Mit der Einführung der 48-Stundenwoche im Jahre 1919 und mit der Überwindung der schweren Nachkriegskrise der frühen 1920er Jahre gewann Basels Bevölkerung mehr Freizeit und Zahlungskraft. Jetzt brach auch in der Industriestadt Basel die hohe Zeit des Kinos an. Schon zur Zeit der Einführung der Billettsteuer im Jahre 1921 zählte man in den Basler «Lichtspieltheatern» eine Million Besucher. Kino und Sport werden fast zeitgleich zu wichtigen Phänomenen einer populären Alltagskultur.

Ab Mitte der 1920er Jahre erfolgte zudem ein Modernisierungs- und Professionalisierungsschub der noch jungen Filmbranche. Bedeutende Filmkünstler wie Fritz Lang, Friedrich Wilhelm Murnau, Charlie Chaplin oder Sergej Eisenstein schufen herausragende Werke, die dem neuen Medium Glanz und Ausstrahlung gaben. So konnten beispielsweise Verbote, Boykott- und Zensurmassnahmen im Jahre 1926 die Fahrt des «Panzerkreuzers Potemkin» durch die Filmtheater der Welt nicht aufhalten.

Der erste Basler Kino-Boom fällt in die Jahre 1927 und 1928, als nicht weniger als sieben Kinos neu ihre Pforten öffneten, darunter auch das Palermo. Im Jahre 1931 bestanden bereits 16 Kinos, mit insgesamt 2,5 Millionen verkauften Billettes bei einer Stadtbevölkerung von 150'000 Einwohnern.

Umstrittenes Bauprojekt Kino Palermo

Ende März 1927 empörten sich Theaterkreise laut darüber, dass direkt gegenüber dem Stadttheater, wo sich ein Depot für die Requisiten des Theaters befand, ein neues Kino erstellt werden sollte. Sofort wurde Einsprache erhoben. «Eine Bedrohung des Stadttheaters» alarmierte am 28. März 1927 der einflussreiche Redaktor und radikaldemokratische (freisinnige) Kulturpolitiker Edwin Strub (Sekretär des Kunstkredits von 1919 bis 1952) in der «National-Zeitung» seine Leserschaft : «Durch die rasche Entwicklung des Kinos mit seinem mühelosen Genusse und seiner Einstellung auf den Instinkt der Masse hat das Theater einen gefährlichen Konkurrenten erhalten. Überall war es so, dass ein grosser Teil der früheren Theaterbesucher ausblieb und dafür die Kinotheater füllte.

Erst allmählich ist es unserem Stadttheater, das ebenfalls unter dieser Konkurrenz aufs Schwerste gelitten hat, geglückt, einen Ausgleich zu schaffen und durch die Vorzüglichkeit seiner Leistungen und die Abwechslung seines Repertoires unter der neuen Leitung einen Aufschwung zu nehmen, auf den man seit Jahren vergeblich gewartet hat.» Eben habe der Grosse Rat die Subvention des Stadttheaters auf 400 000 Franken erhöht und nun gefährde ein Kino dessen erfolgreiche Weiterentwicklung. Der freisinnige Grossrat schloss mit dem Wunsch, dass die Behörden «mit aller Sorgfalt die Konzession neuer Kinotheater» prüfen sollten.

Prompt wurde am 30. März 1927 das Gesuch um eine Betriebsbewilligung durch das Polizeidepartement abgelehnt. Als Grund konnte man natürlich nicht gut die drohende Konkurrenz angeben, also verwies man auf die grosse Nähe des Steinenschulhauses, dessen Schülerschaft durch Kinoplakate gefährdet werde.

Ein Rekurs des Bauherrn wurde vom Regierungsrat abgewiesen, der Fall deshalb an das Bundesgericht weitergezogen. Der Palermo-Anwalt machte geltend, die Opposition gegen den Neubau entspringe dem Konkurrenzneid des Theaters, dies sei in Basel ein «offenes Geheimnis». Mit Urteil vom 28. Oktober 1927 hiess das Bundesgericht den Rekurs gut. Denn Kinder in der Stadt, so meinten die Richter, würden auf dem Schulweg ständig an Kinos oder ähnlichen Betrieben vorbeikommen und seien ohnehin an Kinos gewöhnt. Es durfte gebaut werden. Am 21. November 1928 konnte das vom Architekturbüro Suter und Burckhardt gestaltete Kino Palermo mit seinen 1200 Sitzplätzen den Betrieb aufnehmen.

Kino als Verbrecherschule oder Kulturfaktor?

Film und Kino sind in Basel – wie übrigens an vielen Orten – nicht mit offenen Armen empfangen worden. Der stadtbekannte und sozialreformerisch engagierte evangelische Pfarrer Gustav Benz, von 1914 bis 1919 Präsident der staatlichen Hilfskommission, forderte bei Kriegsbeginn 1914 die Basler Regierung auf, aus «sittlichen Gründen» kurzerhand alle Kinos zu schliessen. Bei der Regierung stiess er zwar auf offene Ohren, aber nach Rückfrage beim Bundesrat musste sie aus Gründen der Gewerbefreiheit zurückkrebsen. In den Augen des «frommen Basel» und der bürgerlichen Hochkultur haftete dem Kino immer etwas Verruchtes, ja Gefährliches an. Eine paternalistisch-christliche Sorge der bürgerlichen Oberschicht um die «Moral des Volkes» hat die siebte Kunst seit ihren Anfängen während Jahrzehnten begleitet.


   

* Charles Stirnimann (*1954) promovierte in Geschichte (Rotes Basel) und war 25 Jahre beruflich verantwortlich für das Basler Stipendienwesen. Er arbeitet heute als freischaffender Historiker mit dem Schwerpunkt Sozial- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts.