Letzte Woche, beim grossen Schnee, wurde der 87-jährige Giuliano Pedretti im Engadin von einem Auto angefahren. Vorgestern Abend starb der Künstler an den Folgen dieses Unfalls im Spital von Samedan.

Pedretti war einer jener bedeutenden zeitgenössischen Künstler, die zu den Übersehenen zählen, sei es, weil er sich verbarg, sei es, weil die allgemeine Aufmerksamkeit schlicht nicht genügt, obwohl auf Pedretti aufmerksam gemacht worden ist, so etwa im Christoph-Merian-Verlag, bei dem 2004 und 2009 eine zweibändige Monografie von Ulrich Suter zu Pedretti erschienen ist.

Schicksalshafte Begegnung mit Giacometti

Pedretti, 1924 in Basel geboren, lernte Alberto Giacometti 1943 kennen. Die Begegnung wurde schicksalshaft. An Giacometti musste man unwillkürlich denken, wenn man Pedrettis Atelier in Celerina betrat. Aber was auf ersten Blick so ähnlich erschien, war es mitnichten.

Pedrettis hoch aufgerichtete Figuren, aus Ton geknetet oder Gips geschnitten, später häufig in Bronze gegossen, sind oft zweigeteilt und weisen Löcher auf. Ihre Wirkung ist vollplastisch, aber sie bestehen aus zwei voneinander getrennten, flachen Scheiben verschiedener Struktur, die sich lediglich en face als Ganzes zeigen. Pedretti nannte sie «Schizos». Ihr Wesen verdankt sich Pedrettis Entdeckung, dass ein und dieselbe Figur sehr verschieden sein kann, je nachdem, wie Licht oder Schatten auf sie fallen. Das ist die geistige Komponente in Pedrettis Kunst.

Kompromisslosigkeit des Künstlers

Bei unserem letzten Besuch in seinem Atelier sprach Pedretti oft über die «Kompromisslosigkeit» des Künstlers. Zwischen der Pop-Flüchtigkeit eines Künstlers, der – gemäss Andy Warhol – fünfzehn Minuten Ruhm erlangen kann, und den «alten Meistern», die Künstler aus Berufung waren, unabhängig dessen, was die Zeit bestimmt, machte er einen grossen Unterschied. Nach Pedretti sollte der Künstler nur das im Auge haben, was der Zeit widerstand, das Bleibende.

Der Berliner Kunstkritiker Roland H. Wiegenstein schrieb, nach einem Besuch bei Pedretti in Celerina: «Wir haben es hier mit einem Meister zu tun, der verdient, auch ausserhalb der Schweiz besser bekannt zu werden.» Möge das immerhin Pedrettis Werk jetzt gelingen.