«Ich bin schon über 50 Jahre im Geschäft. Heuer werde ich 68. Das eigentliche Glasblasen gefällt mir am meisten an meinem Beruf und wird mir nie verleiden. Immer noch habe ich riesige Freude daran. Es ist ein vielfältiger Beruf. Mittlerweile bin ich sehr viel unterwegs bei Kunden in der Region, in Zürich und in der Westschweiz. Ich habe einen regen Austausch mit ihnen.

Wenn sich ein Kunde meldet und ein spezielles ‹Reagenzgläschen› wünscht, fahre ich zu ihm und schaue die Sache an Ort und Stelle an. Ich weiss, diese Dienstleistung ist fast übertrieben. Aber meine Kunden schätzen das sehr, und ich mache diese Arbeit auch gerne. Vielmals kann ich diesen Zeitaufwand nicht verrechnen, was mir nichts ausmacht. Denn ich habe treue Kunden, die immer wieder bestellen.

Unis und ETH sind meine Kunden

Serienmässige Halbfertigprodukte kaufe ich in Deutschland ein. Diese bearbeite ich weiter. Glas-Apparaturen benötigen vor allem Chemielabors, von denen es im Raum Basel viele gibt. Auch Universitäten sind gute Kunden bei mir: Basel, Zürich, Lausanne. Dazu kommen die ETH in Zürich und Lausanne.

Werner Rahm in Aktion

Werner Rahm in Aktion

1997 habe ich den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Das war schon lange zuvor mein Wunsch. Ich bin ein Allrounder als Glasbläser, kein Spezialist. Ich mache alles – vom kleinsten bis zum mittelgrossen Glasobjekt, das in Labors oder in der Chemie gebraucht wird.

Ich konnte von einem Glasbläser in Muttenz, der pensioniert wurde, dessen Firma kaufen. Die Chemie hatte früher eigene, riesengrosse Glasbläsereien. Roche hat jetzt noch eine. Ich arbeitete jedoch nie in der Chemie. Als Junger war ich drei Jahre in Südafrika tätig. Stolz bin ich, dass ich mit einem seltenen Handwerk heute noch einen Betrieb führen kann. Derzeit beschäftige ich drei Glasbläser, davon einen Lehrling und eine kaufmännische Angestellte, die das Administrative besorgt. Das Offertwesen betreue ich.

Die Schnupperlehre war ausschlaggebend

Meine Lehre absolvierte ich von 1964 bis 1967. Sie dauerte dreieinhalb Jahre. Ich wollte immer einen handwerklichen Beruf lernen, weil ich schulisch nicht so stark war. Zuletzt blieben Goldschmied und Glasbläser übrig. Goldschmied sagte mir dann aber doch nicht zu. Nachdem ich in einer Glasbläserei eine Schnupperlehre machen konnte, was mir ausserordentlich gut gefiel, entschied ich mich für diesen Beruf. Ab diesem Zeitpunkt gab es für mich nichts mehr anderes.

Früher gab es mehr Glasbläser als heute. In den 1960er-Jahren zählte man pro Jahrgang fünf, sechs Lehrlinge schweizweit. Fast nur in Basel gab es Betriebe, die Lehrlinge ausbildeten. Unser Beruf hat sich enorm gewandelt. Der Bedarf an Glasapparaturen war früher viel grösser. Diese werden aber auch heute noch benötigt. Uns Glasbläser braucht es. Glas ist immer noch ein gutes Produkt.

Auf Accessoires wie Schmuck oder Vasen sind vor allem Frauen scharf. Aber das mache und kann ich nicht. Ich bringe zwar künstlerisch etwas zustande – dies braucht eine gute Fingerfertigkeit –, Kunstgegenstände fertige ich jedoch nur auf Wunsch an. Ich kann Vögel oder Elefanten machen. Dazu benötige ich viel zu viel Zeit, weil das nicht meine Kernkompetenz ist. Ich komme vom Technischen her. In Deutschland gibt es eine Spezialausbildung als Kunstglasbläser.

Hier ist noch alles Handwerk

Glasbläser erfordert eine kreative Ader, die bei mir jedoch nicht so ausgeprägt ist. Ich bin der sogenannte Apparateglasbläser, heute heisst der Beruf Glasapparatebauer und stammt aus Deutschland. Wir stellen Apparaturen her. In der Schweiz haben wir keinen Verband mehr, deshalb müssen die Schweizer Lehrlinge in Deutschland zur Schule, wo sie blockweise unterrichtet werden. Ich bilde auch Lehrlinge aus.

In der Umgangssprache heisst unser Beruf immer noch Glasbläser. Viele können sich im ersten Moment nicht so recht vorstellen, was ich tue. Danach die Frage: ‹Reagenzgläschen?› Ja. Diese werden heute aber automatisch hergestellt. Ich habe auch Maschinen für Formen, alles geschieht jedoch von Hand. Ich produziere nicht maschinell. Als Serienartikel zählen bei mir höchstens zehn Stück, hin und wieder vielleicht 100 Stück. Das sind alles Spezialanfertigungen.

Badminton ist die zweite grosse Leidenschaft

Die Gasflamme wird über 1000 Grad Celsius heiss. Das Glas ist ein schlechter Wärmeleiter, deshalb kann man beim Glasblasen den Mund nicht verbrennen. Schnittverletzungen gibts manchmal. Bei kleineren Gegenständen muss ich bis auf drei Zehntelmillimeter genau arbeiten. Alle bearbeiteten Glasobjekte müssen in den Ofen, der exakt auf 575 Grad hochgefahren wird. So werden im Glas die Spannungen abgebaut.

Sport ist mein Hobby. Seit 40 Jahren spiele ich vorwiegend Badminton. In meiner Altersklasse bin ich Schweizer Meister. An den Swiss Open in Basel habe ich immer einen Stand, an dem ich Glaswaren und Pokale ausstelle. Pokale sponsere ich dem Veranstalter als Auszeichnungen für die besten Spieler der Welt. Ich präsidiere zudem den Badminton-Club Pratteln. Im Sommer fahre ich auch gerne mit dem Rennvelo.

Mein Betrieb ist gut ausgelastet. Ich beschäftige mich damit, das Geschäft zu verkaufen, am liebsten an einen Glasbläser. Ziel ist, in den nächsten fünf Jahren diesen Schritt zu vollziehen. Aber das wird nicht einfach.»

Aufgezeichnet von Simon Tschopp