Glosse
Schiblis Kopfsalat: Der Spass mit dem Pass

Ein Museumspass öffnet in der Region 345 Türen. Zumindest in der Theorie. Die Praxis kann ganz anders aussehen.

Sigfried Schibli
Sigfried Schibli
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Das Historische Museum Basel (Archiv).

Das Historische Museum Basel (Archiv).

Juri Junkov

Seit Kurzem besitze ich einen Museumspass, weil das Leben manchmal auf Inputs ange­wiesen ist, und diese können Museumsbesuche bieten. Jetzt mache ich in den Kunsthäusern der Region so meine Erfahrungen. Zuerst einmal die, dass man einen Museumsbesuch besser nicht an einem Montag plant, weil dann fast alle Kulturhäuser mit Ausnahme der Fondation Beyeler geschlossen sind. Warum das so ist, ist mir nie klar geworden – es wird mit den Personalkosten zusammenhängen, wobei solche vermutlich auch in Riehen anfallen. Aber seis drum, es gibt ja noch sechs andere Tage in der Woche.

In eigener Sache

Neue Kolumnistinnen und Kolumnisten

Kolumnen sind das Sahnehäubchen jeder Zeitung: Sie unterhalten, überraschen, provozieren. Die heutige Ausgabe der bz markiert ein Ende und einen Neuanfang zugleich: Im Wochenturnus werden uns der Musikkritiker Sigfried Schibli, der Publizist Andreas W. Schmid, die ehemalige Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer sowie die Politikerin und Studentin Naomi Reichlin (letztere beide ab Juni) mit ihren Beobachtungen, Gedanken und Meinungen beglücken. Bedanken möchte ich mich sehr herzlich bei Eva Oberli, Martin Dürr, Daniel Wiener und Tobit Schäfer, die uns teils über Jahre mit bestens verdaulichem Gedankenfutter versorgt haben.

Patrick Marcolli, Chefredaktor

Nachdem ich stolzer Besitzer eines Museumspasses geworden war, registrierte ich mich brav mit der mir zugewiesenen achtstelligen Nummer im Internet. Doch die Annahme, ich könne jetzt mit meinem Ausweis in 345 Museen an allen Kontrollen vorbeimarschieren, erwies sich als trügerisch. Erst einmal muss man den neuen Ausweis elektronisch aktivieren. Als ich das im Historischen Museum tun wollte, bestätigte das Museum seinen krisenhaften Ruf. «Es funktioniert nicht», sagte die Dame an der Museumskasse, die verzweifelt meinen Ausweis an ein Gerät drückte, um ihn zu aktivieren. Dann versuchte es ihre Chefin, aber auch sie schaffte es nicht. Ich unterdrückte einen technikfeindlichen Reflex («Wo man hinkommt, funktioniert die Elektronik nicht!») und bat erfolgreich darum, mich einzulassen, da ich ja unschuldig am Versagen der musealen Elektronik war.

Leeres Haus an attraktiver Lage

Zwei Tage später wiederholte ich das Ganze im Ableger des Kunstmuseums, welcher der Gegenwartskunst gewidmet ist. Und siehe da – der Scanner las meinen Ausweis mühelos. Dass dieses Museum am Rhein abgesehen von den Aufsehern, die gelangweilt ihre Runden drehten, menschenleer war, störte mich nicht weiter. War ich doch gekommen, um Kunst und nicht in erster Linie Menschen zu sehen. Es wird schon seine Gründe haben, dass ein Haus an so attraktiver Lage keine Kunstliebhaber anzieht.

Im Hauptgebäude des Kunstmuseums war viel Volk vor den Kassen versammelt, und siegesgewiss zückte ich meinen noch fast jungfräulichen Museumspass. Aber oha – die Sonderausstellung über Sophie Taeuber-Arp kann nur besuchen, wer sich vorher im Internet registriert und ein Zeitfenster ausgewählt hat. Ich begnügte mich daher mit der allgemeinen Sammlung, die wiederum fast menschenleer war, und meldete mich für einen der folgenden Tage elektronisch an. Der mir zugewiesene Slot begann um 12 Uhr. Kunst statt Kotelett.

Etwas stutzig wurde ich, als mir eine Kollegin erzählte, sie habe diese Sonderausstellung auch gesehen. «Du hast dich sicher vorher eingeloggt!», sagte ich mit Kennermiene zu ihr. «Nein,» entgegnete sie, «ich habe ja gar kein Internet! Ich habe mich einfach an der Kasse hartnäckig gezeigt und mich geweigert, wieder weg­zugehen, dann haben sie mich reingelassen.» Meine ersten Eindrücke als Besitzer eines Museumspasses lassen sich mit den Worten zusammenfassen: kein Publikum, Elektronik spinnt, Kontrollen willkürlich. Es gibt ja noch 341 andere Häuser.

Sigfried Schibli ist Musikkritiker und Publizist, Hobbymusiker, Grossvater
und Querbeet-Leser. Nutzt seine Zeit für die Erholung vom Nachdenken.