Basel

Groteskes Traumspiel wird im Theater Basel aufgeführt

Ausbruch in eine Alptraumwelt: Thiemo Strutzenberger wird vom Staatsanwalt zum Grafen Öderland.

Ausbruch in eine Alptraumwelt: Thiemo Strutzenberger wird vom Staatsanwalt zum Grafen Öderland.

Stefan Bachmann inszeniert Max Frischs «Graf Öderland» am Theater Basel als surreales Albtraum-Panoptikum.

Um es gleich vorwegzunehmen: Auch Theater-Tausendsassa Stefan Bachmann schafft es nicht, aus «Graf Öderland» ein wirklich gutes Stück zu machen. Wer weiss, was die doch so bedeutende Schriftstellerpersönlichkeit Max Frisch geritten haben muss? Ausgerechnet diese banal-moralisierende Fabel bezeichnete er als sein Lieblingsstück – allerdings mit dem Zugeständnis, dass es «kein gelungenes Stück» sei, aber «das geheimnisvollste».

Nun ist Stefan Bachmann bekannt als Theatermann, dem das Geheimnisvolle liegt. Er ist ein Regisseur, der Herausforderungen nicht scheut und der sich gleichzeitig davor hüten kann, einen Stoff, koste es, was es wolle, durch eine intellektualisierende Interpretationsmaschine zu drehen. Er traut sich, Unstimmigkeiten als solche stehen-, sie mit einem subversiven Charme gar hervortreten zu lassen.
Zum Teufel mit der Wahrung der Einheit von Materie und Stil, scheint bei der Auseinandersetzung mit «Graf Öderland» nun sein Motto gewesen zu sein. Und das ist gut so. Denn so schafft es Bachmann, zusammen mit einem beherzt spielenden Darsteller- und Musikerensemble und getragen von einem bemerkenswerten Bühnenbild, einen vergnüglichen, zuweilen gar packenden Theaterabend hinzulegen.

Die absurden Momente des flickwerkartigen Stücks

Bachmann nimmt sich also die Freiheit, Frisch bei der Förderung des Verständnisses und der Schlüssigkeit des Geschehens nicht unter die Arme zu greifen. Vielmehr kehrt er das Geheimnisvolle, die surrealen und absurden Momente des flickwerkartigen Stücks nach vorne.

Und flickwerkartig ist das Stück fürwahr: Inhaltlich beginnt es wie ein Dürrenmatt-
Krimi: Ein Staatsanwalt wird durch die Konfrontation mit einem Mörder aus der Bahn geworfen. Dieser erschlägt einen unbescholtenen Menschen ohne Motiv und ohne, dass sich eine psychische Ausnahmesituation erkennen lässt, mit der Axt. Es geht weiter wie bei Bertolt Brecht, wenn die Moritat des unheimlichen Grafen Öderland als sagenhafter Alter Ego des aus dem bürgerlichen Leben ausbrechenden Staatsanwalts erklingt, der mit der Axt in der Hand seine wüste Spur hinterlässt.

Irgendwann landet man dann in die Nähe der Bandenwelt von Schillers Räubern und sieht sich unvermittelt in eine gesellschaftssatirische Posse geworfen, die bei Karl Kraus entlehnt sein könnte. Am Schluss führt das Ganze mit der Aussage, dass der Ausbruch in die Freiheit geradewegs in die Unfreiheit der Macht führt, in einen moralischen Schluss, der trotz seiner Banalität dann sehr an Frisch erinnert. Bachmann nimmt diesen holprigen Inhalts- und Gattungsmix, der vom halbwegs naturalistischen Krimi ins absurde Traumspiel mündet, in Form eines grotesken Albtraumspiels auf – untermalt und gebrochen von der Livemusik, die von harten Rammstein-Beats über Moritatengesänge bis zu barocken Klängen springt (Musikalische Leitung: Sven Kaiser).

Stilistisch und ästhetisch zusammengehalten und letztlich in einen erstaunlich fliessenden Ablauf gebracht, wird das Ganze durch das Bühnenbild. Olaf Altmann hat einen monströsen Trichter auf die Bühne gestellt, der wie eine unheimliche Schleuse wirkt, die von der realen in die albtraumhafte Welt führt.

Dieser Trichter ist ein stimmiges Bild für eine Welt, die aus den Fugen geraten ist, die den Figuren, die in ihr gefangen sind, die sich hindurch zu kämpfen versuchen und in ihr ausrutschen, keinen richtigen Halt mehr gibt.

In dieser Welt gibt es zwei Figuren, denen Frisch und auch Bachmann noch einen Rest an menschlicher Individualität zugesteht: Da ist der Staatsanwalt, den Thiemo Strutzenberger in einem faszinierenden Schwebezustand zwischen Luzidität und Unergründlichkeit spielt. Und auf der anderen Seite ist da die ebenso schwer fassbare Figur des Mörders (Steffen Höld), der sich in der Rolle als eingebuchteter Verbrecher wohler zu fühlen scheint, als in seinem Vorleben als unbescholtener Bankkassier.

Ein gutes Stück wird «Graf Öderland» nicht

Der Rest der Figuren bleibt wie schon bei Frisch mehr oder weniger Staffage. Da sind Nebenfiguren wie die Frau des Staatsanwalts (Barbara Horvath), der Rechtsanwalt Dr. Hahn (Simon Zagermann) und das Dienstmädchen (Linda Blümchen) sowie Symbolfiguren wie der Kommissar, der Innenminister, der General, der Direktor und andere mehr (Klaus Brömmelmeier, Moritz von Treuenfels, Mario Fuchs und Julius Schröder unter anderem in einem wunderbaren Stakkato-Chor der Honoratoren vereint).

Der rund anderthalbstündige Abend bietet Vieles, was für ein vergnügliches Theatererlebnis nötig ist: eine stringente Regie, ein wunderbares Ensemble in einem ausgesprochen ansprechenden Bühnenbild. Aber eben: Ein wirklich gutes Stück wird «Graf Öderland» deswegen nicht.

Theater Basel Grosse Bühne (in Koproduktion mit dem Residenztheater München). Nächste Vorstellungen am 21.und 23. Februar.

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