Georges Delnon, was denken Sie: Weshalb hat es kein Theaterstück aus Basel ans Berliner Theatertreffen geschafft?

Georges Delnon: Man kann die Liste der Stücke einsehen, die in der näheren Auswahl stehen; dieses Jahr stand unser Bankenstück «Angst» darauf. Vielleicht hätte es zwei Drehungen mehr gebraucht, um es nach Berlin zu schaffen.

Hätten weitere Stücke diese Höchstauszeichnung verdient?

Gewünscht hätte ich es mir natürlich.

Waren Sie denn von einem der Stücke im Schauspiel hingerissen?

Ich kann die Stücke nicht wie ein Unbeteiligter anschauen, dafür bin ich zu stark in jede Produktion involviert.

Sie sind nun häufig in Hamburg. Vielleicht verhilft der Blick von dort aus zu einer neuen Perspektive auf das Theater in Basel?

Das glaube ich nicht. Ich schaue mir überall sehr viel Theater an und bin seit je ein aufgeschlossener Zuschauer.

Wo bleibt der versprochene Vollkontakt – etwa die Ausflüge des Theaters raus ins Baselbiet?

Sie meinen Simon Solbergs Idee? Es war dann doch zu wenig voll und zu wenig Kontakt, das ist so. Fast alle Theatermacher, die neu anfangen, künden letztlich immer dieselben Absichten an: Man will in Dialog treten, will auf die Leute zugehen. Ich mache den Job seit bald 20 Jahren. Ich glaube, am Ende zählt vor allem die Qualität auf der Bühne. Die ist entscheidend. Nicht die vollmundigen Sätze, die man vorher oder hinterher sagt. Es gilt, die Themen zu finden, die die Leute animieren, neugierig machen. Das war bei «Angst» der Fall, darüber wurde in der Stadt gesprochen.

Man wollte mit einem Bus raus zu potenziell neuen Besuchern.

Der Theater-Bus steht bereit. Wir haben solche Aktionen ja schon gemacht: Wir haben in Baselbieter Kneipen gespielt, wir waren in Augusta Raurica. «Vaudeville!» ist auch eine «Outdoor»-Produktion: Ein paar Schritte vors Haus können reichen, um auf die Leute zuzugehen. Wir hatten allerdings Pech mit dem Wetter.

Nimmt das Theater nächste Saison neuen Anlauf, etwa mit dem Bus?

Natürlich wollen wir auf die Leute zugehen. Man versucht auch immer neue Reibung zu erzeugen und hinterfragt zunehmend den Bühnenraum. In Zukunft wird mehr im öffentlichen Raum gespielt, das zeichnet sich klar ab. Schauspiel und Oper werden noch viele ungewöhnliche Orte bespielen. Vom Bahnhof übers Kaufhaus bis zum Gefängnis. Das sollte aber kein Gag sein, sondern inhaltlich zwingend.

Sie sagten vorhin, entscheidend sei die Qualität auf der Bühne. Ist dem Theater Basel diese Saison eine hohe Qualität gelungen?

Ich finde, es war eine unserer besten Spielzeiten in diesen sieben Jahren. Und zwar über alle drei Sparten hinweg. Meiner Meinung nach gab es keinen Flop und sehr viele spannende Produktionen. Nicht alle wurden entsprechend besucht. Das macht mich traurig. Ich fand etwa «The Black Rider» eine hervorragende Arbeit. Das wurde leider nicht honoriert. Das muss ich akzeptieren. Trotzdem möchte ich als Direktor meiner Enttäuschung darüber Luft machen, dass so eine gute Arbeit nicht mehr geschätzt wurde.

Man hat sich viel erhofft vom neuen Schauspiel-Trio. Die hohen Erwartungen wurden nicht erfüllt.

Meine Erwartungen schon: Ich wollte mehr Bewegung, mehr Energie und eine dichtere Arbeit bei relevanten Themen. Die drei haben einiges losgetreten. Man sagt, die Arbeit eines neuen Schauspielteams könne erst nach zwei, drei Jahren beurteilt werden. So viel Zeit hat diese Mannschaft nun nicht. Sie ist aus einer Interims-Lösung entstanden. Die Drei haben aus dieser schwierigen Situation viel gemacht. Man kann gespannt sein, wie es in der nächsten Spielzeit weitergeht. Ich freue mich besonders auf die Schweizer Autoren. Es war mir stets ein Anliegen, dass man sich mehr mit Schweizer Dramatik auseinandersetzt.

Sie sind also sehr zufrieden mit dieser Saison?

Inhaltlich, künstlerisch war es eine der besten. Das ist meine Überzeugung. Sie wurde aber allgemein nicht so aufgenommen. Entsprechend muss ich mich fragen, ob mich womöglich mein Gespür verlassen hat, ob ich eine falsche Brille aufhabe. Ich betrachte und analysiere jede Produktion einzeln. Ich möchte mich nicht auf eine irrationale, atmosphärische Theaterdiskussion einlassen, wie sie die «Basler Zeitung» betreibt. Die BaZ greift mich regelmässig persönlich an – und trifft damit vor allem das Haus. Was gewisse Redaktoren machen, ist journalistisch längst im roten Bereich: eine unwürdige Stimmungsmache gegen das Theater, die letztlich allen schadet.

Was möchten Sie nach dieser Saison konkret verbessern?

Das überlegen wir uns immer, das fängt schon mit unserem Auftritt an! Unser Saisonbuch 12/13 gab viel zu diskutieren: Einerseits hat es vielen Leuten missfallen, anderseits bekam es Preise und wurde von Fachleuten sehr gelobt. Es ist interessant zu sehen: Man kann sieben Jahre an einem Theater sein, aber man kann nie vorhersehen, wie eine Saison wirklich laufen wird.

Der eben verabschiedete Verwaltungsratspräsident Martin Batzer plädierte für mehr Marketing.

Herr Batzer war ein grossartiger Verwaltungsratspräsident. Wir haben uns oft über das Thema Marketing unterhalten. Natürlich spielt es beim Theater mit eine Rolle, wobei auch die Empörung über ein Stück Marketing sein kann. Aber der Erfolg und der Mehrwert der Theaterarbeit haben vor allem mit dem Inhalt und der Form zu tun. Meine Erfahrung ist zudem: Wenn in Basel ein Stück wirklich gefällt, dann spricht sich das schnell herum. Jetzt hat zum Beispiel in der Oper «War Requiem» eine Begeisterung ausgelöst, die vorher nicht da war. Der Kontrast zwischen dieser und der halbherzigen Rezeption von «Idomeneo» ist für mich schockierend. Ich finde beide Arbeiten auf ihre Art toll und halte David Bösch für einen der begabtesten jungen Regisseure. Diese unvorhersehbaren Reaktionen machen den Job schwierig, aber auch spannend.

Sie sind eher ein Mann der Oper, es ist wohl kein Zufall, dass diese Sparte seit Jahren stärker ist als das Schauspiel.

Es ist fast unvermeidbar, dass der Intendant von der einen oder anderen Sparte kommt. Natürlich verstehe ich persönlich mehr von der Oper. Aber es ist mir ein Anliegen, trotzdem gerade auch im Schauspiel zu reüssieren. All die Geschichten, die man hört von weniger Geld fürs Schauspiel, weniger Optionen, streite ich entschieden ab, das war nie so. Sobald gewisse Regisseure und Projekte gewünscht wurden, habe ich alles darangesetzt, die Finanzierung zu ermöglichen. Das Ziel war von Anfang an, alle drei Sparten so weit als möglich nach vorne zu bringen.

Wie läuft es mit der Spartenübergreifung?

Es gibt ein konservatives Spartendenken. Aber ihre Auflösung ist ebenso eine Tendenz. Ich suche immer im Einen auch das Andere; in den Verbindungen gibt es einen Mehrwert. Nächste Saison haben wir besonders viele spartenübergreifende Projekte.

Sie bereiten schon Ihre Intendanz in Hamburg vor. Haben Sie noch genug Energie für Basel?

Das ist für mich eine Frage der Organisation, Effizienz und der Verantwortung. Für die Leute, die mich gerne attackieren, ist es ein gefundenes Fressen, mir vorzuwerfen, ich sei schon auf dem Sprung. Mein Team und ich arbeiten hier 100 Prozent für das Theater, wir machen es für die Menschen dieser Region.

Die neuen Theaterleiter hätten Sie vielleicht mehr gebraucht?

Das müssten Sie diese fragen. Mir haben sie versichert, sie hätten den Rückhalt, den sie brauchen.

Können Sie schon etwas über die neusten Besucherzahlen sagen, wenigstens eine Tendenz?

Die Zahlen werden im Winter bekannt gegeben. Aber: Es kommen auf jeden Fall zu wenig Leute in das Theater. Der Abwärtstrend hat schon vor 30 Jahren begonnen. Es ist und bleibt sicher eine Hauptaufgabe der Theaterleitung, dafür zu sorgen, dass mehr Leute die Notwendigkeit und die Lust verspüren, das Theater zu besuchen.