Herr Benz, Sie haben neuerdings sogar Schweizer, die nach Grenzach-Wyhlen ziehen. Woran liegt das?

Tobias Benz: Wir haben das in einem Neubaugebiet festgestellt. Ich finde das sehr spannend: Steuerlich ist es ein Nachteil, aber die Immobilienkosten liegen deutlich niedriger und die Kinderbetreuung stellt ein sehr attraktives Argument dar. Bei uns kostet der Ganztageskrippenplatz von einem bis 7 Jahren, von 7 bis 17 Uhr Ganztagsbetreuung 500 Euro für die höchste Einkommensgruppe. In der Schweiz sind wir bei einem Vielfachen davon. Deshalb werden wir attraktiv für Schweizer.

Auch sonst verdient ein Grossteil ihrer Einwohner gut. Was für Personen sind das?

2500 unserer knapp 15 000 Einwohner arbeiten als Grenzgänger in der Schweiz. Ich schätze, das sind 30 bis 40 Prozent der Beschäftigten. Generell verzeichnen wir einen stetigen Zuzug, insbesondere innerhalb Deutschlands. Es kommen viele junge, gut qualifizierte Familien nach Grenzach-Wyhlen. Viele davon arbeiten zwar in der Schweiz, aber wir sind selber auch Industriestandort mit über 2000 Arbeitsplätzen. Es gibt viele Internationale, die bei Roche, Novartis, BASF oder DSM arbeiten – das ergibt eine bunte Mischung. Das führt dazu, dass die Immobiliennachfrage derzeit auf Rekordhoch angezogen ist. Man merkt es bei den Kaufpreisen und Mieten. Wir haben ein Kaltmietenniveau, das vergleichbar ist mit anderen deutschen Grossstädten.

Was heisst das für Leute, die weniger Geld haben?

Nicht jeder arbeitet in der Schweiz. Am unteren Rand des Wohnungsmarktes haben wir eine extrem hohe Nachfrage. Die Baugenossenschaften und unsere städtische Wohnungsbaugesellschaft haben Wartelisten von über 300 Menschen. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht Anrufe von Alleinerziehenden, schlecht Verdienenden oder Rentnern erhalten, die sagten, ich kann keine 12, 13 Euro pro Quadratmeter Kaltmiete zahlen. Könnt Ihr uns nicht Wohnungen für 4, 5, oder 6 Euro den Quadratmeter anbieten? Zusätzlich kommen die Zuweisungen von Flüchtlingen, die hier bleiben dürfen. Dieses Jahr sind es 60 bis 80, nächstes Jahr rechnen wir mit 120 bis 150, die wir auch noch in regulären Wohnungen unterbringen müssen. Zum Glück haben wir generell im Ort noch Platz zum Verdichten und zusätzlich riesige Erweiterungsflächen.

Sind unter den Grenzgängern viele Doppelverdiener?

Konkrete Zahlen habe ich nicht. Ein Hinweis darauf ist die Nachfrage nach Kinderbetreuung. Bundesweit geht man davon aus, dass 35 Prozent der Paare mit Kindern ab einem Jahr das in Anspruch nehmen. Wir sind fast bei 60 Prozent.

Das wird teuer für die Kommune.

Der Bundesgesetzgeber hat einen Betreuungsanspruch beschlossen. Für die Verwirklichung des Rechtsanspruchs aber sind die Gemeinden zuständig. Die letzten vier, fünf Jahre haben wir nur für den Bau neuer Kindergärten elf Millionen Euro ausgegeben und die nächsten sind schon projektiert. Dazu kommt der Betrieb. Wir reden von einem Kostendeckungsgrad von 16 bis 17 Prozent. Kinderbetreuung ist natürlich ein wichtiger Standortfaktor und eine gute Investition in die Zukunft der Gemeinde, aber auch eine sehr teure Angelegenheit.

Erzielen Sie durch die Grenzgänger auch mehr Steuereinnahmen?

Schon. Wir haben dieses Jahr das erste Mal die Situation, dass wir höhere Einkommens- und Umsatzsteuereinnahmen als Gewerbesteuern haben. Dabei sind letztere konstant geblieben.

Was haben Sie für Firmen?

Die vier grossen, die für 80 Prozent unserer Steuereinnahmen stehen, sind Roche Deutschland mit der Verwaltung und einem kleinen Labor, DSM, die die frühere Vitaminsparte der Roche übernommen hat, die Bayertochter GP, die Bepanthen produzieren und Einwegspritzen befüllt und ein Werk von BASF, das ist die alte Ciba-Geigy.

Ist die grosse Nähe zur Schweiz eher ein Vor- oder ein Nachteil?

Ganz eindeutig ein Vorteil. Als ich mir die Gemeinde im August 2014 das erste Mal angeschaut habe, fand ich genau das faszinierend. Man ist eine lebendige, eigenständige Gemeinde für sich, aber diese Nähe mit dem grossen, vielfältigen kulturellen Angebot des Zentrums Basel und seiner Wirtschaftskraft ist eine riesige Chance. Es freut mich, dass wir mit dem 38er-Bus ein Mittel gefunden haben, um dieses Zentrum noch besser anzubinden.

Wie häufig fährt der Bus?

Seit Dezember 2014 läuft die Linie werktags zwischen 6 Uhr und 23.30 Uhr im Viertelstundentakt. Wir wollen nächste Woche dem Parlament vorschlagen, an Wochenenden und Feiertagen zwischen 1 Uhr und 4 Uhr morgens drei Kurse einzusetzen, um so Basel noch besser zu erschliessen. Das Attraktive an Grenzach-Wyhlen ist, dass man in zehn Minuten im Zentrum von Basel, aber auch schnell im angrenzenden Naturschutzgebiet Dinkelberg ist.

Wie stehen Sie zur Sanierung der Sondermülldeponie Kesslergrube? BASF hat sich dort ja für eine einfachere und günstigere Lösung als Roche entschieden, die sich dies sehr viel kosten lässt.

Ich bestreite gar nicht, dass es für die Sanierungsmethode von BASF positive Beispiele gibt: Sie nehmen die Altlast und machen eine Kapsel darüber. Aber in dieser speziellen Situation mit dem Rhein daneben und einer Wohnüberbauung, die einen Steinwurf davon entfernt liegt, ist das eine tickende Zeitbombe. Wir gewinnen unser Trinkwasser nicht daraus, aber ich habe mich gefreut, dass Muttenz und Riehen spontan bei unserem Widerspruch mitgemacht haben. Ich habe versucht, bei der Basler Regierung Mitstreiter zu finden, aber das ist leider nicht gelungen. Für uns ist das ein wichtiges Zukunftsthema. Roche investiert 239 Millionen Euro, damit die Fläche wieder nachhaltig, auch gewerblich, nutzbar ist und neben dran findet sich eine Einkapselung, die nicht ewig hält. Das Problem an der Grube ist, dass man nicht weiss, was drin ist. Deshalb kämpfen wir als Gemeinde dafür, dass BASF eine nachhaltige Lösung wählt.

Ist es nicht in gewisser Weise nachvollziehbar und verständlich, wenn BASF nicht mehr investieren will, weil der Sondermüll ja nicht von ihnen selbst, sondern vom Vorgänger Ciba Geigy kommt?

Es gibt eine alte Grundregel: Wenn ich eine Firma übernehme, übernehme ich die guten und schlechten Sachen und zu letzteren gehören die Altlasten. Rechtsnachfolger von Ciba Geigy ist nun mal BASF. Das Landratsamt und BASF stellen sich bisher auf den Stand, dass die Einkapslungslösung genehmigungsfähig und praktikabel ist. Wir haben mit unseren Rechtsberatern 90 Seiten Widerspruch mit sehr guten Argumenten erarbeitet. Er ist jetzt seit anderthalb Jahren beim Regierungspräsidium in Freiburg hängig und wir warten täglich auf eine Entscheidung. Das heisst nicht, dass wir ein schlechtes Verhältnis zu BASF haben. Wir sind froh, dass sie hier sind. Es ist der grösste Chemiekonzern der Welt und er investiert weiter – in den letzten Jahren 40 Millionen Euro in neue Technik. Als Hauptprodukt stellen sie UV-Filter her und prüfen auch neue Produktionslinien. Der Schrumpfungsprozess von Ciba Geigy mit grossem Arbeitsplatzabbau und Rückbau von 70 Prozent des Geländes war sehr schmerzhaft für die Gemeinde.