Pro und Kontra
Genderneutrale Kinderbücher: Darf oder muss der Staat bei der Erziehung mitreden?

Das Basler Gleichstellungsbüro hat eine Liste mit genderneutralen Kinderbüchern veröffentlicht. Ist es Staatsaufgabe, sich in die Erziehung einzumischen? Oder steckt dahinter der Versuch, die Gleichstellung von Mann und Frau schon früh aufzugleisen?

Benjamin Rosch und Nicolas Drechsler
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Ronja Räubertochter hat es auf die Liste der «klischeefreien» Kinderbücher geschafft, Pippi Langstrumpf nicht. NIZ

Ronja Räubertochter hat es auf die Liste der «klischeefreien» Kinderbücher geschafft, Pippi Langstrumpf nicht. NIZ

Nicole Nars-Zimmer niz
Benjamin Rosch stv. Ressortleiter Basel-Stadt

Benjamin Rosch stv. Ressortleiter Basel-Stadt

«Kampf gegen Diskriminierung ist Staatsaufgabe»

Eine freiwillige Liste mit Tipps für aufgeklärte Eltern? Diese Idee könnte liberaler kaum sein.

Kennen Sie Wumbo Wumbo? Er ist der dumme Sohn einer dicken Negerin. Sie dürfen sich ruhig empören ob dieser Zeilen. Aber als ich Kind war, habe ich die Schallplatte, auf der Trudi Gerster die Geschichte von Wumbo Wumbo so erzählt, rauf und runter gehört. Das hat mich natürlich nicht zum Rassisten gemacht.

Aber es lässt sich auch nicht wegreden, dass Rassismus immer noch ein grosses Thema ist. Auch im urbanen Basel, das sich gerne weltoffen lobt. Kinderbücher spielen dabei eine Rolle. Sie prägen die Wahrnehmung auf einer unterbewussten Stufe. Der Psychoanalytiker C. G. Jung beschrieb die Weitergabe sogenannter Archetypen über die Verbreitung von Märchen, das Konzept eines eigenständigen Helden etwa.

In Kinderbüchern ist dieser meist männlich: Jim Knopf, Tom Sawyer, Emil und die Detektive – Pippi Langstrumpf als Inbegriff des Unorthodoxen fällt hier geradezu auf. Doch dabei bleibt es ja nicht. Dieses Bild wird weitertransportiert, erscheint in Fernsehserien, Kinofilmen – und zementiert die unterschwellige Vorstellung in den Köpfen, dass eine starke Figur meist männlich ist.

Mit Kinderbüchern werden Rollenbilder vermittelt, die sich festsetzen. Natürlich lassen sich diese später ausgleichen. Man gewinnt neue Erfahrungen und Erkenntnisse. Aber besser wäre es doch, sich gar nicht von veralteten Denkmustern leiten zu lassen. Jenen Autoren, die noch das Negerdörfli im Zolli erlebt haben, ist überdies auch kein Vorwurf zu machen, dass sie diese Stereotypen weiterverarbeitet haben. Doch gehören sie in die Vergangenheit.

Nun kann man sich darüber ärgern, dass sich der Staat in die Erziehung einmischt. Man kann sich auch über Bojen ärgern, die Rheinschwimmer zur richtigen Schwimmroute erziehen sollen. Man kann sich fast immer über den Staat ärgern, wenn man sich überlegen fühlt. Am empfindlichsten trifft es aber Eltern bei der Kindererziehung: Dort wollen sie die Hoheit, dort fühlen sie sich in ihrem Elternstolz verletzt. Selbst wenn kein Zwang besteht, sich diese Liste nur anzuschauen.

Doch: Es ist Staatsaufgabe, sich gegen Diskriminierung einzusetzen. Das ist eine liberale Haltung. Gleichberechtigung macht auch wirtschaftlich Sinn. Es ist ziemlich engstirnig und kaum im Sinne des Kindes, sich von dieser Empfehlung nicht inspirieren zu lassen.

Nicolas Drechsler Ressortleiter Basel-Stadt

Nicolas Drechsler Ressortleiter Basel-Stadt

bz

«Vater Staat erzieht mein Kind noch früh genug»

Buchempfehlungen herauszugeben, ist nicht die Aufgabe einer Stabsstelle, die genügend wichtigere Aufgaben hätte.

Frauen verdienen massiv weniger als Männer, bei gleicher Arbeit. Junge Frauen ergreifen vorwiegend «frauenspezifische» Berufe. Auf Chefetagen herrscht Männerdominanz. Es gilt, Kulturen in unsere zu integrieren, die extrem patriarchalische Strukturen leben. Das wären alles wichtige Aufgaben für ein Gleichstellungsbüro. Listen mit politisch korrekten Kinderbüchern sind es nicht.

Das aktuelle Lieblingsbuch meines Sohnemanns dreht sich um einen Maulwurf, dem jemand ein «Gaggi» auf den Kopf gemacht hat, um im Duktus der Zielgruppe zu sprechen. Der fäkalienverzierte Maulwurf verbringt den halben Tag damit, nachzuforschen, wer der Schuldige ist. Und als er ihn gefunden hat, zahlt er es ihm mit gleicher Münze heim. Pädagogisch wertvoll? Ich weiss es nicht. Aber Sohnemann will das Buch immer und immer wieder anschauen und lacht sich kaputt. Und ich als Vater lache mit. Unterhaltungsliteratur nennt man das wohl.

Soll ich den Kleinen nun zwingen, sich «Prinzessin Hannibal» zu Gemüte zu führen, wie das Vater Staat, oder hier wohl eher Mutter Staat es offenbar gerne hätte? Damit er ein Bewusstsein für soziales Geschlecht, Homosexualität, Transsexuelle und Stereotypenprägung mitkriegt? Ich denke eher nicht. Ja, manchmal nervt es mich, wie einseitig die Bücherwelt gerade für kleine Kinder ist.

Ich kann keine Ponyhöfe, Traktoren und Mähdrescher mehr sehen. Das hat mit dem urbanen Umfeld, in dem mein Sohn aufwächst, nichts zu tun. Und da ist es an mir und meiner Frau, ihm die Informationen nachzuliefern, die er in diesen Büchern nicht erhält. Genau so wie es an uns ist, zu versuchen, ihn zu einem mündigen, eigenständigen Mann zu erziehen, der anderen Menschen mit offenem Geist und offenem Herzen begegnet. Der Rollenbilder und Strukturen kritisch hinterfragt. Dazu brauche ich den Staat nicht.

Jenen Staat, der sich immer mehr in der Erziehung breitmacht. Der Empfehlungen zu allem abgibt, vom Essen bis zum Kompostieren. Gründe dafür gibt es immer: Gesündere Bürger kosten weniger. Abfalltrennen spart Energie. Helmtragen schützt den Schädel, Nichtrauchen die Lunge, Stosslüften die Heizabrechnung. Nun arbeiten die Staatsdiener also an der Einstellung zu Genderfragen und das bereits im frühkindlichen Alter. Sicher gut gemeint. Aber eben: keine Staatsaufgabe.

Ein Klassiker unter den Jugendbüchern ist Ronja Räubertochter. Astrid Lindgren schuf damit eine der ersten weiblichen Protagonistinnen der Jugendliteratur.
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