Archäologie
Grabungen unter dem Stadtcasino: oben Klassik, unten Knochen

Grabungen unter dem Musiksaal des Stadtcasinos zeigen: Basel ist ein einziger grosser Friedhof. Die Archäologen stossen mit jeder tieferliegenden Schicht in ein noch weiter zurückliegendes Zeitalter vor.

Samuel Hufschmid
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Einige der Toten wurden regulär beerdigt, während...
8 Bilder
... andere in Knochenhaufen vorgefunden werden.
Sieben Meter in einem Jahr: Um i mengen Zeitplan zu bleiben, wird auch schweres Gerät eingesetzt.
Direkt unter dem Zuschauerraum des Musiksaals im Stadtcasino wimmelt es von Skeletten.
Die Kantonsarchäologen legen die alten Knochen und Gemäuer nun Schritt für Schritt frei.
Grabungen Stadtcasino
Mit jeder tieferliegenden Schicht stossen sie in ein noch weiter zurückliegendes Zeitalter vor.

Einige der Toten wurden regulär beerdigt, während...

Roland Schmid

Kaum eine Konzertbesucherin mag sich je vorgestellt haben, dass nur wenige Meter unterhalb des Stadtcasino-Musiksaals Skelette Dutzender Toter liegen; teilweise wild durcheinander. Einigen von ihnen wurden aus medizinischen Gründen Löcher in die Schädeldecke gebohrt. Die einen wurden fein säuberlich beerdigt, andere wild durcheinander in Knochengruben geworfen.

Dieses Knochen-Durcheinander bietet sich derzeit den Archäologen, die noch bis im Sommer Zeit haben, die Funde zu sichern, ehe sie beim Umbau des Musiksaals weichen müssen. Die menschlichen Überreste sind dabei nur der Anfang, wie Ausgrabungsleiter Marco Bernasconi erklärt. Denn die rund sieben Meter Erde geben, einer Cremeschnitte gleich, Schicht für Schicht Einblicke in weiter zurückliegende Epochen.

Wobei dank Plänen und Bildern bis ins 14. Jahrhundert einigermassen einschätzbar sei, was zu finden sein wird, wie Bernasconi sagt. Im 14. Jahrhundert wurde die Barfüsserkirche erbaut, die dazugehörigen Kreuzgänge waren exakt dort, wo heute gegraben wird. In der Reformationszeit wurde das kirchliche Gebäude umgenutzt, ein Irrenhaus für «Trunksüchtige, ledige Mütter und geistig Kranke» entstand, wie Schriften aus der damaligen Zeit nahelegen. Es muss grausam zu- und hergegangen sein, weiss Bernasconi aus ebendiesen Quellen. «Die Randständigen wurden zusammengepfercht, ein Aufseher sorgte mit Peitsche für Ruhe und Ordnung.»

Wandernde Stadtmauer

Noch spannender werden die weiter darunterliegenden Schichten, sagt Kantonsarchäologe Guido Lassau. «Nach dem Bau der ersten Stadtmauer um 1070 befand sich der Ort zunächst knapp ausserhalb, ab dem Bau der zweiten Stadtmauer um 1250 knapp innerhalb des Stadtgebiets. Somit haben wir hier die Chance, die mittelalterliche Stadtentwicklung untersuchen zu können. Ebenfalls attraktiv ist für uns, dass die neuere Geschichte dank seiner Zentrumsfunktion ausserordentlich gut dokumentiert ist.» «Es gibt Darstellungen und Pläne des Kreuzgangs und der später errichteten Gebäude, wie dem Kaufhaus oder Musiksaal. So können wir einen Teil unserer Funde direkt mit diesen Darstellungen vergleichen.» Beim Abriss des Kreuzgangs Anfang des 19. Jahrhunderts etwa wurden die Bodenplatten verkauft – erhalten sind nur die Fugen, die vor wenigen Tagen freigelegt wurden.

Dass sich die Überbleibsel aus vergangenen Jahrhunderten so schön freilegen lassen, hat mit dem Birsig zu tun. Dieser überflutete die Stelle immer wieder und jeder Ersatzbau wurde zum Schutz vor dem Wasser leicht höher gebaut. Doch damit ist nun Schluss: Beim Umbau des Stadtcasinos erhält der Musiksaal einen Keller und das Fundament geht bis auf die unterste Felsschicht. «Deshalb graben wir auch so weit nach unten – denn am besten erhalten blieben die Zeitzeugen, wenn sie gar nicht angerührt würden», sagt Lassau. Sein Team, unterstützt von rund zehn zusätzlichen Mitarbeitern, gibt sich aber alle Mühe, die zweitbeste Konservation sicherzustellen. Jeder Knochen wird 3D-fotografiert und sicher aufbewahrt. «Die Herausforderung dabei ist, dass wir künftigen Generationen möglichst umfangreiche Untersuchungsobjekte hinterlassen – denn man weiss nie, mit welchen technischen Möglichkeiten die Funde in der Zukunft untersucht werden können.» Dazu nennt der Ausgrabungsleiter ein Beispiel. «Mit einer neuen Methode lässt sich Mörtel immer zuverlässiger datieren und liefert dadurch wichtige Hinweise auf das Alter eines Fundes – doch vor einigen Jahrzehnten galt das Material bei Grabungen als wertlos und wurde deshalb oft nicht aufbewahrt.»

Besichtigung der Grabungen jeweils Dienstags um 13 Uhr. Eintritt Gratis.