Im Gundeli-Restaurant «Bundesbahn» findet am 26. Juni eine denkwürdige ausserordentliche Generalversammlung der Baugenossenschaft Nord-West (Pratteln) statt. Die Genossenschafter sollen zustimmen, dass die markante Häusergruppe am Tellplatz, Güter- und Bruderholzstrasse inklusive Baurecht an die Schweizer Immobiliengesellschaft Swiss Finance & Property Investment AG (SFPI) in Zürich verkauft wird.

Im Begleitbrief zur GV-Einladung begründet Präsident Fernando Rimo den Verkauf mit dem hohen Sanierungsbedarf der Häuser aus dem Jahr 1892: «Aufgrund von durchgeführten Sanierungsstudien (Minimal- und Maximalvarianten) müsste die Baugenossenschaft Nord-West 1,25 bis 3,6 Millionen Franken an zusätzlichen Mitteln für nachhaltige Renovationen aufnehmen.» Die Verzinsung des Darlehens müsste direkt auf die Mietzinse überwälzt werden. Zudem, schreibt Rimo, würde eine Sanierung mit den strengen Vorgaben des Denkmalsschutzes die Möglichkeiten eines Milizvorstandes übersteigen.

Die acht Häuser sollen zum Preis von 4,62 Millionen Franken, die Ablösesumme der Hypothekarschuld, inklusive Baurecht an die SFPI verkauft werden. Die SBB, der das 3200 Quadratmeter grosse Grundstück gehören, übernimmt alle Transaktionskosten. Mit gutem Grund: Stimmen die Genossenschafter zu, werden die SBB danach das Land der SFPI verkaufen. «Die Höhe des Preises für das Paket von Gebäude und Land war entscheidend», sagt ein SBB-Sprecher.

Wie konnte es so weit kommen, dass eine Genossenschaft ihre Häuser an eine börsenkotierte Immobiliengesellschaft verkauft? Die Genossenschaft Nord-West habe sich stets an die Statuten gehalten, welche eine Mietzinsstruktur nach Kostenmiete vorschrieben, sagt Rimo. Mietzinserhöhungen waren offenbar auch aus Sicht der Wohnungsbesitzer tabu. So blieben Instandstellungen aus, weil sonst der Mietzins in die Höhe getrieben worden wäre. Alles blieb so wie es war.

Die Folge dieser blauäugigen Politik: Eine notwendige grosse Sanierung, bei der der Milizvorstand «schlicht überfordert wäre», wie Rimo zugibt. Er betont, dass man jahrelang für eine Alternativ-Lösung, auch mit anderen gemeinnützigen Wohnbauträgern, «geweibelt» sei. Auch über Fusionen mit anderen Genossenschaften redete man. Vergeblich. Die Lösung mit der «finanzkräftigen» SFPI bezeichnet Rimo begeistert als «Win-win-Situation». Das beste Angebot habe gewonnen, jubeln auch die SBB.

Diese Freude mag SP-Grossrat Jörg Vitelli, Präsident der Genossenschaft für Wohnen und Arbeiten (Gewona), nicht teilen. «Wir wollen bezahlbaren Wohnraum im Gundeli-Quartier erhalten», sagt er gegenüber dem «Sonntag». Es gehe nicht an, dass gemeinnütziger Wohnungsbau in die Hände der Spekulation falle. Der Politiker fordert die SBB auf, Hand für eine Lösung mit einer Genossenschaft zu bieten. Die Angebot der Genossenschaften seien nicht zufriedenstellend gewesen, sagt ein SBB-Sprecher.

Vitelli gibt nicht auf. Die Genossenschaft Gewona hat der Baugenossenschaft Nord-West diese Woche nochmals ein Kaufangebot für die Häuser in gleicher Höhe wie die SFPI gemacht. Alle Mietverhältnisse würden übernommen. Die Gewona sei erfahren in schonenden Renovationen. Gleichzeitig wurde eine Petition der Mieterschaft auf die GV hin lanciert und Anträge von Genossenschaftern geschrieben, dass der Vorstand mit der Gewona über einen Kauf verhandeln sollte. In der Petition heisst es, dass Firmen wie die SFPI maximale Renditen wünschten und keine Rücksicht auf bezahlbare Mieten nähmen.

Näheres zu ihren Plänen will die SFPI nicht sagen. Die Immobilienfirma will sich an ihre Regeln halten und vor einer geplanten Akquisition keine Stellungnahme abgeben. Für Präsident Rimo ist «der Zug für andere Lösungen abgefahren»: «Ich bin überzeugt, dass die meisten heutigen Mieter auch noch in fünf, zehn Jahren ihre Wohnungen am Tellplatz haben werden.» Für Vitelli garantiert nur eine Wohngenossenschaft, dass Kündigungen ausbleiben.