Arbeitsverhältnisse

Grenzwertiger Umgang mit dem Personal nach dem Brand im In-Lokal

Die Mitarbeiter des «Grenzwert» mussten die Brandruine ausräumen, Möbel zügeln und nicht zuletzt das neue «Grenzwert» an der Ochsengasse herrichten.

Die Mitarbeiter des «Grenzwert» mussten die Brandruine ausräumen, Möbel zügeln und nicht zuletzt das neue «Grenzwert» an der Ochsengasse herrichten.

Zwischen dem Brand und der Neueröffnung einer Basler Szenebeiz lagen nur Wochen. Doch die Story hat eine Schattenseite. Chatprotokolle belegen, dass die Verantwortlichen mit ihren Mitarbeitern in der Zeit zwischen Brand und Neueröffnung harsch umgesprungen sind. Auf die Vorwürfe angesprochen, reagiert die Wirtin ungehalten.

Es war eine Nacht auf einen Freitag, als plötzlich Feuer ausbrach. Im vergangenen August brannte an der Kleinbasler Rheingasse ein Haus ab, das vor allem für seine Bar im Erdgeschoss bekannt war: Das «Grenzwert» im ehemaligen «Schwarzen Bären» zählt unter der Leitung von Cécile Grieder zu den bekanntesten Basler Beizen. Medienwirksam klagte sie über das Unglück und suchte nach einer Zwischennutzung. Nicht nur war das Haus reif für eine Totalsanierung, dreiste Diebe nutzten das Chaos und stahlen den Tresor sowie persönliche Wertgegenstände des Barpersonals. Wie Grieder dann nur einen Steinwurf von ihrer ehemaligen Bar Ersatz fand und den reichlich angeranzten «Baggenstos» binnen kürzester Zeit in ein Szenelokal im Vintage-Look verwandelte, mutete beinahe fantastisch an.
Recherchen der «Schweiz am Wochenende» zeichnen indes noch ein anderes Bild der patenten Wirtin. Es geht um Druck, Drohungen und einen fragwürdigen Umgang mit dem eigenen Personal.

Die Stimmung im «Grenzwert» war schon besser. Bild vom Umbau am ehemaligen Ort.

Die Stimmung im «Grenzwert» war schon besser. Bild vom Umbau am ehemaligen Ort.

Auf Whatsapp Druck ausgeübt

Zentrales Organisationsinstrument des «Grenzwert»-Teams ist ein Gruppenchat auf Whatsapp. Hier tauscht sich Grieder mit ihrem Barchef und den anderen Angestellten über Arbeit und manchmal Freizeit aus. Kurz nach dem Brand war die Bestürzung allseits gross. Bald meldete sich Grieder. Sie schrieb: «Leider ist es sehr schlimm und wir können das Grenzwert bis auf weiteres nicht aufmachen.» Und: «Euer Lohn wird selbstverständlich von der Versicherung bezahlt.» Einige Tage später traf sich die Belegschaft zur Krisensitzung um zu besprechen, wie es weitergehen soll. Dabei soll Grieder ihren Mitarbeitern – darunter Studenten und Gelegenheitsjobber – eröffnet haben, dass sie auch weiterhin mit einem Einkommen rechnen dürfen.

Was damals nicht klar zur Sprache kam: Um auf seine Stunden zu kommen, musste das Barpersonal ganz andere Aufgaben erfüllen. Sie mussten die Brandruine ausräumen, Möbel zügeln und nicht zuletzt das neue «Grenzwert» an der Ochsengasse herrichten. Das bedeutete putzen, streichen, Platten wegspitzen. Dabei kamen auch Baugeräte zum Einsatz. Schutzkleidung stellte Grieder nicht zur Verfügung. So fordert sie im Chat die Angestellten auf, «bitte Arbeitskleidung und gute Schuhe», «am besten mit Stahlkappen» gleich selber mitzubringen.

Diese Aufforderungen zum Arbeiten stellten Grieder und ihr Barchef oft kurzfristig in den Chat. Für einige «Grenzwert»-Mitarbeiter waren die Arbeitszeiten das Hauptproblem. In ihrem Nebenjob waren sie sich gewohnt, während der Randzeiten zu arbeiten und gingen tagsüber zur Uni oder passten auf die Kinder auf. Sagten zu viele Mitarbeiter ab, konnte Grieder ungehalten werden. Sie schlug dann einen scharfen Ton an und drohte den Angestellten, sie könnten nicht mit voller Lohnfortzahlung rechnen. Als sich eine Mitarbeiterin im Chat beklagt, es könnte zu unversicherten Unfällen auf der Baustelle kommen, antwortete der Barchef lapidar, es sei kaum gefährlicher, Wände zu streichen, als an der Bar zu arbeiten. Tatsächlich kam es zu Verletzungen, wenn auch nur geringfügigen.

Thomas Leuzinger von der Gewerkschaft Unia kritisiert das Vorgehen der Barchefin. «Es ist kein Umgang, Mitarbeitende vor vollendete Tatsachen zu stellen und mit einer Kündigung zu drohen, wenn sie Einwände dagegen äussern», sagt er auf Anfrage. Auch sei die Chefin verpflichtet, Schutzkleidung bereitzustellen. Die Einsätze auf den Baustellen nennt er hingegen rechtlich «heikel». «Im Prinzip muss man jeweils den Einzelfall anschauen, um die Zumutbarkeit zu beurteilen. Willigen die Mitarbeiter ein, kommt dies einer mündlichen Änderungskündigung gleich.» Allerdings, räumt Leuzinger ein, hätten die Mitarbeiter wenig Handhabe, um auf den Druck des Arbeitgebers zu reagieren. «Um sich gegen Unzumutbarkeit zu wehren, könnten sie sich weigern, andere Arbeiten auszuführen als im Arbeitsvertrag festgehalten sind.» Einen Kündigungsschutz gibt es in der Schweiz in diesem Fall nicht.

Nach der Anfrage droht Grieder mit Kündigung

Als die «Schweiz am Wochenende» Grieder mit den Vorwürfen konfrontiert, stellt sie die Anfrage in den Chat. In den vergangen 24 Jahren hätte sie noch nie eine derartige Illoyalität erlebt, schreibt sie, und droht mit sofortiger Kündigung jenen gegenüber, die mit den Medien in Kontakt getreten seien. Auch diese Protokolle liegen dieser Zeitung vor – inzwischen haben sich mehrere Mitarbeiter des «Grenzwert»-Teams anonym bei der Redaktion gemeldet und die Zustände beklagt.

In ihrer Stellungnahme weist Grieder dann die Vorwürfe zurück. «Wir hätten Ende August allen Mitarbeitern kündigen können», schreibt sie einleitend. Sie hätte sich allerdings dagegen entschieden. «Jeder wurde für das eingesetzt, was er wollte und konnte.» Zudem hätten die Mitarbeiter auch am Wochenende oder abends arbeiten dürfen. Der Chat lässt dies aber wenig plausibel erscheinen, hatten sich die Mitarbeiter doch genau über diese fehlende Möglichkeit beklagt. Die Angestellten haben ihre eigene These, weshalb Grieder ihnen nach dem Brand nicht gekündigt hat. Zum einen hätte sie immer wieder kurzfristig einsetzbare Arbeitskräfte gebraucht. Zum anderen hätte Grieder dann im wiedereröffneten «Grenzwert» ein neues Team einarbeiten müssen.
Das wäre dann definitiv zu viel gewesen.

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