Herr Wüthrich, welchen Begriff haben Sie gezogen?

Michael Wüthrich: Den Begriff «wütend». Ach, muss das sein? Ich finde nicht, dass das zu mir passt. Ich heisse zwar Wüthrich und gemäss Ahnenforschung stammt der Name tatsächlich von einem Wütenden ab, der auf dem Schlachtfeld mit Hellebarden hantierte. Ich bin friedfertig, benutze höchstens die Worte als Waffe. Aber nicht wütend, sondern argumentativ.

Ich war einst Ihr Schüler am Gymnasium Leonhard, und im Mathe-Unterricht konnten Sie durchaus, wenn nicht wütend, so doch laut werden.

Ja, emotional bin ich. Vor allem Sie konnten mich wahnsinnig machen mit Ihrem Chaos (lacht)! Es sind aber auch einige Jahre vergangen, seit Sie zu mir in die Schule gegangen sind. Mit dem Alter wird man auch gelassener, ruhiger. Vielleicht hat es auch einfach den Grund, dass man nicht die Energie aufwenden will, sich aufzuregen.

Trauern Sie Ihrer Jugend nach?

Nein. Ich habe heute ein tolles Leben, kann mir vieles leisten und habe das Privileg mit dem Velo zur Arbeit fahren zu können. Es ist purer Luxus. Und ich bin auch etwas stolz darauf, was ich erreicht habe, politisch und privat. Ich habe drei wunderbare Töchter und bin schon Grossvater.

Hätten Sie nicht mehr erreichen können? Sie galten während Ihrer Politikerkarriere, die nun nach 14 Jahren zu Ende geht, als unangepasst.

Das kann man mir vorwerfen, aber ich sehe es als positive Eigenschaft. Ich bin kein Fähnlein im Wind. Aber angesichts der katastrophalen Situation, mit der wir uns mit dem Klimawandel befinden, braucht es solche Leute. Am besten mehr davon.

Wie konsequent grün sind Sie?

Ich bin, seit ich 27 Jahre alt bin, Vegetarier, fliege nicht, esse im Winter zum Beispiel nur hier produziertes Wintergemüse. Aber diese Lebenshaltung kostet etwas. Es gibt Leute, die können sich teure Zugfahrten nicht leisten und müssen auf Bioprodukte verzichten. Das kann ich nachvollziehen. Ich missioniere nicht. Ein Beispiel: Derzeit wird in meiner Klasse darüber diskutiert, ob man mit dem Flugzeug auf die Maturreise geht. Ich habe ihr nur gesagt, dass ich dann nicht mitkommen werde. Aber die Klasse muss das selber entscheiden – ich will ihr nichts vorschreiben. Ich habe auch meine Klimasünden begangen.

Stichwort Militärfliegerei?

Ja, das ist ein wunder Punkt aus meiner Gymnasialzeit. Wie die meisten Jungs in meiner Klasse meldete ich mich für die Pilotprüfung an. Als die Klassenkameraden eine Absage bekamen, dachte ich erst: Ich war wohl so schlecht, dass ich es nicht einmal in die Wertung geschafft habe. Die Überraschung war natürlich umso grösser, als ich schliesslich das Aufgebot erhielt. Ein geschenktes Pilotenbrevet wollte ich mir nicht entgehen lassen. Aber sie kam bald: Die Zeit, in der ich mich gegen das Militär auflehnte.

Zurück zum Begriff «wütend». Im politischen, so sagen Sie, hätten Sie kaum je Wut verspürt. Oft richtet sich aber Wut und Hass gegen die scheinbar engsten Mitmenschen. Flogen die Fetzen bei Ihnen zuhause, als Ihre Töchter pubertierten?

Bei mir war die schwierigere Phase, als ich jünger war und während meines Doktorats als Jungvater extrem unter Druck stand. Da war ich oft sehr ungeduldig. Als meine Töchter in der Pubertät waren, da haben sie erträglich revoltiert, waren eigentlich richtige «Goldschätze». Anders wäre es auch nicht gegangen: Ich war alleinerziehend, arbeitete mit einem 100-Prozent-Pensum und hatte noch das Grossratsmandat.

Wie waren Sie in Ihrer eigenen Jugend?

Schlimm. Ich muss bereits in der Primarschule anfangen: Schon da habe ich nur Mist gemacht. Mein damaliger Lehrer hat mir mehrfach und in meinem Fall absolut berechtigterweise Ohrfeigen gehauen. Aber mir hat die Schule gut gefallen – es lief etwas. Das alles zog sich weiter am Gymnasium. Ich war einer von 36 Jungs in der Klasse am damaligen Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Gymnasium – der Lehrer hatte keine Chance, wenn wir mal mit dem Unsinn begannen. Ich war wohl ein ganz unmöglicher Schüler.

Wann wurden Sie politisiert?

Unter meinem Deutschlehrer hatten wir immer wieder das Thema Politik. Interessant: Anfangs habe ich mich eher der FDP zugehörig gefühlt.

Ja, wann bin ich eigentlich nach links geschwenkt?

Normalerweise beginnt man ja links und mit den steigenden Steuerrechnungen rutscht man nach rechts.

Die ganzen AJZ-Zeiten in den 80er Jahren haben mich sicher verändert – aber nicht radikalisiert. Ebenso der Widerstand gegen den Bau des AKW Kaiseraugst. Im Meteorologie-Studium und später als Klimawissenschafter wurde mir klar, wie die Klimaprobleme dringendes Handeln erfordern. Seither bin ich ein Grüner.

Im Februar treten Sie als Grossrat zurück. Werden Sie der Politik den Rücken ganz zudrehen?

Ja. Ich werde meine Freizeit geniessen, mehr Zeit für meine Enkel haben und im nächsten halben Jahr den freien Mittwoch für Ski- und Bergtouren nutzen.