänger auf hohem Niveau nachzuziehen.

Das Mittel hierfür nennt sich OpernChorAkademie. Ab der Spielzeit 2019/20 sollen junge Gesangsstudenten, die kurz vor ihrem Abschluss stehen oder das Studium bereits beendet haben, die Gelegenheit erhalten, im Berufschor des Theaters das Wirken auf der Bühne in der Praxis zu erlernen. «Wir gehen damit denselben Weg wie beim Modell OperAvenir bei Nachwuchssolisten», sagt Clark.

Mit der Chor-Akademie betritt das Theater Basel in der Schweiz Neuland – in Deutschland und Österreich, namentlich in Dresden und Wien, gibt es bereits entsprechende Angebote. Und es füllt eine Lücke in der Berufsausbildung. «Die Ausbildung an den Musikakademien beschränkt sich – noch – auf Solistenstimmen, die Arbeit im Chor ist eine besondere Herausforderung, die dort kaum zum Tragen kommt», sagt Köhler. Er hat bereits Erfahrungen sammeln können in der Arbeit mit potenziellem Chornachwuchs. Seit 2012 leitet er ein Schnupperpraktikum, das von 17 «begeisterten Sängerinnen und Sängern», wie er sagt, absolviert wurde. Angeregt hatte dieses Praktikum die Stuttgarter Filiale der Künstlervermittlung der deutschen Bundesagentur für Arbeit.

Die Gründung des praxisorientierten Nachdiplomstudiums sei eine logische Konsequenz aus den guten Erfahrungen, die man mit dem Schnupperpraktikum gesammelt habe, sagt Köhler. «Ziel ist es, junge Chorsänger nachzuziehen, die danach problemlos ein Engagement bekommen, natürlich auch an unserem Haus», sagt Clark.

Das Singen wird den Absolventen in der OpernChorAkademie nicht mehr beigebracht werden – diese Fähigkeit werden sie beim Vorsingen beweisen müssen. Verlangt werden fünf Opernarien aus verschiedenen Stilrichtungen – eine davon von Mozart, eine andere in deutscher Sprache. Dazu der Schlusschor aus Beethovens «Fidelio» und je nach Stimmlage weitere Chorpartien.

Auch Spielfreude ist gefragt

Auf die jungen Sängerinnen und Sänger werden noch viele weitere Herausforderungen warten. Angefangen beim Zusammensingen – oder bei zeitgenössischen Werken auch Mal beim Gegeneinander-Singen. «Wir bereiten uns im Moment auf die Uraufführung des Auftragswerks ‹Diodati. Unendlich› von Michael Wertmüller und Dea Loher vor – das ist eine echte Knacknuss, weil gleichzeitig verschiedene Tempi gefragt sind», sagt Köhler. Und das jeweils ohne Notenblatt in der Hand, oft auch ohne frontalen Blick auf den Dirigenten.

Denn nicht nur, aber besonders in Basel hat das Regietheater in der Oper längst Einzug gehalten. «Die szenische Spielfreudigkeit ist neben der stimmlichen Brillanz eines der herausragenden Merkmale unseres Chors», sagt Clark.

Anders gesagt: Ein Theaterchorsänger ist nicht nur eine Stimme unter vielen, sondern verkörpert eine Rolle. Da wird der Chor mal, wie bei Sidi Larbi Cherkaouis herausragender choreografischer Inszenierung von Philipp Glass’ «Satyagraha», quasi zum Teil eines Tanzensembles. Oder wie bei Daniel Kramers Inszenierung von Verdis «La Traviata» zum Haufen zusammen singender, aber als Individuen agierender Darsteller. «Solche Arbeiten sind herausfordernd, aber bereiten uns viel Spass», sagt Köhler.

«Die Arbeit im Theaterchor ist also weit, weit mehr als ein Überlaufventil für unterbeschäftigte Solisten oder gar Hobby für Freizeitsänger», betont Chordirektor Clark.

Vier Ausbildungsplätze

Seit Ende November läuft das Online-Bewerbungsverfahren. Bewerbungsschluss ist am 31. Dezember (23.59 Uhr, wie das Theater Basel schreibt). Wie viele sich bereits beworben haben, wissen Clark und Köhler noch nicht. Das Auswahlverfahren wird auf alle Fälle eine weitere Knacknuss für die Akademieverantwortlichen werden. Denn zu vergeben sind lediglich vier Ausbildungsplätze.