Herbstmesse
Geisterbahnbetreiber Pascal Steiner: «Ich hatte Angst vor der Dunkelheit»

Als Kind mied Pascal Steiner die Geisterbahn, jetzt hält sie ihn am Leben. Auch von seiner Krankheit lässt er sich nicht von seinem Hobby abbringen.

Martina Rutschmann
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Pascal Steiner beim Spielplatz im Garten der psychiatrischen Klinik in Liestal, wo er Patient ist.

Pascal Steiner beim Spielplatz im Garten der psychiatrischen Klinik in Liestal, wo er Patient ist.

Juri Junkov

Woher die Faszination kam, kann er nicht sagen. Sie war einfach da. Und ist es bis heute. Pascal Steiner zählt die Tage bis zur Herbstmesse. Er wird dem Publikum eine Woche voraus sein, wenn dieses am 28. Oktober den ersten Messebummel in diesem Jahr unternimmt. Die Ärzte haben ihm zugesichert, die Psychiatrie in Liestal rechtzeitig verlassen zu dürfen. Steiner will unbedingt dabei sein, wenn die Helfer seine Geisterbahn aufbauen. Er fühlt sich nach einem Medikamentenwechsel auch schon viel besser.

Bald wohnt er wieder im Haus, in dem er aufgewachsen ist. Für wie lange diesmal? Wochen, Monate, Jahre? «Darüber denke ich nicht nach. Die Herbstmesse geht vor.» Sie ist der Jahreshöhepunkt für den 55-Jährigen – und sein Lebensinhalt.

Fahrt in den Dschungel

Pascal Steiner gehört die legendäre Geisterbahn, die in den 30er Jahren auf dem Wiener Prater stand und später in die Schweiz verkauft wurde. Seit dem Tod seines Bruders betreibt er das Geschäft allein. Alles, was darin zu sehen ist, stammt aus der Anfangszeit – fast. «Manche Erscheinungen mussten wir ersetzen.»

Die Fassade aber hat Steiner zusammen mit Kollegen vor einigen Jahren originalgetreu renoviert. Dabei kamen Schriftzüge wie «Fahrt in den Dschungel» ans Licht und Abbildungen von Papageien. Was eine Zeit lang als altmodisch galt, ist seit 2013 wieder im Trend. Seither steht die Grusel-Bahn mit anderen Klassikern in der «Super 80’s»-Halle 3.

Steiners Vater war leitender Buchhalter in Münchenstein und kirchlich engagiert, die Mutter arbeitete als Schneiderin. Mit Rummelplätzen hatten die Eltern nichts am Hut. Das hinderte die beiden Söhne nicht daran, im Oktober so oft wie möglich ins 11er-Tram zu steigen und in die Stadt an die Herbstmesse zu fahren.

Dem 17-jährigen Philippe reichte es nicht, Zuschauer auf dem Messeplatz zu sein. Er organisierte sich einen Job als Gehilfe. Und immer, wenn der Erstklässler Pascal frei hatte, begleitete er den älteren Bruder zur Arbeit. Schaute zu, wie dieser die Wagen verschloss, den Kindern die Tickets abnahm und Sprüche klopfte. Pascal selber sagte kein Wort, war mehr traurig als fröhlich. «Ich war der Brave, nicht wie Philippe – der machte, was er wollte.»

Diagnose: manisch-depressiv

Erst viele Jahre später wurde aus der dauernden Melancholie eine Krankheit. Diagnose: manisch-depressiv. Die erste Manie überkam Pascal Steiner an der Herbstmesse. Er war 33 Jahre alt. Sein Bruder und er hatten sich eben erst einen Traum erfüllt – und die alte Geisterbahn gekauft. Endlich waren sie, was sie immer sein wollten: Schausteller. Zunächst als Hobby, Pascal arbeitete noch als Programmierer auf der Bank, der Bruder fuhr Taxi. Doch die Geisterbahn sollte der Anfang einer Schausteller-Laufbahn sein.

Das Problem: In den 90er Jahren musste auch an der Herbstmesse alles schneller, moderner, neuer sein. Für Oldtimer gab es keinen Platz. Obwohl sie wussten, in welche Richtung die Bahn-Trends gingen, konnten Pascal und Philippe Steiner nicht glauben, was sie in einem offiziellen Schreiben der Stadt lasen.

Wir? Eine Absage für die Herbstmesse? Mit diesem Prachtsexemplar von einer Bahn? «Es war ein Schock», sagt Pascal Steiner. Kurz darauf starb der Vater, alles kam zusammen. Steiner wurde Patient in Liestal.

Wenn er so da sitzt, im Klinikgarten, eine Zigarette raucht und durch die dunkle Brille in die Ferne schaut, sieht er aus wie ein Rocker. Langes Haar, Bart, Ledergilet, Halskette mit Flügeln und Kreuzen. Sind Sie ein Rocker, Herr Steiner? Er verneint nicht. Sagt nur: «Früher haben Rocker auf den Rummelplätzen für Ordnung gesorgt, nicht die Polizei.»

Fahren Sie Motorrad? «Aber nein, das ist viel zu gefährlich!» Er möge alte amerikanische Autos, sitze wegen der Medikamente aber nicht mehr selber am Steuer.

In einer Welt mit Geistern

Pascal Steiner ist ein sensibler Mann. Um das zu merken, muss man ihn nicht gut kennen. Er hat ausserdem ein Flair für Übersinnliches, glaubt an die Welt der Geister, irgendetwas muss es da doch noch geben, oder nicht? Als Kind traute er sich nicht auf die Geisterbahn, sondern wartete auf dem Platz, bis sein Bruder Philippe begeistert vor lauter Grusel herauskam. «Ich hatte Angst vor der Dunkelheit», sagt er. Inzwischen weiss er, dass es gerade diese extreme Dunkelheit ist, die seine Bahn ausmacht.

Ein ehemaliger Arbeitskollege sagt, Pascal Steiner sei der beste Programmierer im Team gewesen. Steiner weiss das. «Diese Arbeit hat mich trotzdem nicht glücklich gemacht.» Lange wusste er nicht, ob es überhaupt etwas gibt, was ihn glücklich machen könnte. Dann machte er erste Erfahrungen als Schausteller – vor der ungewollten Pause, die 20 Jahre dauerte, ein einziges Mal in Basel und einige Male auf anderen Plätzen. «Mit meiner Bahn brachte ich Freude unters Volk. Das machte mich glücklich, macht mich heute noch glücklich.» Auch die Liebe zu seiner Freundin eröffnete eine neue Welt für ihn. Er war über 40, als er sie traf. Sie musste mit derselben Diagnose wie er leben, hinzu kamen andere Probleme. Im letzten Sommer erhängte sie sich in Steiners Keller.

Der Bruder als Antrieb

Das Glück und die Trauer – ohne das eine gibt es das andere nicht, oder so ähnlich. Wer könnte das besser wissen als ein Mann, der seit über 20 Jahren Tabletten schlucken muss, um das Leben einigermassen ertragen zu können? «Gestern ging es mir schlecht, heute geht es mir besser, es ändert jeden Tag», sagt er. Wenn er aber auf den Kalender schaue und sehe, dass die Herbstmesse wieder einen Tag näher gerückt ist, gehe es ihm gut.

Bloss Philippe fehle ihm. Es ist jetzt genau zehn Jahre her, dass er an einem Herzstillstand starb. «Aber er will, dass ich weiter mache», sagt Pascal Steiner. Das wisse er ganz genau. Und solange seine Geisterbahn bei allen Generationen Erinnerungen wecke, mache er weiter. Denn so lange könne er «Freude unters Volk bringen». Und das sei ja schliesslich der Sinn der ganzen Geschichte, oder?