Die einen wollen auch Frauen in ihren Reihen, die anderen akzeptieren nur Männer. Auch sonst haben sie das Heu nicht immer auf derselben Bühne. Trotzdem: Die Evangelischen Kirchen wollen den Dialog mit dem Vatikan. Das sagen sie nicht nur, das gibt es seit Sonntag schriftlich. Wenn das keine Sensation ist, nachdem die beiden christlichen Kirchen jahrhundertlang dialogscheu waren, um es nett auszudrücken.

«Ohne gegenseitigen Respekt und den Geist des Kompromisses kann der Bundesrat seine Aufgabe nicht erfüllen», sagte Bundesrat Ignazio Cassis gestern im Münster – und verglich seinen Job mit jenem, der nun auf Reformierte und Katholiken zukommt. Der Fokus sei auf «Verbindendes» zu richten und nicht wie bisher auf «Trennendes», riet der Katholik Cassis. Und Hunderte Würdenträger, Politiker und gläubige Bürger hingen ihm an den Lippen.

Dialogstart mit Unverhandelbarem

Ein Gottesdienst wäre kein Gottesdienst, wenn nicht auch Gott zu Wort käme. In allen Variationen und durch die irdische Stimme verschiedener kirchlicher Exponenten überbracht. Im Zentrum stand Gottfried Wilhelm Lochers Predigt. Der Präsident der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa lobte Europa dafür, dass es den Frieden wahren kann, warnte aber auch vor gefährlichen Entwicklungen.

Empfehlungen, den Frieden aufrechtzuerhalten, bekamen in seiner Predigt weit mehr Raum als die Tatsache, dass sich die Welt durchaus im Krieg befindet, wenn auch nicht unmittelbar in unserer Nähe. Kein Wort zu Ostdeutschland, wo Menschen erst neulich auf offener Strasse den Hitlergruss zeigten. Dafür eine Frage zu Waffenexporten: «Ist der Arbeitsfrieden unserer Sozialpartner wichtiger als das potenzielle Töten mit unseren Rüstungsgütern?» In Anbetracht dessen, dass es kein politisches, sondern ein christliches Fest war, verhallte die Frage im Gotteshaus.

(...) Gnädiger Gott, wir beten für alle Menschen in Europa. Führe uns mit Deinem Heiligen Geist, damit Europa ein sicherer Hafen bleibt für alle, die nach Frieden und Hoffnung dürsten. Mache aus uns Instrumente Deiner Liebe in unserem Herrn Jesus Christus (...). Zwischen diversen Fürbitten erklang der Gebetsruf: «O Lord, hear my prayer.»

Höhepunkt des zweistündigen Festakts war die Unterschrift. Ausgeführt von Gottfried Locher und Kardinal Kurt Koch. «Manche Dinge sind nicht verhandelbar, so lege ich dir die Frauenordination ans Herz», sagte Locher zu Koch – und es passierte etwas, was selten vorkommt: Die Gläubigen lachten in den Rängen.

Als Koch dann dasselbe zu Locher sagte, dass auch von seiner Seite aus manches nicht verhandelbar sei, lachten die Menschen erneut. Und nachdem die beiden Diener Gottes ihre Unterschrift auf die Absichtserklärung setzten, den Dialog nun offiziell zu starten, geschah etwas noch Verwunderlicheres: Die Menschen klatschten. In einer Kirche!

Spätestens in diesem Moment sollte jeder begriffen haben, dass es sich tatsächlich um ein historisches Treffen handelte.