Auf der Bettenstation 6.2 der Chirurgie des Universitätsspitals Basel (USB) ist das Pflegepersonal am Anschlag. Wie diese Zeitung am Samstag publik machte, sind die dort arbeitenden diplomierten Pflegefachfrauen, Fachangestellten Gesundheit (FaGe) und Pflegeassistentinnen völlig überlastet. Dies weil die Abteilung chronisch unterbesetzt sei, neu Angestellte rasch wieder flüchteten und Lücken oft mit schlecht eingearbeiteten Temporärkräften gestopft würden. Nun zeigt sich, seit Kurzem hat sich auch der Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD) der Sache angenommen. Im Interview verliert die fürs Spitalpersonal zuständige Vanessa von Bothmer klare Worte.

Frau von Bothmer, unter dem Titel «Chaos auf der Chirurgie» zeigte diese Zeitung auf, wie sich mehrere Angestellte des Unispitals über die personell prekären Zustände auf der Abteilung 6.2 beklagen. Was sagt der VPOD dazu?

Vanessa von Bothmer: «Chaos» ist ein grosses Wort. Aber tatsächlich gibt es auf dieser Abteilung, die sich um urologische, plastisch-chirurgische und handchirurgische Fälle kümmert, ernsthafte Probleme. Der Stress für das Pflegepersonal ist massiv, der Druck gross, es muss viele Überstunden leisten und wegen der ständigen Wechsel ist eine hohe Flexibilität gefordert. Das einzig Positive ist, dass dies für den Patienten noch nicht sichtbar ist, da die Angestellten alles daran setzen, dass die Pflege weiter funktioniert. Denn würde es auf die Patienten ausstrahlen, müsste das USB zwingend einige der 36 Betten der Station abbauen.

Sind auch schon Angestellte direkt zu Ihnen gekommen?

Wir haben erst vor zwei Wochen davon erfahren, weil ehemalige Angestellte uns informiert hatten. Darauf trafen wir uns mit einigen, die aktuell noch auf der 6.2 arbeiten und seither hat sich ein harter Kern von vier Personen etabliert, der aber im Namen der ganzen Station mit uns spricht. Diese Einigkeit ist wichtig, um Druck aufzubauen. Auch dass der VPOD als externe Kraft nun involviert ist, hilft.

Wo orten Sie die grössten Probleme?

Das grösste Problem ist der Nachtdienst. Hier tragen die diplomierten Pflegefachfrauen besonders viel Verantwortung, da noch weniger Unterstützung als tagsüber da ist und die Temporärkräfte kaum helfen können. Das führt dazu, dass die Diplomierte fast keine Erholungspausen erhält und praktisch eine Schicht durcharbeiten muss.

Wie konnte es überhaupt so weit kommen?

Das USB ist doch ein professioneller Betrieb. Was all diese Probleme auf der Abteilung letztlich ausgelöst hat, weiss ich wirklich nicht. Wir von der Gewerkschaft werden meist erst gerufen, wenn es schon brennt. Doch irgendwie ist die 6.2 in einer Abwärtsspirale gefangen, in die sie langsam reingerutscht ist: Zunehmende Personallücken ergeben mehr Überstunden, Druck und Stress für die Verbliebenen. So nimmt die Unzufriedenheit zu und neu Angestellte bleiben nicht lange, die Fluktuation steigt. Es ist bezeichnend, dass es sonst am Unispital viel Personal gibt, das schon seit Jahren oder Jahrzehnten dort arbeitet. Auf der 6.2 gibt es kaum noch «Alteingesessene». Auch das ist ein Verlust.

Betrifft die Unterbesetzung nur die 6.2 oder weitere Abteilungen?

Natürlich herrscht zurzeit im gesamten Gesundheitssektor ein gewisser Personalmangel, doch so ausgeprägt wie auf dieser Abteilung ist er am Unispital sonst nirgends.

Einige Angestellte nannten das Administrationssystem «Lean Management», das 2014 als erstes auf der 6.2 eingeführt wurde, die «Wurzel allen Übels»?

Ich glaube nicht, dass das System an sich Schuld ist. Doch weil zu wenig Personal vorhanden war, konnte es gar nie wie geplant umgesetzt werden. Statt überlappend mit fünf Schichten pro Tag zu fahren, wurde auf drei Schichten reduziert. Dadurch gibt es keinerlei Übergangszeiten, während denen die Arbeit an den Nächsten ordentlich übergeben werden kann. Das kann nicht funktionieren.

Die USB-Leitung gab sogar zu, dass nicht immer alle Sollstellen besetzt werden können. Nehmen Sie das als Zeichen, dass sich nun etwas ändert?

Ich hoffe wirklich, dass die Spitalleitung nun erkannt hat, dass sich etwas ändern muss. Sie muss jetzt handeln. 

Da spüre ich aber noch Skepsis ...

Die Stationsleitung der 6.2 hat schon vor einem halben Jahr auf die Probleme aufmerksam gemacht und geschehen ist wenig. Ich glaube zwar, dass die Spitalleitung um Direktor Werner Kübler zuhört, doch das Personal hat nicht das Gefühl, dass man es ernst nimmt.
Was das USB abstreitet, ist, dass es sich um eine chronische Unterbesetzung handelt. Es nennt vorübergehende Gründe wie die Grippewelle oder Schwangerschaften.
Die Unterbesetzung gibt es schon seit eineinhalb Jahren! Sie hat sich – vom USB ungewollt – langsam zugespitzt.

Das Personal fordert eine Aufstockung des Stellenschlüssels. Das Unispital lehnt dies ab. Was ist die Haltung des VPOD?

Das oberste Ziel muss nun sein, jene Stellen, die offen sind, wieder ordentlich zu besetzen. Ob es darüber hinaus noch eine Aufstockung braucht, kann man erst beurteilen, wenn der Betrieb unter Vollbesetzung läuft.

Was sagen Sie zur Strategie, die Lücken mit Temporärkräften zu füllen?

Das ist an sich normal. Das Problem ist, dass die Temporären, die von Aussen rekrutiert werden, die Abläufe nicht kennen und zurzeit aus Datenschutzgründen oft keinen Zugang zum elektronischen Patientensystem haben. Somit sind sie nicht sofort zu 100 Prozent einsetzbar, was dringend nötig wäre. Kommt hinzu, dass es verständlicherweise intern nicht gut ankommt, dass die Temporären mit einem Stundenlohn von 35 bis 50 Franken besser entlöhnt werden, als so manche Festangestellte.

Was schlagen Sie vor?

Wenn es eine Personalaufstockung braucht, dann beim internen Springer-Pool des USB. Dann könnte man statt externe Temporärkräfte Leute aus dem eigenen Betrieb länger fest auf der Abteilung 6.2 einplanen, bis die Stellen wieder regulär besetzt sind.

Wie geht der VPOD nun weiter vor? Sind Protestaktionen geplant?

Aktionen planen wir immer nur zusammen mit dem Personal, nie alleine. Schliesslich steht für uns der Schutz der Angestellten zuoberst. Beim Unispital setzen wir vorerst weiter auf Gespräche. Dazu erarbeitet die Kerngruppe der 6.2 eigene Lösungsvorschläge, wie die Fluktuation wieder sinken oder man Temporäre besser einbinden kann. Diese wollen wir dann schnellstmöglich der Spitalleitung vorstellen. Leider braucht das natürlich Zeit – etwas, das die überlasteten Angestellten ja eben gerade nicht haben.