Herr Rebmann, worüber reden wir?

Roger Rebmann: Über Geheimnisse.

Sie treten bei Stadtführungen als Grabmacherjoggi auf, ein über 200 Jahre alter Totengräber. Diese Figur ist Kult, Sie gehören quasi zum Stadtbild. Was ist das Geheimnis Ihres Erfolgs?

Ich konzentriere mich weniger auf die klassischen Sehenswürdigkeiten, sondern auf Dinge, die man vielleicht jeden Tag sieht, aber nicht bewusst wahrnimmt. Eine Skulptur etwa oder ein auf den ersten Blick unscheinbares Haus.

Der Grabmacherjoggi ist eine Plaudertasche. Hat er auch Geheimnisse?

Natürlich. Etliche. Eines verrate ich, aber nur eines: Wenn er zu spät dran ist für eine Führung, nimmt er ein Taxi. Allerdings steigt er um die Ecke aus, nicht sichtbar für die Teilnehmer der Führung.

Ihr Lieblingsort in der Stadt?

Es gibt nicht den Ort. Aber zum Beispiel hat die Leonhardskirche eine wunderbare romanische Krypta, wo es schön ruhig ist.

Warum haben Sie den Grabmacherjoggi als Figur gewählt?

Ich wollte eine Randfigur, eine, die über das Endgültige Bescheid weiss. Ob arm oder reich – am Schluss muss jeder bei ihm «durch». Ein Tabu, ein Faszinosum auch.

Ein Totengräber kann dunkle Geschichten erzählen.

Themenrundgänge mit Geistergeschichten und morbidem Touch sind gefragt, ja. Denn der Tod findet nicht mehr in der Gesellschaft statt. Früher starb man im Kreise der Familie, heute im Spital oder im Altersheim, sehr steril. Der Tod ist uns fremd, hat etwas Geheimnisvolles. Da will man automatisch mehr darüber wissen ...

... spukt es denn in Basel?

Solche Geschichten gibt es. Etwa über einen Torwächter, dessen Tochter im Rhein vor circa 300 Jahren ertrunken ist, weil er nicht auf sie aufgepasst hat. Ihn hat man nach seinem Tod an mondhellen Nächten auf dem Martinskirchhof herumgeistern sehen. Allerdings gingen solche Sichtungen Ende des 19. Jahrhunderts massiv zurück. Damals haben die Gebrüder Lumière das Kino erfunden. Die Geister wurden arbeitslos (lacht). Aber es sind nicht nur die Spukgeschichten, die faszinieren. Der letzte Henker von Basel, Peter Mengis, geniesst auch grosse Aufmerksamkeit.

Wohl ein furchteinflössender Mann.

Nein, eher eine zierliche Person, von feiner, höflicher Art. Er enthauptete mit dem Schwert, übte viel, an toten Säuen und Geissen. Damit der Schlag gut sitzt. So litt der Verurteilte weniger Angst und Qual.

Wann fand in Basel die letzte öffentliche Enthauptung statt?

1819, auf dem «Kopfabheini». Etwa dort, wo heute der Zolliparkplatz ist.

Mit einer Guillotine?

Nein, die kam erst spät im 18. Jahrhundert auf. Und da war’s mit dem Hinrichten in Basel fast schon vorbei. Wir haben vergleichsweise früh damit aufgehört.

Welche weiteren Themenrundgänge sind bei Ihren Gästen beliebt?

In den vergangenen Jahren immer mehr jene über die Geschichten der Frauen Basels. Aber auch der Rundgang zu Kleinhüningen, dem Fischerdorf. Dort hat es sehr schöne Winkel! Carl Gustav Jung, einer der Väter der Psychotherapie, verbrachte in Kleinhüningen seine Jugend.

Wie haben Sie sich dieses immense Wissen über Basel angeeignet?

Als ich Teilzeit bei Securitas gearbeitet habe – das ist 20 Jahre her –, zum Beispiel an der Baselworld, haben mich Leute oft darauf angesprochen, was sich hier zu sehen lohnt. Das hat mir zusehends Spass gemacht. Daraufhin habe ich die Website altbasel.ch ins Leben gerufen, mit Geschichten über die Stadt. Hunderte Beiträge habe ich geschrieben. Da bleibt etwas hängen.

Sie lesen sicher sehr viel.

Oh ja. Nicht nur Geschichtsbücher, auch Handschriftliches aus dem Staatsarchiv. Ausserdem bin ich Fan der Jahresberichte der archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt. Da werden aufschlussreiche Geschichten zutage befördert, Geheimnisse gelüftet. Von gut erhaltenen Skeletten kann man viel ablesen: Welche Krankheiten hatte die Person? Hatte sie Stress, Hunger? Wenn sie zum Beispiel kaputte Zähne hatte, konnte sie sich Zucker leisten. War also vermögend.

Wissen Sie auch mal keine Antwort auf eine Frage zu Basel?

Wann das nächste 11er-Tram fährt, weiss ich nicht. Wenn es um Basler Historie geht, bin ich nie um eine Antwort verlegen.

Und über Aktuelles sind Sie informiert? Hat das noch Platz?

Ich bringe viel Aktuelles in meine Führungen. Die Geschichte wiederholt sich.

Geben Sie uns ein Beispiel.

Beim «Haus zur Mücke» am Schlüsselberg wurde während des Konzils in Basel im 15. Jahrhundert ein Gegenpapst gewählt. Mit Felix V. fand man einen Kandidaten, der als leicht beeinflussbar galt. Da ziehe ich gerne Parallelen zu gewissen westlichen Politikern, die sehr mitteilungsbedürftig sind auf ihren Handys ...

... Sie meinen Donald Trump.

Jetzt, wo Sie’s sagen! Er sei ja scheints auch leicht beeinflussbar. Im Unterschied zu Felix V. ist er aber nur schwer zu lenken.

Da war’s in den guten alten Zeiten schon besser.

Die gibt es gar nicht! Für die Leute, die damals gelebt haben, war es die harte Gegenwart. Je weiter weg etwas ist, desto mehr romantisiert man. Beispiel: Basel sei so kriminell wie noch nie, sagen manche. Wenn man das prozentual hochrechnet, würde ich behaupten, dass es nicht schlimmer geworden ist. Früher gab’s nicht selten Krawall, etwa am Lindenberg. Regelrechte Strassenschlachten auch, etwa die Metzgersschlacht 1908 an der Clarastrasse. Eine grosse Klopfete mit vielen Schwerverletzten. Und im Mittelalter wurden während der Fasnacht Frauen daheim massiv sexuell belästigt – das war kein Geheimnis. Die Fasnächtler nannten das «Chüechli bättle». Allerdings wusste manche Frauen sich mit der Pfanne zu wehren. Da kam es immer wieder zu Schädelbrüchen ...

Sie sind seit 10 Jahren hauptberuflich als Stadtführer unterwegs. Wie läuft es derzeit?

Sehr gut, das Interesse an besonderen Geschichten, an den verborgenen Geheimnissen dieser Stadt reisst nicht ab. Allerdings gingen die Buchungen im Sommer merklich zurück. Eine solche Hitze habe ich noch nie erlebt. In der Rheingasse ist mir sogar jemand zusammengebrochen. Daraufhin habe ich manchen Gruppen geraten, die Führung auf den Herbst zu verschieben. Dementsprechend bin ich im September so gut gebucht wie noch nie. Der Oktober füllt sich auch schon.