Abstimmung
Grüne: Potenzial der Stadt Basel liegt im Zentrum, nicht am Stadtrand

Die Grünen sehen im Basler Stadtzentrum viel potenziellen Wohnraum – deshalb sind sie gegen die Stadtrandentwicklung Ost.

Delphine Conzelmann
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Das Abstimmungsplakat der Grünen.
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Grüne sind gegen Stadtrandentwicklung
So entstanden zwei neue Wohnungen.
Amerbachstrasse: Das Haus in der Bauphase. Man sieht noch die Umrisse der alten, abgerissenen Gebäude.
So sieht das Haus nach dem Umbau aus (vom Garten aus gesehen).
Der Garten vor dem Umbau.
Nach dem Umbau ist der Garten merklich grüner.

Das Abstimmungsplakat der Grünen.

Zur Verfügung gestellt

In Basel-Stadt herrscht eine Wohnungsnot: Vergangene Woche wurde bekannt, dass die Leerwohnungsziffer bei nur noch 0,2 Prozent liegt. Die Befürworter der Stadtrandentwicklung Ost und Süd fühlen sich in ihren Argumenten bestätigt: Es braucht günstigen Wohnraum.

Das sieht auch die Grüne Partei so – und spricht sich trotzdem für ein Nein am 28. September aus. «Wir wollen aber nicht einfach dagegen sein, sondern konstruktiv zur Lösung dieses Problems beitragen», sagt Grossrätin Mirjam Ballmer. Wie zuvor die Befürworter legten die Grünen am Freitag an einer Stadtrundfahrt ihre Gedanken zur Zukunft der Stadt dar – vom Fahrrad aus.

«Ökologisch und durchmischt» müsse der neue Wohnraum in Basel generiert werden, heisst es im Abstimmungs-Slogan der Grünen. Dabei sollte das Zauberwort eigentlich «Kreativität» heissen. Diese ist nämlich gefragt, wenn es darum geht, ihre Lösungsansätze zu verwirklichen. «Bevor man den Grüngürtel am Stadtrand überbaut, muss zuerst das in der Stadt selbst bestehende Potenzial genutzt werden.

Sonst stehen wir in ein paar Jahren wieder vor den genau gleichen Fragen», sagt Grossrat Thomas Grossenbacher. Dass es in der Stadt Möglichkeiten gibt, auszubauen, das zeigte die Grüne Partei gestern am eigenen Leib – oder besser gesagt, an den eigenen Liegenschaften.

Bestehendes kreativ nutzen

Das Bruderholz ist das «Einfamilienhaus-Quartier» schlecht hin. Eines dieser Häuser gehört Grossrat Michael Wüthrich. Das Bruderholz steht für ihn für eine schöne Umgebung und gute Lebensqualität: Diese soll nicht verloren gehen. Trotzdem gäbe es hier aus Sicht der Grünen ideale Möglichkeiten, den Wohnraum besser zu nutzen: Das Stichwort heisst Mehrgenerationenwohnen. «Gerade auf dem Bruderholz sind viele Häuser von älteren Menschen bewohnt, deren Kinder ausgezogen sind, oder deren Partner verstorben ist. Die Häuser wären gross genug für mehrere Parteien», stellt Wüthrich fest.

«Im Gegensatz zu einem Altersheim können ältere Menschen in Mehrgenerationenhäusern in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Auch der Austausch zwischen Jung und Alt wird gefördert», ergänzt Ballmer. Wüthrich selbst wollte an seiner Liegenschaft die nötigen Baumassnahmen für eine solche «Umfunktionierung» vornehmen und die Lücke in der Häuserreihe auf dem Garagendach mit einem Anbau füllen. Dabei kamen ihm die bestehenden Baugesetze in die Quere. Es sei nicht die Lösung, diese Hürden mit Einzelmotionen abzubauen: «Es braucht einen ganzheitlichen Ansatz und die Zusammenarbeit von Politikern und Fachleuten», glaubt Grossenbacher. Wichtig sei aber jetzt schon, dass Hausbesitzern, die innovative Projekte umsetzen wollten, keine Steine in den Weg gelegt würden, sondern «Anreize für eine hohe Eigenbeteiligung» geschaffen würden.

Stadt-, statt Stadtrandentwicklung

Ein innovatives Projekt ist auch die Liegenschaft von Grossrat Harald Friedl im Kleinbasel. Aus zwei baufälligen Altbauwohnungen für drei Parteien wurde in Gemeinschaftsarbeit Wohnraum für zehn Parteien geschaffen. «Gerade im Kleinbasel, welches als dichtestes Quartier Basels gilt, ist es mit Fantasie möglich, sowohl den Wohnraum aber auch die Lebensqualität zu steigern», ist Friedl überzeugt. Bestehende Flächen müssten intelligent genutzt werden, betont Grossenbacher: «Ein Teil der bestehenden leeren Geschäftsräume beispielsweise, wäre zu Wohnraum umnutzbar. Diese Reserven müssen ausgeschöpft werden.»

Die Grünen sind überzeugt: Das Potenzial der Stadt liegt im Zentrum, nicht am Stadtrand. Verdichtetes Bauen bis an die Kantonsgrenzen bringe Probleme mit sich: «Ich glaube, die Stadtrandentwicklung ist eine Mogelpackung. Grünflächen, Sportplätze, Hochhäuser und Privatgärten – all dies kann nicht reibungslos nebeneinander funktionieren, der Landschaftspark wird so nicht funktionieren», sagt Grossenbacher. Prinzipiell seien die Grünen aber nicht gegen Hochhäuser, ergänzt Mirjam Ballmer: «Wir waren für den Claraturm und auch für die vielen Arealentwicklungen im bereits bebauten Gebiet, wie zum Beispiel das Erlenmatt- und das Schorenareal. Das unterstützten wir.»

Grüne kämpfen gegen Guy Morin

Verschiedene Quartiere müssten auch unterschiedlich beurteilt und genutzt werden, sagt Ballmer weiter: «Die plakative Gleichung – ‹Wenig Wohnraum, ergo Fläche verbauen› – kann nicht pauschal angewendet werden.» Sollte die Stadtrandentwicklung im September vom Volk befürwortet werden, wäre dies für die Grünen zwar ein Rückschlag, jedoch noch lange kein Grund, ihre Vision aufzugeben: «Wir werden in Zukunft mit Hartnäckigkeit die ‹Grüne Stadtentwicklung› vorantreiben», erklärt Grossenbacher.

Zunächst wollen sich die Grünen aber gegen die Regierung unter der Führung des Parteikollegen Guy Morin durchsetzen. Kommentar Seite 37