Georges Delnon – Sie arbeiten ja schon länger zumindest auch in Hamburg. Was gefällt Ihnen an Hamburg am besten?

Georges Delnon: Hamburg hat viel Grün, es ist eine grossflächige Stadt mit sehr unterschiedlichen Quartieren. Eppendorf, Altona, die Hafencity oder St. Pauli haben eine ganz eigene Atmosphäre. Trotzdem hat es eine Stadtstruktur mit einem Bildungsbürgertum, das aktiv und wahrnehmbar ist. Es hat viele alte Familien, die seit Generationen da sind, die meist mit Schifffahrt zu tun haben. Diese Familien prägen auch die Rezeption von Kultur. Vielleicht ist es diese Spannung zwischen Grosszügigkeit und einer überschaubaren Szene, die mir so gefällt.

Ist Hamburg dynamischer als Basel?

Hamburg hat derzeit eine grosse Dynamik, die Stadt will etwas bewegen. Die Bewerbung um Olympia 2024 kommt nicht von ungefähr. Hamburg ist eine Stadt, die viel Erfindergeist beherbergt und das fasziniert mich. Wie in Basel wird in Hamburg vieles durch Mäzene und Sponsoren ermöglicht. Familien wie Bucerius, Otto oder Kühne haben durch ihr Engagement nachhaltige Entwicklungen ermöglicht.

Dann hat es die Kultur einfacher in Hamburg als in Basel?

Nein, die Kultur hat es nicht einfach. Hamburg ist nicht München oder Wien. Es gibt keine Hofkultur mit Prestige und Repräsentation. Das ist nicht hanseatisch. Insofern ist die Elbphilharmonie ein überraschendes und ungewöhnliches Projekt für Hamburg. Auch die Tatsache, dass sie noch nicht fertig ist, provoziert die Hamburger. Die Stadt ist aus dem merkantilen Denken entstanden und definiert sich dadurch. Ich habe für mich festgestellt, dass ich selbst als Opernintendant auf dem Marktplatz stehe und da mein Gemüse und meine Früchte feilbieten muss. Das ist eine Metapher, die ich in Basel nie verwendet hätte.

Was fällt Ihnen auf, wenn Sie aus Hamburg nach Basel zurückblicken?

Dass Basel eigentlich grosse Chancen hat, weil die Wege hier viel kürzer sind. Die verschiedenen Interessengruppen sind hier viel näher beieinander. Es ist einfacher, eine gemeinsame Plattform zu definieren. Das ist in Hamburg komplexer, weil die Distanzen in jeder Beziehung viel grösser sind. Zudem herrschen dort rigidere Strukturen.

Basel hätte also Chancen, die aus der Nähe entstehen?

Durchaus. Allerdings kann die Nähe manchmal auch ein Malus sein, weil die Distanzen derart aufgehoben sind, dass man sich im Weg steht. Basel hat zudem ein grösseres Problem im Selbstverständnis mit Zürich, als die Hamburger mit Berlin haben. Die Hanseaten haben ihr Selbstbewusstsein, weil sie durch den Hafen sehr international aufgestellt sind. Hamburger sind besonders weltoffen. Das merkt man auch im Wesen der Menschen: Grosszügigkeit und Offenheit. Das gibt es in Basel auch, aber es ist weniger ausgeprägt. Ich sehe zum Beispiel im Moment im Baselbiet eine starke Tendenz, dass es ganz ins Gegenteil kippt, ins Kleinteilige, und man sich ganz verschliesst. So etwas käme in Hamburg bei den «Pfeffersäcken» nicht infrage, schon aus ökonomischen Gründen nicht.

Wie viel Hamburg steckt in Basel – oder umgekehrt?

In beiden Städten spielt das Wasser die Hauptrolle. Man sagt ja immer wieder, dass man Basel vom Wasser aus verstehen muss, das ist in Hamburg auch der Fall. Wie viel öffentlicher Raum ein Hafen sein kann, da ist Hamburg vorbildlich. Dieser Mix aus öffentlichem Raum, Industrie, Handel und Wohnen, ist extrem attraktiv. In Basel denkt man ja immer wieder darüber nach, wie man Wohnen zeitgemäss mit Wasser verknüpfen könnte. Es wäre toll, wenn Basel eine Entwicklung in diese Richtung nehmen könnte. Die Hafencity hat Hamburg einen grossen Schub gegeben. Dann hat Hamburg den HSV, der auch ein grosser Identifikationsfaktor ist wie der FCB, nur ist der HSV leider viel weniger erfolgreich.

2006 haben Sie als Intendant von Mainz nach Basel gewechselt. Mit welchen Hoffnungen und Zielen kamen Sie nach Basel?

Ich wusste, dass meine Vorgänger Baumbauer und Schindhelm trotz unbestritten grossem Erfolg beim Fachpublikum hier in Basel viele Zuschauer verloren haben. Das Theaterpublikum hat sich innerhalb von etwa 20 Jahren fast halbiert. Ich hatte die naive Vorstellung, dass ich dem entgegenwirken und ein breiteres Publikum gewinnen kann. Es sollte wieder selbstverständlich werden, ins Theater zu gehen.

Diese Ziele haben sich nicht erfüllt?

Nein. Ich habe sehr bald gemerkt, dass es schon eine grosse Leistung ist, die Zuschauerzahlen in etwa zu halten. Ich bin jetzt immerhin kein Theaterdirektor, der viele Zuschauer verloren hat. Natürlich wurmt es mich, dass ich meine hochgesteckten Ziele nicht erreicht habe. Es gibt 1000 Erklärungen dafür, warum Theater allgemein in den letzten Jahren Zuschauer verloren haben. Auch weil es viel mehr Konkurrenz gibt, weil das Internet viel stärker geworden ist, das wissen wir alles, es ist belegbar durch Statistiken. Trotzdem bin ich immer noch überzeugt, dass ein Theater die Seele einer Stadt sein muss und der Hort, an dem man sich versammelt, um gemeinsam etwas zu erleben, das wichtig und relevant ist.

Es ist aber immer wieder vorgekommen, dass der Funke übergesprungen ist. Zum Beispiel bei «Biedermann und die Brandstifter».

Das hat es immer wieder gegeben, ja, das stimmt schon. Mir hat jemand einmal gesagt, er sei nach fünf Jahren Basel schlechter vernetzt als zu Beginn. Das ging mir auch so. Man kommt an, ist voller Energie und Tatendrang und nach einem, eineinhalb Jahren merkt man, dass man immer dieselben Leute sieht und mit diesen immer dieselben Gespräche führt. Das ist einer der ganz sensiblen Punkte in der Stadt: Wie gelingt es, eine Entwicklung einzuleiten, die dann wirklich zu nachhaltigen Veränderungen führt? Vieles in Basel ist verstockt und verhockt, man will sich nicht exponieren und schaut sehr auf die eigenen Interessen. Die Ängste sind oft grösser als der Wille, etwas zu verändern. Natürlich gibt es auch grosse Ausnahmen, ich denke da zum Beispiel an Sam Keller und die Fondation Beyeler oder an das Schaulager.

Die Region Basel identifiziert sich fast vorbehaltlos mit ihrem FCB, stark mit dem Kunstmuseum, aber nicht so sehr mit dem Theater. Warum?

Ich würde sagen: nicht mehr mit dem Theater. Zu Werner Düggelins Zeiten war das noch anders, deshalb kommt der Dügg immer wieder aufs Tapet. Damals war das Theater noch Identifikationsraum. Aber das war schon nach dieser Ära zu Ende. Das hatte mit der politischen Situation zu tun, die damals eine andere war. Der ganze intellektuelle Diskurs in unserem Land wurde anders geführt. Am heftigsten hat die Stadt sich unter Schindhelm mit ihrem Theater auseinandergesetzt. Aus einer Institution, auf die alle stolz waren, ist eine Institution entstanden, die stark polarisierte. Als ich 2006 das Haus übernahm, war die Haltung in der Bevölkerung zum Theater schon sehr schwarz-weiss.

Findet ein intellektueller Diskurs in der Stadt überhaupt statt?

Wir haben es probiert, damals mit unserer neuen Mannschaft um Schauspieldirektor Elias Perrig, wir haben Diskussionen angestossen, wir haben uns eingemischt und eingebracht. Es ist aber immer wieder auseinandergebröckelt. Es gab damals viele Initiativen wie «Chance Basel» und «Basel ist Morgen», «Rede-Zeit», «Durchzug» – es ist alles versandet.

Trotz vieler Anstrengungen kommt das Theater auf dem Land nicht an.

Ja, man hat sogar das Gefühl, dass im Moment seitens Baselland ein Vorbehalt besteht. Aber was soll ich dazu sagen: Man muss bei der Beurteilung des Landkantons ohnehin sehr stark differenzieren, weil das Publikum sehr unterschiedlich ist. Es sind zum Teil hochgebildete, superinformierte Theatergänger, aber auch das Gegenteil. Die Bevölkerung ist sehr breit gefächert, es kommt halt darauf an, wer politisch dominiert und das sind im Moment sehr konservative Kräfte.

Ist Basel ein bisschen wie das geteilte Berlin, damals, als die Mauer noch stand?

Nein. Das Theater Basel ist ja immer noch das grösste Dreispartenhaus der Schweiz und es hat ein relativ begrenztes Publikumspotenzial. Das muss man bei der Programmierung berücksichtigen. Da stellen sich von Niveau und Qualität her ähnliche Fragen wie bei einer Zeitung. Man fragt sich, ob man denen, die gerne kommen, mehr verkaufen kann oder ob man versuchen soll, all jene ins Boot zu holen, die sich bislang nicht interessiert haben. Das sind Diskussionen, die in den zehn Jahren immer wieder aufgekommen sind. Was machen wir mit Südbaden und dem Elsass? Was machen wir mit den anderen Kantonen? Diese Diskussionen muss ein Direktor hier mit Spass und Leidenschaft führen. In Hamburg muss ich mir diese Frage nicht stellen, das ist eine Zwei-Millionen-Stadt und es ist eine Fünf-Millionen-Metropolregion. Die Staatsoper Hamburg hatte in den letzten 30 Jahren immer etwa gleich viele Zuschauer.

Und was werden Sie von Basel vermissen?

Diese tollen Möglichkeiten der Infrastruktur. Man kann hier in Basel Projekte und Ideen entwickeln, man kann Laborarbeit, zu dem auch Roche und Novartis gehören, unter idealen Verhältnissen machen. Wenn das hier zündet, dann geht das nach ganz Europa. Basel ist ein irrsinnig privilegierter Ort für Kreative. Das umzusetzen ist uns manchmal gelungen, gerade in den spartenübergreifenden Projekten mit der Art Basel und der Fondation Beyeler. Berlin etwa träumt von solchen Bedingungen.

Brechen Sie alle Zelte in Basel ab?

Nein, ich behalte mein Haus. Ich schätze an der Stadt, dass man in Ruhe gelassen wird. Man gehört ja nie zum Basler Kern. Man bleibt ja auch nach vielen Jahren ein Zugezogener. Ich kann mit diesem Status in Basel gut leben. Die Stadt bietet kulturell enorm viel und sie ist doch etwas internationaler als meine Heimatstadt Bern.