«Fanfare»

Gratis abzugeben: Das Kunstwerk, das niemand will

Das Radiostudio Bruderholz in Basel wird demnächst abgerissen. Und mit ihm wohl auch die Skulptur «Fanfare» des renommierten Schweizer Plastikers Paul Suter entsorgt. Bisher hatte die SRG dafür keinen Abnehmer gefunden.

Das Radiostudio Bruderholz in Basel ist Geschichte. Die Journalisten sind ins Meret-Oppenheim-Haus am Bahnhof gezogen. In den Gängen der alten Studios stehen Paletten mit technischem Material bereit zum Abtransport. Ende Juli beginnt der Abbruch der legendären Studios. Bis dann muss alles weg.

Auch die Kunst, die dereinst zur Erbauung der Mitarbeitenden im Innenhof aufgestellt wurde. Ein in Beton gegossenes Relief der Reinacher Künstlerin Cristina Spoerri wird mit dem Gemäuer in einer Mulde landen. Es ist unrettbar mit dem Gebäude verbunden.

Anders die meterhohe, weisse Stahlplastik «Fanfare», die Peter Suter (siehe Box) im Auftrag der SRG 1977 hier installiert hat. Sie könnte demontiert und anderswo platziert werden. Könnte – denn bisher hat sich niemand gefunden, der das Werk des renommierten Plastikers übernehmen möchte. Dies, obwohl es zu einem symbolischen Preis von einem Franken zu haben wäre. Und der Countdown läuft.

Geht es nach der SRG, muss bis zum 22. Juli eine Übernahmebestätigung eines neuen Besitzers vorliegen. Bis 31. Juli müssten Demontage und Transport realisiert sein. Diese gingen, und das ist die Crux, zulasten des neuen Besitzers. Laut SRG würden sich die Kosten der Demontage, die nur mit einem Kran zu bewerkstelligen ist, alleine auf rund 30 000 Franken belaufen. Transport- und Lagerkosten nicht eingerechnet.

Der Galerist, der die weisse Plastik retten will

Franz Mäder ist ein impulsiver und leidenschaftlicher Mensch. Sein Herz schlägt für die Kunst. Von 1987 bis 2017 betrieb er in Basel eine Galerie. «Ich bin jedoch immer noch für meine Künstler tätig», sagt er. Seit Beginn der Achtzigerjahre hat Mäder als Galerist Paul Suter vertreten und auch dessen Werkverzeichnis erstellt. Für ihn ist das letzte Wort in Sachen «Fanfare» noch nicht gesprochen: «Es kann doch nicht sein, dass ein solch bedeutendes Werk verschrottet wird.» Der Mann setzt seit einigen Wochen alle Hebel in Bewegung, um die Plastik zu retten. Geht es nach ihm, wurde bisher dafür zu wenig getan.

Er lässt das Argument nicht gelten, dass die mit einem Arm ins Untergeschoss ragende Skulptur nur schwer anderswo platzierbar wäre. Er zeigt Bilder von ähnlichen, kleineren Plastiken Suters, die der Künstler auf hohe Sockel gesetzt hat. Er sieht auch die Stadt Basel in der Verantwortung. Suter hat in der Stadt gearbeitet. Seine Werke sind im öffentlichen Raum präsent und gehören zum Stadtbild – wie beispielsweise die drei roten Monumentalskulpturen am Heuwaageviadukt. Mäder findet, die Stadt könnte mindestens bei der Demontage und mit einem Zwischenlager behilflich sein. So könnte die Skulptur gerettet und Zeit gewonnen werden. Aber wieso will eigentlich die SRG das Werk loswerden?

Die Suche nach einem neuen Standort verlief erfolglos

In einem E-Mail vom 20 Juni begründet die SRG ihr Vorgehen so: «Aus der aktuellen Situation heraus haben wir den Auftrag, Depotflächen zu verkleinern und damit auch Ressourcen einzusparen. Daher erlaubt uns der finanzielle Rahmen nicht, die Plastik abzubauen und in einem Depot einzulagern. Zeitlich sind wir an den Termin und die Bedingungen der Übergabe der Liegenschaft gebunden.» Und weiter heisst es in dem Schreiben: «Wir würden die Plastik dem Interessenten so überlassen, können uns aber leider, aus den oben aufgeführten Gründen, nicht an den Kosten eines Rückbaus und entsprechendem Kunsttransport in ein Lager finanziell beteiligen, was wir sehr bedauern.»

Jürg Schäffler ist der ehemalige Präsident der Kunstkommission SRG SSR. Diese war bis 2010 zuständig für Kunstankäufe. «Man wollte damals Kultur am Arbeitsplatz erlebbar machen», erklärt Schäffler. Mittlerweile wird die Sammlung nicht mehr durch Ankäufe ergänzt. Die vorhandenen Werke werden in den Gebäuden der SRG ausgestellt oder für Ausstellungen ausgeliehen. Dass für Paul Suters Skulptur keine Lösung gefunden werden konnte, bedauert Schäffler. Er lässt aber nicht gelten, zu wenig getan zu haben. «Wir sind seit über einem Jahr intensiv auf der Suche. Wir haben die Schweizer Museen angefragt oder Institutionen wie den Skulpturenpark St. Urban, insgesamt über zwanzig Institutionen. Wir stehen mit den Kulturfachstellen von Stadt und Land im Austausch. Wir haben alle Kunst-Player im Grossraum Basel, einschliesslich der Chemiefirmen, kontaktiert.»

Und wieso will niemand die Plastik haben? «Das hat uns auch erstaunt», sagt Schäffler. Aber die Übernahme sei einerseits mit relativ hohen Kosten verbunden, anderseits sei die Skulptur eben standortspezifisch als Kunst am Bau konzipiert. «Einen geeigneten Ort zu finden, stellt sich als sehr schwierig heraus.»

«Paul Suter ist einer der bedeutendsten Eisenplastiker»

Darf Kunst einfach so verschrottet werden? Die Rechte für Paul Suters Werk liegen bei seinen Kindern. Pascal Suter, selbst Künstler, und seine Schwester wurden von der SRG über das Vorgehen orientiert. «Auch wir haben die finanziellen Ressourcen nicht, um das Werk zu retten, obwohl es eine wichtige Skulptur ist», sagt der Sohn. Auch er habe sich für deren Erhalt eingesetzt, aber keinen Abnehmer gefunden. «Ich bin auch ernüchtert über das, was jetzt passiert», sagt er. «Das Interesse am Werk meines Vaters scheint nicht mehr vorhanden zu sein.»

Eine der Institutionen, die eine Übernahme der «Fanfare» ebenfalls abgelehnt haben, ist das Museum Tinguely in Basel. «Das liegt daran, dass wir aktiv nur Werke Tinguelys sammeln oder solche, die mit seinem Werk in Zusammenhang stehen», sagt Andres Pardey, Vizedirektor des Museums. Natürlich solle man Kunstwerke nicht zerstören, meint er, mahnt in diesem Falle aber auch zur Vorsicht: «Die Plastik wurde speziell für diesen Ort geschaffen. Wenn dieser Ort nun verschwindet, fragt sich, ob eine Verlegung des Werks Sinn macht. Zudem gehe es da auch um ethische Fragen, da der Künstler selbst sich ja nicht mehr dazu äussern könne. «Im Grunde hätte man das Radiostudio erhalten sollen», sagt Pardey, «aber das sei ein anderes Thema.

«Wegwerfen geht auf keinen Fall!», sagt Simona Ciuccio, Sammlungs-Kuratorin des Aargauer Kunsthauses. Die Anfrage der SRG wurde zwar auch dort negativ beantwortet. «Wir haben schlicht den Platz nicht für diese Plastik», sagt Ciuccio. Suters Werk ist jedoch in der Aargauer Sammlung gut vertreten, nicht bloss, weil der Künstler in der Kantonshauptstadt geboren wurde. «Suter gehört sicher zu den bedeutendsten Eisenplastikern seiner Generation.» Die wuchtige Kunst von Bernhard Luginbühl, Silvio Mattioli, Suter und Co. sei zwar im derzeitigen Kunstdiskurs etwas aus dem Focus geraten, das könne sich aber in Zukunft wieder ändern.»

Es kann also gut sein, dass kommende Generationen überhaupt nicht begreifen werden, wie es möglich war, das 2019 ein Werk von Paul Suter auf dem Schrott landete.

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