Es ist so eine Sache mit dem Jenseits, denn es gibt die unterschiedlichsten Angebote. Das Problem dabei ist, dass der Reisende sich bei der Wahl ganz auf die jeweiligen Reiseprospekte verlassen muss. Augenzeugenberichte sind rar. Instagram hilft auch nicht weiter. Umso grösser der Aufwand, den die Religionen in die Vermittlung gesteckt haben. Klare Weltmeister in dieser Kategorie sind die Ägypter. Ihre Gräber und ihr Totenkult beschäftigen die Menschheit noch immer, obwohl die Monumente bereits 4000 Jahre ungenutzt im Wüstensand rumstehen.

Ein Experte in dieser Angelegenheit ist André Wiese. Er empfängt den Reporter im Grab von Sethos I. Oder besser in dessen Nachbildung, die derzeit im Antikenmuseum ausgestellt ist. Der Riehener Wiese hat in Basel Ägyptologie studiert und in den 1990er-Jahren die ägyptische Abteilung im Antikenmuseum mit ins Leben gerufen. Heute leitet er diese und ist Kurator für die antike Kunst aus dem Nilland. Wiese kann Hieroglyphen lesen. «Nicht mehr so gut wie auch schon», sagt er. Er lese fast nur noch kürzere Inschriften, keine komplexen Texte auf Papyrus mehr.

Wiese nimmt sich Zeit für eine einstündige Reise ins Jenseits der Pharaonen. «Du stirbst, damit Du lebst», sagt er zu Beginn. Schon der erste Satz ist schweres Geschütz. Aber präzise. Wie bei allen anderen Jenseitsvorstellungen geht es auch hier darum, dass nach dem irdischen Tod ein ewiges Leben wartet.

Per Schiff durch die Unterwelt

Zuerst einmal das Personal, das, neben den Verstorbenen, das Jenseits bevölkert: Es sind Götter und Dämonen. Auch sie sind sterblich. Auch sie sind Gesetzen unterworfen. Da sind zum Beispiel Osiris, der Herrscher über die Toten, und Isis, seine Schwestergemahlin. Es gibt Toth, den Gott des Mondes, oder Apophis, Meister über Chaos und Finsternis.

Chef im Jenseits ist jedoch Re-Atum, der Sonnengott in einer nächtlichen Gestalt. Wenn er gegen Abend müde wird, abkühlt und seine Strahlkraft nachlässt, begibt er sich in die Unterwelt, um sich zu erholen. Er durchquert das Schattenreich auf einer Barke, die Gehilfen dem Totenfluss entlang und durch jenseitige Wüsten ziehen.

Zwölf Stunden ist Re unterwegs. Wobei es hier bereits ein wenig kompliziert wird. Denn eine Gottesstunde entspricht in etwa einem Menschenleben.

Dass Re mit seinem Schiff die Zeit stellenweise gegen ihren Fluss durchquert, bringt auch heutige Physiker zum Staunen. Merke: Auch im alten Ägypten gab es bereits Einsteins.

Die Reise des Gottes dauert also länger, als wir uns vorstellen können. Darum hier die Kurzversion: Neben seinem Trip durch die umgekehrte Zeit, übrigens symbolisiert durch eine Schlange, muss der Sonnengott verschiedene Gefahren überwinden. Und der ihn begleitende verstorbene König kommt vor ein Totengericht. Doch dazu später mehr.

Zuvor muss Re gegen das Ungeheuer Apophis kämpfen. Auf jeder Nachtfahrt hat er diese Ausgeburt des Chaos’ von Neuem zu besiegen. Ansonsten geht die Sonne nicht wieder auf. Das Untier muss mit magischen Sprüchen gelähmt, gefesselt, erstochen und zerstückelt werden. Das geht nur mithilfe der anderen Götter.

Ist das geschafft, kann Re sich langsam wieder auf den Weg nach Osten machen, wo er am Ende der Reise als Skarabäus in seinem Schiff aus den Urfluten gehoben und gegen den Himmel geschickt wird. Nachdem er sich um die verstorbenen Menschen gekümmert hat.

Das richtige Setting

Stirbt ein Altägypter oder eine Altägypterin, braucht es ein paar Dinge, damit die Reise klappt. Erstens und unabdingbar: Der Körper muss erhalten werden. Die Mumie ist quasi das Raumschiff. Zusätzlich braucht es ein Grab, das mit Namen versehen und einer Statue oder einem Relief geschmückt ist. Von diesem Setting gibt es unterschiedlichste Ausformungen. Gross und recht auffällig: Pyramiden. Versteckt: ein Tunnel, wie bei Sethos. Oder die einfache Grabkammer, ohne viel Pomp. In der Luxusvariante werden die Räume mit der Geschichte des Gottes Re (oder anderer Gottheiten) ausgeschmückt. Als Reiseprospekt dienen die Totenbücher. Papyrusrollen mit hunderten von Sprüchen, die im Jenseits nützlich sein können. Zusätzlich werden möglichst viele kleine Figuren eingeladen. Jetzt wird die Tür zum Jenseitsraumschiff verschlossen. Bitte anschnallen.

Deckel auf, Deckel zu

Die Mumie liegt im Totenreich. Es ist still. Für lange Zeit still. Bis von Weitem ein Tross daherkommt. Es ist Re, der Sonnengott mit seiner Barke. Er ruft die Namen der Verstorbenen. Die Sarkophage springen auf, die Mumien erheben sich.

Sie werden eingekleidet und beginnen ihr Leben im Jenseits. Eine schicke Sache. Niemand wird krank, es gibt reichlich zu essen und zu trinken. Die Liebe und die Musen kommen nicht zu kurz. Die Arbeit erledigen die Bediensteten, jene Figürchen, die dem Grab beigelegt wurden. Merke: Spare in der Endlichkeit, dann hast Du in der Ewigkeit.

Die Erweckung der Mumien dauert eine göttliche Stunde, also ein Menschenleben lang. Verlässt der Sonnengott die Zeitkapsel, sinken die Mumien in die Sarkophage zurück und verfallen in todesähnlichen Schlaf, bis Re in einer fernen Nacht wieder ihre Namen ruft. Merke: Schreib Dein Grab genau an, sonst kann der Gott Dich nicht rufen und Du verschläfst das Jenseits für immer und ewig.

Die Statue als Medium

Jenseitsführer Wiese erklärt, dass dies im alten Ägypten ein probates Mittel war, um seinem Nachbarn postum zu schaden: Entferne den Namen vom Grab und zerstöre seine Statue. Ohne Namen findet ihn Gott Re nicht. Ohne Statue hat er kein Medium, über das die Angehörigen mit seiner Seele kommunizieren können. Dafür sind diese Statuten nämlich da. Sowohl diejenigen von Menschen wie von Göttern: In ihnen manifestieren sich deren Seelen im Diesseits und werden so für kurze Zeit ansprechbar. Merke: Kunst kann richtig überlebenswichtig sein.

Leg das Herz auf die Waage

Gut mumifiziert und gut begraben, fertig ist das ewige Leben: Schön wär’s, wenn es so einfach wär. Denn auch die alten Ägypter konnten es nicht lassen und haben in ihrem Jenseits eine Prüfung eingebaut. Fairerweise für Menschen wie für göttliche Könige. Beide müssen beim Eintritt ins Totenreich vor Osiris antreten. Gut, wenn man dann seine Spruchrolle dabei hat.

Wie vor jedem Richter hilft auch hier gute Rhetorik, wenn vor Osiris das «negative Bekenntnis» abgelegt werden muss. Das geht in etwa so: Nein, ich habe meine Frau nicht betrogen, ich habe nicht gestohlen, ich habe nicht getötet ...

Sie lesen richtig: Die ethischen Regeln und Gebote der Ägypter sind fast deckungsgleich mit den jüdischen, später christlichen. Hatte sie Moses doch nicht auf dem Berg empfangen, sondern vom Nil importiert? Reine Spekulation.

Wahr jedoch ist, dass Osiris den Jenseitsanwärtern das Herz entnimmt und es auf eine Waage legt. Findet es dort die Balance mit einer Figur der Göttin der Gerechtigkeit, ist alles gut. Wenn nicht, dann wird das Herz dem Höllendrachen vorgeworfen und der arme Sünder in der flammenden Hölle grilliert, zerstückelt und verbrannt. André Wiese sagt: «Ja, auch dieses Jenseits dient der Disziplinierung der Diesseitigen.»

Seit Jahrtausenden unwissend

Was gilt es sich sonst noch zu merken von dieser Reise ins ägyptische Schattenreich? Grosse Kunst kann über Zeiten und Welten hinweg zu uns reden. Meist ist die Idee vom Jenseits mit Ethik und Moral verknüpft. Gratis ist das ewige Leben nicht zu haben. Es soll im Diesseits abverdient werden. Die Frage ist jeweils, wer aus diesem Modell einen Nutzen zieht. Sind es Einzelne oder wir alle?

Am Ende bleibt die Gewissheit: Wie es wirklich ist dort drüben, ja, ob es dieses Drüben überhaupt gibt, das wissen wir auch 4000 Jahre nach Sethos nicht.

Scanning Sethos Die Wiedergeburt eines Pharaonengrabes ist noch bis 6. Mai zu erleben – mit zahlreichen Rahmenveranstaltungen. www.antikenmuseumbasel.ch