Der Sohn hat als Erster in der Familie die Matur gemacht. Er zieht in die Hauptstadt, macht Karriere, tritt im Fernsehen auf. Ab und an schreibt er eine Postkarte, aber seine Eltern besucht er mehr als 20 Jahre lang nicht. Als er dann in einer Silvesternacht anruft, um ein frohes neues Jahr zu wünschen, antwortet seine Mutter: «Die Klinik hat gerade angerufen. Dein Vater ist vor einer Stunde gestorben.» Das tönt nach dem Plot eines Fernsehdramas, ist aber ein entscheidendes Stück Lebensgeschichte des französischen Soziologen Didier Eribon, der diesen Freitag in der Kaserne zu Gast ist. Es ist, nach dem Kenntnisstand der Veranstalter, Eribons erster öffentlicher Auftritt in Basel.

Eribon hat nichts unternommen, um sich von seinem Vater zu verabschieden. Davon erzählt er selber in seinem Grosserfolg «Rückkehr nach Reims»: «Nichts verband uns, nichts hatten wir gemeinsam. Wenigstens glaubte ich das oder hatte es glauben wollen.»

Memoiren eines Menschen

Erst nach dessen Tod fährt er hin, spricht lange mit seiner Mutter. Dabei spürt er, dass sie in verschiedenen Welten leben. Aber Eribon lässt sich auf die Arbeiterrealität ein, die er scheinbar verlassen hat. Über alte Fotos macht er sich auf in die Erinnerungen an das «Arbeiterelend», das ihn während seiner Kindheit umgab, spricht gegenüber seiner Mutter die betrunkenen Gewaltausbrüche des Vaters an und sinniert darüber, weshalb die Elterngeneration immer kommunistisch gewählt hat und sein Bruder, ein arbeitsloser Metzger, jetzt auf die rechtsextreme Marine Le Pen setzt.

Diese Memoiren, darauf besteht der Soziologe Eribon, sollen auch eine Theorie des Menschen sein: Der soziale Hintergrund eines Jeden wirkt das ganze Leben lang nach.

Die deutsche Übersetzung von «Rückkehr nach Reims» erschien 2016, sieben Jahre nach der französischen Originalausgabe. Im deutschen Raum gibt es seither einen anhaltenden Hype um Eribon. Überall wurde das Buch gefeiert, sogar in der «Basler Zeitung». Der grosse Theaterregisseur Thomas Ostermeier brachte «Rückkehr nach Reims» auf die Bühne. Und Eribon erklärte derweil den deutschsprachigen Medien in langen Interviews, was hinter dem Brexit steht, weshalb er Präsident Macron ablehnt und wie es zur Gelbwesten-Bewegung gekommen ist.

Europa werde von einer Klasse regiert, die man «extreme Mitte» nennen könnte, sagte Eribon etwa im Interview mit der «Zeit»: «Diese Leute glauben, dass das, was den gut ausgebildeten Menschen in den Metropolen nütze, automatisch gut für alle sei.» Das sei falsch. «Es gibt in Europa sehr viele Menschen, die marginalisiert sind, die verzweifelt sind, die über das, was in ihrem Leben vor sich geht, wütend sind.»

Das ist die politische Grundüberzeugung Didier Eribons, die er in der Auseinandersetzung mit seiner Biografie entwickelt oder zumindest gefestigt hat. In «Rückkehr nach Reims» und dem Nachfolgewerk «Gesellschaft als Urteil» zeichnet Eribon nach, wie stark er seine Scham über die eigene Herkunft aus der Arbeiterklasse verspürte. In der Pariser Bildungselite, der er selbst längst angehörte, erwähnte er sie bis dahin bloss gegenüber engen Freunden. Mit «Réflexions sur la question gay», seinem ersten autobiografisch geprägten Werk, ist er zu einem Vordenker der französischen Homosexuellen geworden. Aber weder im Buch selbst noch bei einem seiner öffentlichen Auftritte sprach er über die Homophobie seines Vaters – denn dann hätte er seine einfache Herkunft zugeben müssen.

Sein Hauptstudienobjekt? Er selbst

Heute hat sich Eribon mit seiner Herkunftsscham auseinandergesetzt und spart nicht mit öffentlichen Positionierungen zur französischen und europäischen Politik. Die französischen Sozialdemokraten – Schlagwort: Kaviarlinke – seien untergegangen, weil sie ignorierten, dass bis heute soziale Klassen die Gesellschaft prägen. Anders als andere ältere Intellektuelle – Eribon ist mittlerweile auch schon 65 – spielt der Soziologe dabei die soziale Frage nicht gegen den Feminismus oder Migrantinnen und Migranten aus, sondern kommt zum Schluss: Die französische Elite kümmert sich um all jene zu wenig, die auf die eine oder andere Weise an den Rand gedrängt worden sind.

Die Schlüsse, die Eribon zieht, sind aber nicht seine Hauptqualität. Es ist Eribons Weg zu den Schlüssen, der einen Besuch in der Kaserne lohnenswert macht. Eri-bon richtet die Kritik nicht nur gegen andere, sondern wendet sie nicht zuletzt immer gegen sein Hauptstudienobjekt: sich selbst. Seine eigenen Erinnerungen sind sein wichtigstes Rohmaterial. Nach jahrzehntelanger Selbstbeobachtung ist Eri-bon ein Spezialist darin, die Feinschattierungen seines Erlebens zu schildern, zu interpretieren und nachvollziehbar zu machen. Das macht ihn relevant.

   

Talk 12.4., 18 Uhr: Rossstall, Kaserne Basel.