Friedhof Hörnli

Grabsteine ab Stange: Die Zeit nach der Ruhezeit

Yvonne Aellen und Patrick Goepfert von der Stadtgärtnerei sind Zeugen der neuen Begräbnis-Trends auf dem Hörnli.

Yvonne Aellen und Patrick Goepfert von der Stadtgärtnerei sind Zeugen der neuen Begräbnis-Trends auf dem Hörnli.

Heute Samstag ist der Tag des Friedhofs. Zu diesem Anlass stellen wir uns die Frage: Was passiert mit den Grabsteinen, wenn für sie keinen Platz mehr auf dem Friedhof ist?

Gut 20 000 Grabsteine stehen auf dem Friedhof Hörnli. Aber keiner bleibt ewig. Wer vor zwanzig Jahren begraben wurde, wird dort bald keinen Grabstein mehr haben. Ausser der Verstorbene liegt in einem Familiengrab oder jemand kümmert sich um eine Grabversetzung. Ist beides nicht der Fall, wird das Grab geräumt. Die Urne oder der Sarg bleiben jedoch in der Erde. Dort, wo der Tote seit zwanzig Jahren ruht.

Das war einmal anders, früher räumten die Verantwortlichen das ganze Grab. Seit einigen Jahren verändern sie nach der Ruhezeit nur noch den oberirdischen Bereich. Und machen das Grabfeld zu einer Blumenwiese. Yvonne Aellen und Patrick Goepfert streifen durch die Anlage. Hätte er nicht sein Arbeitsgewand an, würden sie als Spaziergänger durchgehen. Deren gibt es einige hier, der staatliche Friedhof wurde einst bewusst als grosszügige Gartenanlage konzipiert – als eine Art Park mit Gräbern. Man ging davon aus, dass in Basel dereinst 300 000 Menschen leben würden, entsprechend gross ist der Friedhof geworden – und entsprechend viel Arbeit gibt es heute für die Mitarbeiter der Stadtgärtnerei. Goepfert ist verantwortlich für den Unterhalt auf dem Hörnli, Aellen betreut sämtliche Grünflächen der Stadt.

Grabstein gehört der Familie

Sie haben immer wieder mit Angehörigen von Verstorbenen zu tun und wissen: Es kommt nicht oft vor, dass jemand rebelliert, wenn nach zwanzig Jahren ein Brief mit Absender «Bestattungswesen» ins Haus flattert. Die Familien erfahren bereits bei der Bestattung, wie lange die Reihengräber bestehen bleiben. «Manche sind auch froh, abschliessen zu können», sagt Aellen. Und jene, die Mühe hätten, wünschten, dass die Urne an einen Ort verlegt wird, an dem weiterhin der Name des Verstorbenen steht.

In den meisten Fällen steht der Name auf dem Grabstein. Noch. In den vergangenen Jahren wünschten sich immer mehr Leute, in einem Gemeinschaftsgrab bestattet zu werden. «Die Menschen sind mobiler geworden, wohnen teils nicht mehr hier, und das Grab als Trauerort hat im Zusammenhang mit dieser Entwurzelung nicht mehr dieselbe Bedeutung wie früher», sagt Aellen. Viele lägen heute lieber in einem Gemeinschaftsgrab. Die Stadtgärtnerei bepflanzt Reihengräber nur, wenn dies von Angehörigen gewünscht und bezahlt wird. Fast jeder Dritte liegt inzwischen in einem Grab mit Fremden. Beliebt sind im Gegensatz zu den «namenlosen Gräbern» jene Sammelgräber, bei denen die Namen auf einer Platte eingraviert sind. Trotz der Tendenz hin zu Gräbern ohne Grabsteine: Steinmetze werden nicht arbeitslos, ist Goepfert überzeugt. Aber er stellt fest: «Angehörige kaufen immer öfters Steine ab Stange.» Und selbst, wenn einst viel Liebe und Geld für individuelles Design des Steins aufgewendet wurde, nehmen ihn nach der Ruhezeit nur wenige Angehörige mit nach Hause. Auch längst nicht alle Steinbildhauer wollen ihre Werke zurückhaben, wenn die Familie den Stein nicht mehr will.

Zu viel Arbeit wäre es für die Bildhauer, den Stein abzuschleifen und neu zu bearbeiten – vor allem, wenn es sich um günstiges Material wie etwa Kalk handelt. 80 Prozent der Grabsteine werden geschreddert und zu Kies für Bauarbeiten verarbeitet. Die Ausnahme bilden künstlerisch wertvolle Grabsteine. Um diesen Aspekt zu beurteilen, braucht es das fachkundige Auge des Grabmalsachverständigen. Entdeckt er einen anspruchsvollen Grabstein, bleibt dieser auf dem Hörnli – sofern ihn die Angehörigen nicht haben wollen. Bisher bekam diese Kunstwerke nach der Ruhezeit kaum mehr jemand zu Gesicht. Das ändert sich bald. Für kommendes Jahr ist die Eröffnung einer Dauerausstellung unter freiem Himmel beim Krematorium geplant. Bereits jetzt zu sehen sind Grabsteine prominenter Basler wie Alfred Rasser oder Irène Zurkinden. Sie stehen beim Haupteingang links auf einer Wiese.

Platz gibt es nach wie vor mehr als genug auf dem Hörnli. Patrick Goepfert und sein Team lassen sich daher bis zu zehn Jahre Zeit, bis sie aus einer Blumenwiese wieder ein Grabfeld machen. Die alten Urnen werden nicht ausgegraben, sondern bleiben zwischen den neuen Urnen bestehen. Nach der Ruhezeit verschwindet also einzig der Grabstein.

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Autorin

Martina Rutschmann

Martina Rutschmann

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