Rund um die Sanierungsarbeiten der ARA Steih rückt eine neue Giftstoffgruppe in den Fokus der Behörden: die Dioxine. Diese langlebigen Stoffe gelten als krebserregend und reichern sich in der Nahrungskette an. «Aufgrund eines Hinweises haben wir die Untersuchung von Dioxinen im Rhein veranlasst», sagt Paul Svoboda, Leiter der Abteilung Gewässerschutz. Der Verdacht stammt vom Altlastenexperten Martin Forter. Er beschäftigt sich seit 20 Jahren mit der Geschichte der Fabrik Ugine-Kuhlmann und weiss, dass die Firma nicht nur das heute verbotene Insektizid Lindan produzierte. «Bei der Herstellung von Lindan entstanden grosse Mengen von Abfall. Daraus produzierte Ugine-Kuhlmann während kurzer Zeit Trichlorbenzol. Es entstanden Rückstände, die stark mit Dioxinen belastet waren», sagt Forter. Ehemalige Mitarbeiter wiesen in Gesprächen mit dem Altlastenexperten darauf hin, dass Ugine-Kuhlmann – neben den Lindan-Abfällen – auch diese Dioxine auf dem Areal versickern liess. Das ist jener Boden, auf dem 2013 die Bagger für die Sanierungsarbeiten auffuhren.

Rückwirkende Untersuchung

Wie die bz im Januar berichtete, hat die Rheinüberwachungsstation Weil am Rhein während den Sanierungsarbeiten der ARA Steih im Rheinwasser eine bis zu einer 400-fach höheren Konzentration von Trichlorbenzol und 260-fache von Lindanabfall gemessen. «Wenn diese beiden Stoffe in solchen Mengen gemeinsam auftauchen, besteht die Möglichkeit, dass genau in diesen stark dioxinhaltigen Rückständen aus der Produktion von Trichlorbenzol gegraben wurden. Deshalb könnten neben dem nachgewiesenen Lindan-Abfall auch die noch problematischeren Dioxine in die Luft und in das Rheinwasser gelangt sein.»

Deshalb lässt das Amt für Umwelt und Energie nun rückwirkend ausgewählte Schwebstoffproben aus dem Rheinwasser der letzten drei Jahren auf diesen Giftstoff untersuchen. Eine nachträgliche Luftanalyse sei hingegen nicht möglich. «Dioxine sind schwer flüchtig und haften zu fast 100 Prozent an der Trübung, das heisst an den Schwebstoffen», sagt Paul Svoboda. Er erwartet keine hohen Werte, aber: «Wir machen die Untersuchungen präventiv, um unsere Einschätzungen mit den Messdaten abzusichern.»

Spuren von Dioxinen im Boden

Das begrüsst Martin Forter: «Die Analyse ist umso wichtiger, da auf dem Gelände dilettantisch gearbeitet wurde.» Die Eigentümerin des Areals, Novartis, musste im 2013 die Sanierungsarbeiten stoppen, weil in der Luft eine erhöhte Lindan-Konzentration gemessen wurde. Der Pharma-Konzern trennte sich daraufhin von der zuständigen Entsorgungsfirma und schrieb den Auftrag neu aus. Die Auflagen für die Bauarbeiten und das Messprogramm wurden nach dem Unterbruch verschärft.

Altlastenexperte Martin Forter kennt die Dioxin-Problematik des heutigen Novartis-Geländes bereits seit Anfang der 90er-Jahre. Für seine Forschungsarbeit interviewte er ehemalige Angestellte der Firma Ugine-Kuhlmann. Ein Laborant bestätigte damals, dass er von Dioxinen in der Produktion wusste. Auch der Pharma-Konzern weiss um eine mögliche Belastung des Areals. «Unsere Untersuchungen des Bodens der ARA Steih haben gezeigt, dass Dioxine nur in sehr geringen Spuren vorhanden sind», sagt Mediensprecher Patrick Barth. Novartis lasse Luft und Grundwasser regelmässig auf den Giftstoff untersuchen: «Die gemessenen Werte liegen deutlich unterhalb der Grenzwerte», sagt Barth. Dem hält Martin Forter entgegen: «Es ist auf diesem Gelände jederzeit möglich, auf belastete Rückstände mit Dioxinen zu stossen. Die Giftstoffe verteilen sich nicht gleichmässig im Boden.» Mehr Informationen dürften in Kürze folgen: Das Amt für Umwelt und Energie rechnet mit den Messdaten in ein bis zwei Wochen.

Für die Sanierungsarbeiten würde dieser Befund wenig ändern. «Alle heiklen Zonen der ARA Steih werden im Rahmen des Sanierungskonzepts thermisch entsorgt. Das beinhaltet alle Stoffe, die im verseuchten Boden sind», sagt Paul Svoboda, Leiter der Abteilung Gewässerschutz. Allerdings wäre die Vergangenheit der Sanierungsarbeiten um ein toxisches Kapitel länger.