Ein grosser Boulevard mit reduziertem Verkehr, vielen Velos und Fussgängern und einigen neuartigen rollenden Fortbewegungsmitteln. Parkplätze werden zu Gemüsebeeten und Sofaecken. Abends steigen Feste der verschiedenen Kulturkreise. Jedes ist anders. Auch das Mobiliar lässt sich dafür flexibel verschieben.

«Hier wird Integration gelebt und nicht nur eingefordert», sagt Tarek. «Es ist ein Beisammensein aller Menschen.» Wir schreiben das Jahr 2038 im Klybeckquartier, wo einst auf einem Areal von der Grösse von 40 Fussballfeldern Farben hergestellt wurden. BASF und Novartis haben das Areal vor über 20 Jahren zur Entwicklung freigegeben. Im Haus der Kulturen finden regelmässig Veranstaltungen aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen statt. Die Mitwirkungsbar ist ein stets offener Treffpunkt, wo man auch seine Bedürfnisse ans Quartier mitteilen kann, die wiederum an die Behörden weitergetragen werden.

Forderungen gleichen sich

Genau diese Offenheit soll eines der Hauptmerkmale des neuen Stadtquartiers werden, das BASF, Novartis und der Kanton Basel-Stadt im Rahmen von «Klybeck.plus» zusammen entwickeln. Die Bevölkerung darf sich einbringen. Dies reicht dem Verein «Zukunft.Klybeck» nicht. Er möchte, dass die Bevölkerung nicht nur mitreden, sondern auch mitbestimmen kann.

Tarek ist ein fiktiver Bewohner des neuen Quartiers im Jahre 2038. Zusammen mit Leonie, Svenja und Reto ist er am Samstagnachmittag im Quartiertreffpunkt Kleinhüningen Teil der Lesung, in der die an einer Mitwirkungsveranstaltung im März geäusserten Bedürfnisse zusammengetragen wurden.

Rund 40 Personen nahmen im März zuerst an einer Führung durchs Quartier, anschliessend an einem Workshop teil. Rund die Hälfte davon waren Migranten, die sich bisher auch wegen Sprachbarrieren nur wenig äusserten, obwohl sie mehr als die Hälfte der Quartierbevölkerung ausmachen. Die geäusserten Bedürfnisse der Migranten unterschieden sich zur Überraschung von Vereinspräsident Christoph Moerikofer aber nicht gross von den bisher geäusserten Bedürfnissen der Schweizer. «Das war einerseits ernüchternd, andererseits zeugt es auch von Qualität, dass alle ähnliche Bedürfnisse haben. Ich bin überzeugt, dass dies die Forderungen sogar stärkt.»

Durchmischung gegen Gettos

Am Samstag präsentierten die Verantwortlichen von «Zukunft.Klybeck» die Ergebnisse des Workshops. Und die Forderungen sind klar: Eine starke Durchmischung der Kulturen, Generationen und Klassen. Die Offenheit soll gelebt werden. Ein Miteinander statt wie die heute oft gelebte Individualität. «Die Durchmischung der Bevölkerung ist wichtig, damit keine Gettos entstehen, wo sich alle ähnlich sind», findet Hansruedi Steinmann. Dies sei in Basel schon zu viel passiert. «Wir müssen auch wieder Schweizer in diese Quartiere bringen.»

Steinmann ist sich bewusst, dass eine Entwicklung auch Druck auf den Wohnungsmarkt auslöst. «Bezahlbarer Wohnraum ist zentral, dass diese Durchmischung stattfinden kann.» Hansruedi Steinmann ist überzeugt, dass eine gelungene Arealentwicklung im Klybeck Vorbildcharakter für die ganze Schweiz und sogar Europa haben könnte.

«Es braucht teuren Wohnraum»

Studierende der Hochschule für Gestaltung und Kunst (HGK) der FHNW interpretierten die Ergebnisse in verschiedenen Darstellungen, die frei ergänzt werden konnten. Viel Grün, ein Open Air Kino, eine Kletterwand und mehrere Plätze und Treffpunkte kamen dazu. Eine breite Forderung aus der Bevölkerung wurde in der Diskussionsrunde zum wiederholten Male klar: Der Kanton soll sich einkaufen und das Areal entwickeln und nicht private Investoren, die nur auf eine grosse Rendite zielen.

Die Freigabe gewisser Flächen für Zwischennutzungen durch die BASF wurde gelobt. Andreas Nütten, Architekturdozent an der FHNW, unterstreicht die Bedeutung dieser Zwischennutzung. «Die muss genutzt werden, um schon mal den Fuss reinzukriegen. Die ersten fünf Jahre sind entscheidend, um ein gescheites Miteinander zu leben und zu demonstrieren.»

Möglichst grosser Publikumsverkehr soll schon während der Zwischennutzung vorherrschen, hält Christoph Moerikofer fest. Andreas Nütten fordert auch bezahlbaren Wohnraum, merkt aber realistisch an, dass dieser irgendwie querfinanziert werden muss. Deshalb ist für ihn klar: «Es braucht auch teuren Wohnraum, um den günstigen zu finanzieren.»