Theater Basel

Gotthelf reloaded: Tillman Köhler bringt «Die schwarze Spinne» textnah auf die Kleine Bühne

Gotthelfs grosser Schatten: «Die schwarze Spinne» auf der Kleinen Bühne.

Gotthelfs grosser Schatten: «Die schwarze Spinne» auf der Kleinen Bühne.

Jeremias Gotthelf schrieb die Novelle «Die schwarze Spinne» 1842 im Emmental. Tillman Köhler bringt den Klassiker erneut auf die Bühne - auf eine runde Bühne.

Seit Jahrzehnten krabbelt die schwarze Spinne durch Freilichttheater und über Volksbühnen. Wie soll man diesen alten Zopf noch auf die Bühne bringen? Mit mehreren Zöpfen – doch dazu später mehr. Zuvor, als Reminder: Jeremias Gotthelf schrieb die Novelle 1842 im Emmental. Und schuf mit dieser Kunstsage einen Klassiker: Ein Dorf schliesst einen unheilvollen Pakt mit dem Teufel. Um ein neugeborenes Kind geprellt lässt dieser Mensch und Tier von einer Spinnenplage heimsuchen.

Zufall oder Zitat? Nach der betörenden Woyzeck-Drehscheibe erwartet das Publikum im Theater Basel erneut eine runde Bühne, diesmal aus Holz und drehbar von Menschenhand. Eine schwarze Plane liegt über ihr. Noch scheint der Grossvater (Martin Hug) allein, wenn er juchzend und jodelnd seine Runden dreht. Bald aber bewegen sich wuselnd Körper unter der Plane, und nach und nach kriechen die Mitglieder einer Taufgemeinschaft heraus. Schwarz-weiss gekleidet (Kostüm: Susanne Uhl) in einer Reihe aufgestellt, beginnen sie zu erzählen. Es ist keine Bühnenfassung: Gotthelfs Erzählstimme wird Satz für Satz aufgeteilt auf die Schauspieler. Und es funktioniert.

Starke Spracharbeit des Ensembles

Obwohl in dieser Rahmenerzählung wenig passiert – es wird gegessen und getrunken – folgt man den Stimmen gebannt. Reizvoll der komische Effekt, der entsteht, da die Figuren in der dritten Person Singular von sich sprechen. Etwa, wenn die Gotte (hinreissend verzweifelt: Cathrin Störmer) in Panik gerät, weil es Unglück bringt, wenn sie sich nicht mehr an den Namen des Säuglings erinnern könnte. Hans-Uli nämlich heisst er, dargestellt von einem Butterzopf.

Hans-Uli, wie der jüngere Götti (fesch: Simon Zagermann), der Gefallen an der Gotte gefunden hat. Für Gotthelfs Verständnis wohl etwas schnell wenden sich die beiden lustvoll einander zu. Den anderen Gästen bleibt bloss das Essen, dies aber reichlich und umständlich, wie der Vetter (Steffen Höld) fröhlich berichtet.

Ebenso offenkundig hat das Publikum Gefallen an dieser Tauf-Truppe gefunden. Liegt es an der starken Spracharbeit des Ensembles, an der richtigen Mischung aus Klamauk, Ernst und Kirchengesang?

Die Flughöhe dieses Einstieges kann der Abend nicht halten. Setzt der Anfang voll auf die Kraft von Gotthelfs Erzählung, wird in der Binnengeschichte mehr gespielt. Wenn der Teufel (reizvoll menschlich: ebenfalls Martin Hug) unter seinem lustigen Papierfeder-Hut in einem Dialog mit der listigen Christine (Myriam Schröder) fragt, ob nicht manchmal die erste beste Möglichkeit auch die richtige sei, so hat er damit wohl in doppelter Hinsicht Unrecht.

Einen Schattenhang als grosses Schattenspiel aus Menschen-Bäumen darzustellen, klingt einfallsreich, erzielt aber kaum die beängstigende Wirkung, die es anpeilt. Und wenn die Bauern vor Furcht frieren, fahren sie sich mit den Händen über die Oberarme, als ob sie Scharade spielten.

Obschon in der Erzählung kleine Spinnen aus Christines Wange krabbeln und der Horror seinen Lauf nimmt: Das Unbehagen will sich nicht richtig einstellen. Woran liegts? Das Unheimliche ist weder laut noch schnell. Weder Schreien noch Rennen fördert den Hitchcock-Effekt. Sobald die Szenen ruhiger werden, auf die Erzählung vertraut wird, ist der Sog da.

Liliane Amuat und Urs Peter Halter überzeugen mit feiner Mimik im Dilemma um ihr ungeborenes Kind. «Behalten oder opfern?». Auch ihr Kind wird durch einen Butterzopf dargestellt. Die Idee mit den Sonntagszöpfen wird dann in einer Chilbi-Orgie-Szene ad absurdum geführt: Die Zöpfe werden auseinandergerissen, herumgeschmissen und in die Unterhose gestopft. Darf man das? Natürlich darf Theater das. Doch was soll Theater? Unterhalten: Klar. Anregen, aufrütteln, kritische Fragen stellen? Unbedingt.

Mochte beispielsweise Thomas Mann noch so schwärmen von diesem – zweifellos fesselnden – Stoff: Gotthelfs Novelle «Die schwarze Spinne» ist durchtränkt von schrecklicher Frauen- und Lustfeindlichkeit sowie Fremdenhass.

In Tilmann Köhlers Interpretation der Teufelsbraut Christine erkennt man die Auseinandersetzung mit diesem Aspekt, aber man hätte sich mehr davon gewünscht. Und von den Butterzöpfen etwas weniger. Gerade richtig viele Schauspieler finden sich hingegen auf der Bühne. Die Perkussionistin Camille Emaille mitgezählt sind es acht.
Ach ja: Auch wer unter Arachnophobie leidet, kann sich das Stück getrost anschauen. Es kommen keine echten Spinnen vor. Nur fast echte. Gespielt von den Händen des Ensembles, pochend auf dem Holz der Scheibe, schneller werdend. Witzig und fast ein bisschen unheimlich.

Nächste Vorstellungen: 25. September, 4./9./16./19. Oktober. Kleine Bühne, Theater Basel.

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