Heute schreitet der Raiffeisen-Verwaltungsrat zur Wahl ihres neuen Präsidenten. Gemäss gut informierten Kreisen liegt nur ein Dossier auf dem Tisch: Jenes von Guy Lachappelle. Der CEO der Basler Kantonalbank (BKB) ist kein national bekannter Banker. Aber in Basel, da ist er sehr gut verankert. Dafür hat er mit verschiedenen Engagements im Sponsoringbereich gesorgt.

Zudem ist der 57-jährige Vater von drei Töchtern umgänglich und kontaktfreudig. Diese Eigenschaften haben ihm seine Eltern mitgegeben, die im «Alten Warteck» wirteten, eine der bekanntesten Beizen Basels gleich bei der Messe gelegen, aber jetzt dem Abriss geweiht.
Lachappelle, der Rechtswissenschaften studiert hatte, begann seine Bankkarriere bei der Kreditanstalt. Über die Bank Cial und die Bank Coop, heute Bank Cler, landete er bei der BKB, die er seit 2013 leitet. Die Bank Cler soll noch in diesem Jahr vollständig von der BKB übernommen werden.

Gestern war die Wahl noch nicht vollzogen, weshalb von Seiten von Raiffeisen wie von der BKB nur ein «No Comment» erhältlich war. Doch ein Artikel in der «NZZ» wies bereits die Spur. Ohne einen Namen zu nennen, schrieb das gewöhnlich sehr gut informierte Blatt: «Der neue Mann kommt nicht aus der Raiffeisen-Welt, aber er ist mit dem Genossenschaftsgedanken vertraut, gilt als führungsstarke Persönlichkeit, spricht mindestens zwei Landessprachen und ist nicht in einer Grossbank gross geworden.» Es liest sich wie ein Porträt Lachappelles.

Krisenerprobter Erneuerer

Der gebürtige Basler gilt in der Tat als führungsstark. Und ebenso als krisenerprobt. Sein Gesellenstück war ohne Zweifel das Aufarbeiten der unglückseligen USA-Geschäfte, welche die BKB vor seiner Zeit getätigt hatte. Erst Ende August wurde bekannt, wie hoch die Summe ist, die die Bank den US-Steuerbehörden nach jahrelangen Verhandlungen zu überweisen hat: 60,4 Millionen Franken - deutlich weniger als befürchtet. Die Rückstellungen betrugen 100 Millionen Franken. Ebenso hat sich Lachappelle als Erneuerer einen Namen gemacht. Sei es mit der schicken Inneneinrichtung totalsanierter Bankfilialen, sei es mit einer Digitalisierungsstrategie, welche bereits mitten in der Umsetzung steckt.

Ganz ohne Lackschaden ist seine Karriere aber nicht geblieben. Als Leiter des Kreditbereichs der BKB war er zu einem späten Zeitpunkt (2010) mit der Affäre ASE Investment konfrontiert. Diese Firma hatte eine Art Schneeballsystem aufgebaut und nutzte die BKB als Depotbank. An Lachappelle blieb allerdings nichts hängen, das verhindert hätte, ihn drei Jahre später zum CEO zu befördern.

Mit der heutigen Wahl geht ein wochenlanger Suchprozess zu Ende. Ein Zürcher Headhunter und die Mitglieder des Nominationsausschusses des Verwaltungsrates führten intensive Gespräche mit potenziellen Kandidaten. Erschwert wurde die Suche durch den Umstand, dass der Kandidat von der Delegiertenversammlung im November bestätigt werden muss. Lehnen die über 200 Delegierten den Kandidaten ab, dann hat dieser ein erhebliches Reputations-Problem.

Raiffeisen steht mitten in einem Erneuerungsprozess. Neben dem Präsidenten werden weitere Verwaltungsräte ins Gremium nachrücken. Die wichtigste Aufgabe der Führungsleute wird es sein, einen neuen operativen Chef für die Genossenschaftsbank zu suchen. Dieser wird den scheidenden CEO Patrik Gisel ersetzen müssen, der die Bank auf Ende Jahr verlassen wird. Gisel war während Jahren der Stellvertreter von Pierin Vincenz, gegen den ein Verfahren der Zürcher Staatsanwaltschaft wegen Verdachts auf ungetreue Geschäftsbesorgung läuft.