Wenn unten auf der Basler Talsohle die grossen Cliquen die Route planieren, dann setzen sie auf echte Marschmusik. Grundlage der Kompositionen sind Militärmärsche aus aller Welt, Seemannslieder, Wanderweisen und Trinklieder. Vom Marsch der Britischen Gardegrenadiere, den «British Grenadiers», an der Fasnacht bekannt als «Arabi», bis zum amerikanischen Gassenhauer «Yankee Doodle» ist alles mit dabei.

Aber oben an den Hängen des Birsigtales, am Heuberg, Gemsberg, Nadelberg und wie die Gässlein alle heissen, herrscht ein anderer musikalischer Ton vor. Hier sind es die leisen, feinen Melodien, die den Takt angeben. Statt einem Harst von Tambouren und endlosen Reihen von Pfeifern sind auf den Pflastersteinen die kleineren Gruppierungen unterwegs, oft dunkel kostümiert oder «zem hyyle scheen».

Mit Namen wie «Die ainsaame wilde Äntli» oder «Die Verrupfte» ziehen die Schyssdräggziigli durchs Dunkel der Nacht. Und sie spielen Märsche wie «Dr Lumpesammler», «Dr Altfrangg» oder «Dr Spalebärg». Märsche, die irgendwie melancholischer, trauriger klingen als das, was auf dem Cortège laut und selbstbewusst ins Mundstück geblasen wird.

Musikalische Kunstgriffe

Michael Robertson ist einer von Basels besten Pfeifern und Komponist etlicher Fasnachtsmärsche. Er kennt die Kniffe, mit denen die Macher von Fasnachtsmusik operieren: «Diese Märsche sind klanglich oft verschieden von den anderen. Sie sind manchmal in unüblicheren Tonarten gesetzt, teilweise sind sogar Moll-Sequenzen darin.»

Der «Altfrangg» beispielsweise kommt in A-Dur daher. Eine Tonart mit drei Kreuzen, also den Halbtönen Fis, Cis und Gis. Ihre Klangfarbe wird gerne als «festlich» umschrieben. Wer einmal versucht hat, den «Altfrangg» auf dem Cortège zu spielen, wenn auf dem Contremarche die «Negro Rhygass» durchschränzt, weiss, warum dieser Marsch eher für stillere Orte und Momente geeignet ist. Doch es geht noch trauriger.

«Der ‹Dritt Värs› beispielsweise hat Abschnitte, die in Moll geschrieben sind», sagt Robertson. «Da hat es sogar einen Neapolitaner drin». Bei diesem handelt es sich um einen Sextakkord, der in der Opernmusik des 18. Jahrhunderts und im Barock verwendet wurde, um Schmerz und Leid auszudrücken. Die Komponisten von Basler Fasnachtsmärschen, wie in diesem Fall Christoph Walliser, bedienen sich bei den ganz Grossen.

Zusätzliche Stimmen

Beim «Dritt Värs» zeigt sich auch ein weiteres Phänomen, jenes der Zierstimmen, der vierten Stimmen, die bei vielen Märschen schon in den 80er- und 90er-Jahren dazukomponiert wurden. Ein neueres Stilmittel, das zur leiseren Grundstimmung beitrage, sei der Einsatz von Basspiccolos.

Diese haben durch ihre tiefere, vollere Tonlage einen melancholischen Effekt. Doch auch für sie gilt, für den Wettstreit der Lautstärken auf dem Cortège sind sie eher ungeeignet. «Beery Batschelet hat beispielsweise eine Extrastimme für Basspiccolo zum ‹Lumpesammler› komponiert», sagt Robertson.

Ebenjener Komponist und Fasnachtsmusiker Batschelet findet die musikalische Melancholie dort, wo «spät abends einsame Pfeifer oder kleine Pfeifergruppen ihre Runden drehen, mit selten gehörten alten oder ganz neuen Melodien, wundersamen Harmonien oder gar improvisierend.» Improvisieren? Noch etwas, das auf dem Cortège keinen Platz hätte.