Im Theater mit...
Gerichtsschreiber: «Ich mag mir keine Krimis mehr am Fernsehen anschauen»

Gerichtsschreiber Aurel Wandeler wagte sich mit der bz in «Der Richter und sein Henker» und glaubt, dass Verbrechen traurige Banalitäten sind. In der Kunst werden die Verbrechen viel interessanter dargestellt, als sie tatsächlich sind.

Susanna Petrin
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Krimis am Theater sind ihm lieber als am Fernsehen: Aurel Wandeler vor dem Schauspielhaus in Basel.Kenneth Nars

Krimis am Theater sind ihm lieber als am Fernsehen: Aurel Wandeler vor dem Schauspielhaus in Basel.Kenneth Nars

Kenneth Nars

Wie viele Mordfälle pro Jahr werden am Basler Appellationsgericht behandelt?

Aurel Wandeler: Morde – das sind besonders skrupellose vorsätzliche Tötungen – gibt es einige wenige pro Jahr. Vorsätzliche Tötungen kommen etwas öfter vor. Anklagen aufgrund versuchter vorsätzlicher Tötungen sind dann schon viel häufiger.

Sind Morde für die Juristen an einem Gericht besonders beliebte Fälle, weil sie vielleicht interessanter sind als andere?

Das würde ich nicht sagen. Morde werden in der Regel sehr aufwendig und gut ermittelt, oft bis ins letzte Detail; die Aufklärung von Tötungsdelikten hat eine hohe Priorität. Zum Beurteilen sind diese Fälle deshalb oft ein wenig einfacher.

Und darum weniger spannend?

«Spannend» halte ich für das falsche Wort, es geht leider nicht um einen Kriminalroman. Solche Fälle sind belastend für alle Beteiligten. Meist einen Tag später, oft schon eine Stunde nach so einer Tat, wünschten sich alle Beteiligten, es wäre nie passiert. Ich glaube, auch der Täter würde gern alles tun, um seine Tat ungeschehen zu machen.

Wieso?

Ein Kapitalverbrechen zieht für alle Schlechtes nach sich, auch für den Täter. Dieser handelt meist aus Not, Leiden und Verblendung, alles negative Zustände. Ich habe vor Gericht noch nie erlebt, dass einer sagte: «Ja, was ich getan habe, war richtig.» Die Täter sind oft ein Häuflein Elend – nicht wegen der Strafe, sondern wegen der Tat.

Es geht so weit, dass manche Täter dermassen über sich selbst erschrecken, dass sie danach selbst überzeugt sind, es müsse sich um einen Unfall gehandelt haben. Aber können Sie die Faszination verstehen, die vom Bösen, von einem Mord, ausgeht?

Ich kann diese Faszination nicht mehr teilen. Ich erlebe Delikte oft als traurige Vorfälle. Und persönlich finde ich, dass man mit den Kategorien Gut und Böse so absolut nicht operieren kann. Ist ein psychisch kranker oder ein vor Eifersucht rasender Mensch, der jemanden umgebracht hat, ein böser Mensch? Das greift für mich zu kurz. Es gibt schlechte, verwerfliche Taten, und für diese werden die Täter bestraft.

Das Genre Krimi boomt. Kriminalromane sind wahnsinnig beliebt. Und am Sonntagabend rennen viele Leute nach Hause, um den «Tatort» ja nicht zu verpassen.

Das spielerisch Detektivische mag ja spannend sein. Aber man könnte sich erfreulicheren Themen widmen. Ich persönlich mag mir schon lange keine Krimis mehr am Fernsehen anschauen. Verbrechen sind Banalitäten, traurige Banalitäten. Diesen wird eine unangemessene Aufmerksamkeit geschenkt. Verbrechen werden in der Literatur, im Film und im Theater erhöht, sie werden viel interessanter dargestellt, als es in Wirklichkeit der Fall ist. Eigentlich geht es um Leiden, um das Leiden von Opfern, Tätern und deren Familien.

In Dürrenmatts Roman «Der Richter und sein Henker» wird der Täter am Ende offiziell für eine Tat bestraft, die er gar nicht begangen hat. Wie oft ist man am Gericht unsicher, ob ein Urteil gerecht ist?

Jeder, der in der Justiz arbeitet, wird vom Zweifel begleitet. Das scheint mir auch richtig so. Bei Fällen, in denen es um sehr viel geht, entscheidet ein grosser Spruchkörper, also bis zu fünf Personen. So kann man einen Entscheid gemeinsam verantworten.

Der Zufall spielt bei Dürrenmatt stets eine grosse Rolle, auch bei der Auflösung von Verbrechen. Was ist da dran?

Es kommt schon vor, dass Ermittlungen im Sand verlaufen und später durch einen Zufall wieder in Gang gebracht werden. Beim Mordfall Seewen, einem der grössten ungeklärten Verbrechen der Schweizer Kriminalgeschichte, ist 20 Jahre nach dem fünffachen Mord bei Renovationsarbeiten zufällig die Tatwaffe aufgetaucht. Dieser Fall ist immer noch ungelöst. Eine grosse Ausnahme. Bei den Tötungsdelikten gibt es in der Schweiz fast keine, die nicht aufgeklärt sind. Und in «Richter und sein Henker» kennt zumindest Bärlach ja den Täter des alten und des neusten Verbrechens von Anfang an.

Stimmt, aber Bärlach konnte Gastmann nie etwas nachweisen, vom ersten Mord an nicht.

In der Realität, wenn Bärlach das wirklich probiert hätte, wäre es ihm wahrscheinlich gelungen.

Bei seinem ersten Mord stösst Gastmann in Konstantinopel vor den Augen Bärlachs einen Kaufmann von einer Brücke. Vor Gericht kann Gastmann aber glaubwürdig darlegen, dass der Tote Selbstmord begangen habe.

Ich habe meine Zweifel, ob sich das in Wirklichkeit vor Gericht so abgespielt hätte. Ein Suizid hat ja normalerweise Begleitumstände, etwa einen Abschiedsbrief, eine Veranlagung, die Familie weiss von Problemen und so weiter. Umgekehrt kann eine einzige glaubwürdige Zeugenaussage zu einer Verurteilung führen. Hat denn Bärlach vor Gericht die ganze Wahrheit erzählt, auch von seiner Wette mit Gastmann? Daraus ginge dessen Motiv hervor.

Glauben Sie an Gerechtigkeit?

Ich glaube, dass wir am Gericht einen unverzichtbaren Beitrag zum sozialen Frieden leisten, indem Straftäter einer Strafe zugeführt werden. Die letzte Gerechtigkeit wird aber nicht vor dem Gericht hergestellt.

Was halten Sie von der Art, wie Kommissar Bärlach sich zum Richter macht? Er übt Selbstjustiz.

Weil kein allgemeiner Konsens darüber besteht, was gerecht ist, ist es wichtig, dass über ein Verbrechen in einem Verfahren entschieden wird. Und dass nicht eine Einzelperson entscheidet, die erst noch selber Ankläger und Richter in einem ist. So was ist in unserem Rechtssystem verpönt.

Wie fanden Sie die Inszenierung des Kriminalromans am Theater Basel?

Die Regisseurin Barbara Weber hat einen spannenden Abend gestaltet, spannender als der «Tatort». Ich habe vor allem Andreas Matti als Bärlach, Vincent Leittersdorf als Gastmann und Gabor Biedermann als Politiker von Schwendi gern zugeschaut.

Weshalb?

Ich glaube, das liegt an der Vielschichtigkeit der Romanvorlage. Allein die Frage, wer eigentlich der Richter und wer der Henker ist, finde ich interessant. Im Roman heisst es, Bärlach sei der Richter und Polizist Tschanz sein Henker. Man könnte aber auch sagen, dass Gastmann mit seinem ersten Mord zum Richter wird und Bärlach, der ihn jagt, zu seinem Henker. Oder vielleicht ist Bärlach der Richter und seine Krankheit sein Henker. Auch Tschanz leidet, weil er sich dem Kollegen Schmid unterlegen fühlt und eifersüchtig ist: Deshalb greift er zu diesem schlimmen Mittel, einem Verbrechen. Am Ende stirbt er auf schreckliche Art, bei einem Unfall. Auch in diesem Stück geht es im Grunde um Leiden.

Dazu passt auch die Kuh, die an einem Bein von der Decke hängt.

Ja, die Kuh sehe ich auch als Symbol dafür. Es werden auf der Bühne lauter unwirtliche Orte gezeigt. Dazu gehört auch Bärlachs Wohnung. Man hat das Gefühl, es ist nass, kalt und beengend, wie ein Schweizer Winter. Zum Motiv des Leidens passt auch, dass über weite Strecken Bachs Matthäuspassion anklingt.

Was interessiert Sie am Theater, weshalb gehen Sie hin?

Weil ich etwas erleben will.

Hat ein Gerichtsprozess nicht auch etwas von einem Theater?

Es kommt vor, dass sich gewisse Angeklagte besonders gut verkaufen wollen vor Gericht. Das erinnert mich aber eher an ein Verkaufsgespräch als an ein Theaterstück. Anders als es am Fernsehen aussehen mag, fehlt bei einer Gerichtsverhandlung alles, was Theater ausmacht. Wo sehen Sie eine Ähnlichkeit?

Es gab dieses Jahr viele Theater, die Gerichtsverhandlungen simulierten: Regisseur Milo Rau inszenierte einen Riesenprozess in Moskau mit echten Betroffenen, etwa einem Mitglied von Pussy Riot. Später inszenierte er in Zürich ein Verfahren, bei dem die «Weltwoche» unter Anklage stand. Am Theaterspektakel in Zürich lief Hamlet als Gerichtsprozess. Und in Basel wurde während des Theaterfestivals «The Real Thing» so getan, als ob das Strafgericht eine Bühne sei.

Meiner Meinung nach eignet sich ein Gericht genau so wenig als Theaterstück wie ein Verkehrsunfall oder eine Herzoperation. Es mag ja interessant sein, zuzuschauen. Aber es geht wirklich um etwas, um echte Menschen, echte Leben; jemand wird belastet. Zu sagen, es sei ein Theater, wird der Situation nicht gerecht. Fast immer wären alle Beteiligten froh, wenn sie nicht vor Gericht sein müssten.