Geistschreiber
Mein Tablettli

Mit spitzer Feder kommentiert der Geistschreiber das Geschehen in der Region, im Land, ja auf der ganzen Welt.

Willi Näf
Willi Näf
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Willi Näf hat die Beziehung mit seinem Tablettli wieder aufgenommen.

Willi Näf hat die Beziehung mit seinem Tablettli wieder aufgenommen.

Erwin Wodicka

Ich hatte einen epileptischen Anfall. Kein Witz. An unserem Hochzeitstag, originellerweise. Mit Tatütata und allem Drum und Dran. Und das nach 24 Jahren Ruhe. Wir, meine Neurologin und ich, wollten nämlich die Pille ausschleichen. (Meine, versteht sich, die Pillen meiner Neurologin gehen mich nichts an.) Ausschleichen heisst: Die Dosis so klandestin auf null reduzieren, dass das Gehirn es nicht merkt. Aber mein Gehirn scheint ein aufgewecktes Ding zu sein – was man so nicht unbedingt hatte erwarten können – und hat mir vier Tage nach dem letzten Tablettli demonstriert, wer hier wen steuert.

Jetzt würde ich gern faule Sprüche machen. Nur findet die niemand lustig. Besonders die nicht, die mal so einen Anfall miterleben mussten. Ein «Grand-mal» ist für alle ein Überforderungsschock. Ausser für den, der ihn hat. Ihm knipst das Gehirn nämlich das Bewusstsein aus, bevor er es merkt. Und wer andererseits von Epilepsie keine Ahnung hat, findet’s gruselig und ist verunsichert, und verunsicherte Mitmenschen lachen nicht. Der kluge Epi frotzelt darum höchstens über das Epilieren.

Hier aber gleichwohl eine schmucke Episode: Über meine zwei Anfälle 1997 hatte ich eine Reportage geschrieben, fast gleichzeitig mit einer Satire über ein anderes Thema. Eine nette Dame las zufällig beide Texte, war erbost über meine Satire und schrieb mir, meine Anfälle seien ja wohl kein Zufall gewesen, sondern eine Strafe Gottes für meine Satire. Ich antwortete ihr dann wahrheitsgetreu, die Satire hätte ich erst nach den Anfällen geschrieben. Mein Lieblingssatz aus ihrem Brief bleibt mir unvergessen: «Wenn ich Gott wäre und Sie mein Sohn, dann hätte ich Ihnen tüchtig eins auf Ihr Lästermaul gehauen.» Ich schrieb nicht minder freundlich zurück: «Zum Glück sind Sie nicht Gott und ich nicht Ihr Sohn.»

Der 5. Oktober ist der internationale Tag der Epilepsie. Warum nicht mal auf Wikipedia etwas über epileptische Phänomene lesen? Es ist ein echt spannendes Thema. Und übrigens: Mein Tablettli und ich haben am Tag nach dem Anfall vor vier Monaten eine erneute langfristige Zusammenarbeit beschlossen. Uns beiden geht’s flott.

Und nächsten Hochzeitstag gehen meine Liebste und ich ganz undramatisch auswärts essen.

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