Seit Freitag beschallt der Pärkli Jam den Basler St. Johanns-Park. Das sympathische Open-Air-Happening steht allen offen, jung und alt, arm und reich. Ein Kultur- und Quartierfestival, das vor 15 Jahren gegründet wurde und vom Jugendzentrum Badhuesli durchgeführt wird. Die Acts im Hauptprogramm heute Samstag: regional bekannt. Die Rockband Fucking Beautiful zum Beispiel oder das Electro-/Tribal-Kollektiv Alma Negra.

Der Basler Open Air Sommer ist voll im Gang. Besonders bemerkenswert ist, wie das Publikum in dieser Stadt verwöhnt wird, denn es ist nicht übertrieben: Seit das Hirscheneck am 1. Mai auf dem Theodorskirchplatz seinen 40. Geburtstag feierte, lockt fast im Wochentakt irgendwo in der Stadt eine Bühne mit Gratis-Konzerten: Vom Imagine Festival auf dem Barfüsserplatz über das Hill Chill in Riehen bis zur schwimmenden Bühne am Kleinbasler Rheinufer (Im Fluss) oder das Jugendkulturfestival, zu dem gegen 60'0000 Besucher erwartet werden. All diesen Anlässen gemein ist, dass niemand Eintritt zahlen muss (wohl aber jeder spenden darf). Keine andere Schweizer Stadt bietet so viele frei zugängliche Sommer-Grossevents.

Doch: Nur weil irgendwo eine Bühne steht, heisst das noch lange nicht, dass der Anlass auch gratis ist. Er verursacht Kosten. Und jemand kommt immer dafür auf. In Basel sind es Sponsoren, Stiftungen und der Staat. Das Festival Im Fluss etwa erhält von Basel-Stadt
120'000 Franken.

So schön es auch ist, gratis Musik hören zu können, so negativ ist der Effekt, der sich bemerkbar macht: Die Gratis-Events haben in Basel ein Unverständnis dafür herangezüchtet, dass für Konzerte Geld bezahlt werden muss.

Zugespitzt ausgedrückt: Eine ganze Generation ist mit dem Wissen aufgewachsen, dass in Basel auch grössere Konzerte eintrittsfrei über die Bühne gehen. Das hat sich in den Köpfen festgesetzt. Und das wiederum bekommen die Veranstalter zu spüren.

Ticketpreise sind unter Druck

Sandro Bernasconi, Musikchef der Kaserne und Leiter des Open Air Basel, kann davon ein Lied singen. Das Open Air Basel war ursprünglich auch ein Anlass mit Gratis-Eintritt. So wie Imagine von Terre des Hommes Schweiz getragen wird und Non-Profit-Charakter hat, so ging das Open Air Basel ursprünglich aus einer karitativen Idee hervor: Es startete 2010 als «Viva con Agua & Kaserne Basel Festival» und sensibilisierte und sammelte für Wasserprojekte in Entwicklungsländern. Der Basler Dreispartenbetrieb ermöglichte das Happening mit einer Defizitgarantie. 2013 erfolgte der Wechsel.

Im Übergangsjahr war der Tagespass mit 20 Franken im Vorverkauf bewusst tief angesetzt, wollte man doch keine Besucher abschrecken. Im Jahr 2019 kostet ein Eintagespass 45 Franken. In Zürich würde man mehr zahlen, dort ist das Publikum andere, höhere Preise gewohnt. Durch die Gratiskultur sind in Basel auch die Ticketpreise unter Druck gekommen.

Bemerkenswert: Abgesehen vom Summerstage Festival an der Grenze zu Münchenstein ist das Open Air Basel das einzige Freiluft-Happening in der Stadt, das regulären Eintritt verlangt.

«Ich vertrete dezidiert die Meinung, dass Kultur ihren Wert hat. In Basel sind Konzerte eher zu billig, 15 Franken Eintritt für internationale Acts spiegelt in keinem Konzertclub den Preis, den man eigentlich verlangen müsste», sagt Sandro Bernasconi. Ihm fällt auf, dass die Bereitschaft, Eintritt zu zahlen, abgenommen hat. «Natürlich stellt das uns Veranstalter vor Probleme, denn die Erlöse aus Ticketverkäufen sind wichtig in der Realisierung hochwertiger Konzerte», sagt er. «Grundsätzlich ist ein kulturelles Gratisangebot für finanziell schwächer gestellte Bevölkerungsgruppen gutzuheissen. Aber man muss dem jungen Publikum wieder näherbringen, dass Konzerte einen Wert haben.»

Auch Clubs kriegen es zu spüren

Das sieht auch Mich Gehri vom Sommercasino so: «Die Mentalität der Gratiskonzerte kriegen wir sogar im Clubbetrieb zu spüren», sagt er. Es fehle mitunter am Verständnis, warum ein Konzert Eintritt koste. «Und dabei geht vergessen, dass die Preise seit 30 Jahren gleich geblieben sind, die Anforderungen an die Veranstalter aber zugenommen haben: Seien es Massnahmen im Lärmschutz, in der Sicherheit und Infrastruktur oder der steigende Personalaufwand.»

All das kann die Parterre Gruppe bestätigen. Dem Eventverantwortlichen Lawrence Pawelzik fällt auf, dass die Bereitschaft, Eintritt zu zahlen bei einem Rockkonzert im Atlantis grösser ist als bei einer HipHop-Party im Parterre. «Das erklären wir uns auch damit, dass das ältere Publikum noch mit dem Verständnis aufgewachsen ist, dass Clubkonzerte etwas kosten», sagt er. Zum Glück kann das Parterre noch auf die grosszügige Unterstützung einer Mäzenin zählen.

In Basel droht ein Überangebot

Doch nicht nur der Hang zur Gratiskultur stellt die Betriebe vor Probleme, sondern auch das Überangebot an Veranstaltungen. «Viele Leute machen etwas aus einer intrinsischen Motivation heraus, um sich zu verwirklichen», sagt Sandro Bernasconi. Das sei schön und trage dazu bei, dass vielerorts die Musik spiele in Basel. «Es läuft viel, sehr viel», sagt Bernasconi. «An manchen Wochenenden auch zuviel.»

Tatsächlich müssen alle etablierten Veranstalter stets aufs Neue um ihr Publikum kämpfen. «Die Menschen sind unberechenbar, wenn es um Konzertbesuche geht», sagt Mich Gehri. «Für ein Stadionkonzert zahlen Fans mit einem Schulterzucken 120 Franken. Dabei könnten sie für dieses Geld sechs bis sieben Clubkonzerte besuchen.» Dort wird dann aber mitunter dreimal der Fränkler umgedreht. «Dabei ist das Geld schon vorhanden, man sieht es an den Handys oder den Turnschuhen.» Dass Kultur kostet, werde heute bei manchen Ausgehfreudigen weniger selbstverständlich akzeptiert. Hinzu kommt, dass das Unterhaltungsangebot breiter denn je ist.

Wohin führt die Situation? Eine Entspannung ist nicht in Sicht. Auch, weil weitere Bühnen hinzu kommen. Das Restaurant Tibits im neuen Meret Oppenheim Haus hat eine fixe Bühne eingebaut und erste Konzerte veranstaltet, diesen Sommer soll auch das ex-Terrorsamba als Konzertclub wiedereröffnet werden. Dann ist ja noch eine neue Kuppel in Planung. Und nebenbei hat auch die Zahl der kleinen Konzerte in Bars spürbar zugenommen.

Egal wie der Sommer wird: Den Veranstaltern von Clubkonzerten steht also auch ein heisser Herbst bevor. «Wir spüren die Auswirkungen der langen Sommer bis nach den Herbstferien», sagt Mich Gehri vom Sommercasino. «Die Herausforderung ist es dann, die Leute wieder in den Club zu bekommen – und das gegen Eintritt.»