Es läuft bereits die 79. Minute in einem ziemlich drögen Spiel zwischen dem FC Basel und dem FC Thun. Von rechts flankt Michael Lang zu Mohammed Elyounoussi, der abzieht. Thun-Verteidiger Schindelholz fälscht den Ball entscheidend ab, Eigentor, Führung für den FCB, kurz vor Spielende.

In jener Minute vom Februar 2017 beginnt eine weitere Austragung, noch weitaus zäher. Nur ist dieses Kräftemessen ernst und kein Spiel.

Im Basler Sektor zünden Fans damals Pyrofackeln. Mindestens einen davon nimmt die Berner Justiz ins Visier. Fassen kann sie ihn nicht, dafür aber A.*, denn der stand gleich daneben.

Der Vorwurf: Gehilfenschaft zur Widerhandlung gegen das Sprengstoffgesetz

Beim Führungstreffer jubelt er und streckt seinen Doppelhalter hoch. Das sind die kleinen Fahnen an zwei Stangen, welche mit beiden Händen hochgehalten werden. Die Staatsanwaltschaft wirft A. Gehilfenschaft zur Widerhandlung gegen das Sprengstoffgesetz vor und eröffnet ein Strafverfahren.

Er habe mit seiner Fahne ermöglicht, dass sich der Fackelzünder von den Kameras unbesehen vermummen konnte. Sofort setzt sich die Maschine des Hooligan-Konkordats in Gang: A. erhält ein einjähriges Rayonverbot. Vier Stunden vor und nach FCB-Spielen darf er sich nicht in der Umgebung des Stadions aufhalten.

Eine aufschiebende Wirkung gibt es in einem solchen Fall nicht, wer sich wehrt, muss zuerst Verfahrenskosten vorschiessen können. A. kann das: Gegen das Rayonverbot beklagt er sich beim Verwaltungsgericht und gegen die Darstellung der Staatsanwaltschaft erhebt er Einsprache.

Mit harten Strafen sollen Exempel statuiert werden

Mit Erfolg: Heute wird das Urteil des Berner Strafgerichts rechtskräftig. A. ist freigesprochen. Bereits vor rund drei Wochen mussten die Strafverfolgungsbehörden eine empfindliche Niederlage einstecken: Das Verwaltungsgericht gab dem FCB-Fan Recht und hob das ausgesprochene Rayonverbot wieder auf.

Dergleichen Urteile sind selten. Immer wieder begründen Gerichte harte Urteile im weit gefassten Feld der Fangewalt damit, ein Exempel statuieren zu wollen – so geschehen etwa im Baselbiet, als ein FCB-Fan einen Stein in ein abgefackeltes Polizeiauto warf und das Gericht dem jungen Mann in der Folge die ganzen Sachschäden aufbrummte.

Noch vor vier Jahren verlor ein St. Gallen-Fan einen Fall, der A. auf den ersten Blick ähnelt. Auch damals waren Fahnen im Spiel, die den Zünslern Sichtschutz boten. Entscheidend dürfte die Absicht sein, die dem Beschuldigten unterstellt werden kann.

Urteile mit Signalcharakter für andere Kantonsgerichte

Nur neben einem Pyro-Zünder zu stehen, reicht aber offensichtlich nicht. Solche Urteile haben durchaus Signalcharakter für andere Kantonsgerichte. Bemerkenswert ist deshalb in diesem Zusammenhang die deutliche Wortwahl der Berner Justiz in der Urteilsbegründung, welche der bz vorliegt: Es sei «in keiner Phase des Geschehens» eine Hilfestellung des Fahnenträgers zu erkennen. Vielmehr sei die Darstellung der Untersuchungsbehörden «wenig glaubhaft» und stütze sich überdies auf Standbilder – obwohl Videoaufnahmen ein ganz anderes Bild zeigen würden.

«Im Ergebnis fehlt es an einem hinreichenden Verdacht, wonach sich der Beschwerdeführer am Fussballspiel zwischen dem FC Thun und dem FC Basel an einer Gewalttätigkeit beteiligt hätte. Gegen ihn darf kein Rayonverbot verfügt werden.» Für die Verfahrenskosten muss der Staat aufkommen.

*Name geändert