Herr Picard, es emigrieren viele Juden von Basel nach Israel. Was sind deren Beweggründe?

Jacques Picard: So wie es seit dem 19. Jahrhundert Zuwanderungen von Juden in die Schweiz gab, lassen sich auch Aus- und Weiterwanderungen im Verlauf des 20. Jahrhunderts feststellen. Die Beweggründe veränderten sich stets. In den 1950er und 60er-Jahren waren es oft zionistisch gesinnte Jugendliche, die gegen die bürgerliche und religiöse Enge rebellierten, einen sozialistischen Hintergrund hatten und ihren Lebensstil politisch in Israel besser ausleben konnten. Der Zionismus war vor dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust in den Reihen der bürgerlich-konservativ gesinnten jüdischen Gemeinden der Schweiz wenig gelitten. Für die nachwachsende, oft rebellische Generation stellte er indes eine Alternative dar.

Und heute?

Seit den 1980er Jahren handelt es sich oft um ein Lossagen von Zuhause. Die Jungen wählen Jerusalem oder Tel Aviv, London oder Berlin aus. Oft kehren sie dann mit ihren Familien irgendwann wieder in die Schweiz zurück. Das gilt übrigens für alle Schweizerinnen und Schweizer, von denen mehr als 15 Prozent im Ausland leben und mehrheitlich gut und hochqualifiziert sind.

Viele Juden haben uns gesagt, dass sie nach Israel auswanderten, um eine Frau zu finden.

Das drückt die Suche nach Identität und Selbstvergewisserung aus sowie den Wunsch, sich seine Tradition erhalten zu können. Schliesslich ist die Basler Gemeinde klein, die Auswahlmöglichkeiten überschaubar. Und gewiss ist es hier auch schwieriger, eine nichtjüdische Frau zu heiraten als etwa in den Vereinigten Staaten, wo Juden ihr Judentum geradezu enthusiastisch nach aussen tragen.

Wie äussert sich das?

In Nordamerika herrscht in den weitmehrheitlich liberalen jüdischen Gemeinden viel mehr eine Willkommenskultur gegenüber Nichtjuden. Wenn ein Jude eine Nichtjüdin heiratet, freuen sich die amerikanischen Familien, dass jemand ins Judentum «eingeheiratet» hat. In der Schweiz oder in Mitteleuropa ist die Perspektive aus verständlichen historischen Gründen eine andere: Die jüdischen Familien sind der Ansicht, dass ein Mitglied aus der Gemeinschaft «ausgeheiratet» hat, auch wenn heute gar keine Konversion in eine christliche Konfession stattfindet. Diese Person gilt dann gewissermassen als verloren.

Die jüdische Gemeinde Basels hat in den vergangenen Jahrzehnten viele Mitglieder verloren. Derzeit leben noch etwas über tausend Juden hier. Woran liegt dieser Mitgliederschwund?

Es ist schwierig, die genauen Ursachen festzustellen. Den wenigen Untersuchungen zufolge sind die Gründe für die Abwanderung sehr individuell motiviert. Bemerkenswert ist jedenfalls, dass die Gemeinden in Genf und Zürich im Gegensatz zu Basel gewachsen sind.

Haben Sie dafür eine Erklärung?

Zürich hat ein Angebot von fünf jüdischen Gemeinden. Hier gibt es von der liberalen über die konservative Strömung innerhalb des Reformjudentums bis hin zur moderat orthodoxen und chassidischen fast alles im institutionellen Rahmen. Basel hat die Crux, dass es eine Einheitsgemeinde bleiben möchte, die streng orthodox geführt ist, aber offen sein will.

Mit den vielen Expats hätte die jüdische Gemeinschaft in Basel aber potenziell viele Anhänger. Wäre das eine Chance?

Erst vor Kurzem hat sich eine eigenständige liberale Gemeinschaft gebildet. In das Basler Angebot lassen sich wiederum die jüdischen Expats aus dem anglo-amerikanischen Raum gar nicht integrieren. Als entschiedene reformjüdische Liberale identifizieren sie sich nicht mit den Basler Juden und gehen hier nicht in die Synagoge. Ihr Judentum ist ein anderes: Sie haben eine egalitäre Kultur, wie man sie hier nicht kennt. Die letzte amerikanische Botschafterin in Bern liess beispielsweise für die Bar Mizwa ihres Sohnes eine Rabbinerin aus den USA kommen. Ihr war sogar die liberale Berner jüdische Gemeinde zu wenig egalitär bezüglich religiöser Geschlechtergleichheit.

Wie kann Basel den Mitgliederschwund in der jüdischen Gemeinde stoppen und sogar eine Trendwende herbeiführen, wie erhofft wird?

Vermutlich dürfte sich der Trend zu den reformjüdischen liberalen Gemeinden fortsetzen. Das signalisiert, dass es eine Offenheit für den Wandel von Tradition braucht. Was wir heute Tradition nennen, war ja einst selber Innovation, Erneuerung. Eine Trendwende ist möglich: In den USA und Kanada wohnen knapp sieben Millionen Juden, mehrheitlich reformjüdisch; ein Sechstel davon ist ins Judentum konvertiert.