Theater
Grenzerfahrung in einer Grenzstation: Zuschauer als Asylsuchende

«Warten auf die Barbaren» gibt den Zuschauern die Rolle von unerwünschten Asylsuchenden an der Grenze. Oder von Romanhelden auf der Suche nach ihrer Identität.

Susanna Petrin
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Kaserne Basel: Grenzbeamter befragt die Zuschauer.

Kaserne Basel: Grenzbeamter befragt die Zuschauer.

zvg/David Schlatter

Es ist so heiss. Ein Raum heisser als der nächste. Und in fast jedem muss man warten, ständig dieses Warten. In der Ferne bellen Hunde. Dazwischen wird man befragt. Von Menschen in Uniformen; kalten, strengen Bürokratie-Typen. Was ist Ihr Name? Wie kamen Sie hierher? Tragen Sie gefährliche Waffen auf sich? Eine Person, die Sie kennt, hat uns einiges über Sie erzählt. Eine Zahnärztin aus Diegten. Kennen Sie die? Nicht? Sind Sie sicher?

Natürlich ist das alles ein Spiel, eine Theaterinstallation, eine von Regisseur Dominic Huber konzipierte begehbare Grenzstation. Trotzdem kann man fast nicht anders, als sich so zu verhalten, wie man es in diesen Kontrollsituationen, zum Beispiel am Flughafen, immer tut: Man bleibt ein wenig ängstlich mehrheitlich bei der Wahrheit, man traut sich nicht, mit diesen Menschen zu scherzen, man ist verunsichert. Oder vielleicht trauen sich andere Zuschauer/Mitspieler mehr? Man weiss es nicht, denn ein jeder wird einzeln durch die Räume geschleust.

«Warten auf die Barbaren» heisst diese Installation, die noch bis Samstag in Basel erlebbar ist. Huber hat sich vom gleichnamigen Roman des Schriftstellers J. M. Coetzee inspirieren lassen. Die Suche nach Identität, der eigenen und des Gegenübers, habe ihn interessiert, sagt Huber. Im Moment des Grenzübergangs gehe die eigene Identität verloren. Er habe bei seinen Reisen oft erlebt, dass bei der Begegnung mit Anderen, mit dem Fremden, man «erst mal mit sich selber am Kämpfen ist».

Tausende von Flüchtlingen, Millionen von Menschen leben tage-, monate-, jahrelang in Unsicherheit und unwirtlichen Provisorien. Als Theaterzuschauer – und Mensch in einem Land voller Auffangnetze – wird einem die Warterei und die Hitze schon nach einer halben Stunde unangenehm. Das muss zu denken geben. «Doch niemand müsse vor dieser Installation Angst haben», betont Huber. Es sei ihm wichtig, dass die Zuschauer in intimen, geschützten Situationen seien.

Die Verhörsituationen werden durchbrochen von poetisch-skurrilen Begegnungen mit David-Lynch-artigen Figuren. Zum Beispiel einer Frau mit Augenklappe und blutigem Finger, die rätselhaft-symbolische Geschichten erzählt und einen unheimlich gut kennt (Lara Körte). Getrennt sind wir nur durch eine Glasscheibe, wie man sie aus Filmverhören kennt. Das Licht ändert sich, die Scheibe fängt an zum Spiegel zu mutieren, und plötzlich verschmelzen unsere Gesichter. Einer der eindrücklichsten Momente des Abends.

Dann singt sie ein Lied und sagt: «Du könntest jetzt den Raum durch die Hintertüre verlassen, doch dann würdest du das Leben eines anderen Leben.» Wenige Minuten später ist man wieder draussen, verwirrt und verschwitzt, umgeben von Dutzenden fröhlichen Menschen beim Apéro auf dem Kasernenplatz. Und niemand weiss, durch welche interessante Hölle man gerade gegangen ist.

Spielzeiten: Heute Freitag und morgen Samstag um 17 bis 19 und 20.30 bis 22.30 Uhr Uhr, Einlass alle 10 Minuten, Dauer: 70 Minuten

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