Bildung

Gewerkschaft in der Kritik: «Damit erkauft sich die Regierung das Einverständnis zu fast allen Schulreformen»

Die Basler Lehrergewerkschaft sei mitschuldig an der Bildungsmisere, sagt der Bildungsexperte Alain Pichard.

In Basler Bildungskreisen kreist ein spöttisches Bonmot. «Wenn der Volksschulleiter Dieter Baur bei Sonnenschein aus dem Fenster schaut und sagt, es regnet – dann ist auch der oberste Lehrergewerkschafter Jean-Michel Héritier der Meinung, dass es regnet.» Diese Minne ist ungewöhnlich, denn meist divergieren die Interessen von Arbeitgebern und Arbeitnehmervertretern. Alles gut also im Basler Bildungswesen?

Keineswegs, meint Bildungsexperte Alain Pichard. Auf seinem Blog Condorcet moniert er die Verbandelungen von Staat und Gewerkschaft. Tatsächlich weist Basel-Stadt ein eigenartiges Konstrukt auf. Die Geschäftsleitung der Gewerkschaft Freiwillige Schulsynode (FSS) ist identisch mit derjenigen der Kantonalen Schulkonferenz, dem staatlich subventionierten Mitwirkungsorgan der Schulkonferenzen. Pichard sagt: «So etwas gibt es in der ganzen Schweiz nicht ein zweites Mal. Diese Staatsnähe erinnert ein bisschen an die DDR.»

«Regierung erkauft sich das Einverständnis»

Pichard ist der Meinung, dass die Lehrergewerkschaft mit den fürstlichen Arbeitsbedingungen ruhiggestellt würden. Auf seinem Blog listet er die «Stillhalteprämien» auf, welche die Lehrergewerkschaft in der jüngeren Vergangenheit erhalten habe. Lohnerhöhungen, Schulraumverbesserungen, Rückkehr der Einführungsklassen, Kostenbeteiligungen des Erziehungsdepartements bei privat gekauften Computern, zwei Wochen Weihnachtsferien seit 2018. «Damit erkauft sich die Regierung das Einverständnis zu fast allen Schulreformen und Drangsalierungen gegenüber aufmüpfigen Kolleginnen und Kollegen», resümiert Pichard.

Die Folge: Pädagogisch würde kaum etwas in Frage gestellt. «Die Pleitereform Frühfranzösisch wird gehauen und gestochen durchgezogen, an der disparaten Lehrmittelreihe Passepartout wird festgehalten.» Kleinklassen seien abgeschafft worden, Noten durch Berichte ersetzt und die Maturquote erreiche schweizweite Höchstwerte. 20000 Franken gebe Basel-Stadt jährlich pro Schüler aus – mehr als jeder andere Kanton. Umso befremdlicher sei, dass das Bildungsniveau im Kanton so tief sei. Gestützt auf die Erkenntnisse des nationalen Bildungsmonitorings schreibt er: «Ebenfalls rekordverdächtig: Nur 40 Prozent der Basler Schülerinnen und Schüler sind im Stande, einfache proportionale Zuordnungen in der Mathematik zu lösen. Das ist einsame Spitze (von hinten gesehen).»

Roland Stark, der ehemalige SP-Grossratspräsident und Lehrer, pflichtet Pichard bei. Dank der Verbandelung könnten Reformen von oben nach unten durchgeboxt werden, nahezu ohne Widerstand. Das sei auch in der Ära vor dem jetzigen Gewerkschaftschef Jean-Michel Héritier so gewesen. «Als die Kleinklassen abgeschafft wurden, erwies sich die Freiwillige Schulsynode als Totalversagerin. Sie liess ausser Acht, dass die schwierigen Schüler dadurch nicht weg waren, sondern als Zusatzbelastung in die Regelklassen integriert werden.» Nun hätten die Lehrer begriffen, dass es die Kleinklassen wieder brauche. «Doch würden sie sich aufraffen, eine Medienmitteilung zu verfassen? Natürlich nicht», sagt Stark. Bisweilen würden im Stadtkanton gar abweichende Meinungen unterdrückt. «Jeder Französischlehrer weiss, dass das Lehrmittel Mille feuilles nichts taugt.» Bei der Petition gegen das Lehrmittel hätten aus den sechs Kantonen tausend Lehrerinnen und Lehrer unterschrieben – niemand aus Basel. Die Schulleitungen, so Stark, hätten Druck aufgebaut, sich nicht in diese Sache einzumischen.

Schulsynode wehrt sich gegen Vorwürfe

Zu den Vorwürfen der gewerkschaftlichen Staatsnähe meint FSS-Präsident Jean-Michel
Héritier: «Ja, wir arbeiten eng mit dem Kanton zusammen. Es hat Vorteile, wenn man miteinander und nicht gegeneinander arbeitet.» Allerdings widerspricht er Pichards Vorwurf, wonach die Freiwillige Schulsynode nichts erreicht habe. «Die Einführungsklassen gibt es wieder, die vierkantonalen S3-Leistungschecks wurden abgeschafft. Und nun arbeiten wir darauf hin, dass die Lehrmittelfreiheit kommt», sagt Héritier. In dieser Woche liess die Freiwillige Schulsynode in einer Medienmitteilung verlauten, wie sie diesen Erfolg erreichen will: «Auf dem Verhandlungsweg mit dem Regierungsrat.»

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