Basler Wahlen

Guy Morin vor den Wahlen - Wie wird er abschneiden?

Der Hausarzt in der Basler Regierung: Guy Morin sieht sich immer wieder der Kritik ausgesetzt, er wirke zu wenig staatsmännisch.

Der Hausarzt in der Basler Regierung: Guy Morin sieht sich immer wieder der Kritik ausgesetzt, er wirke zu wenig staatsmännisch.

Vor vier Jahren erzielte Guy Morin bei den Regierungsratswahlen das zweitbeste Resultat. Für dieses Jahr sind Prognosen schwierig. Von vielen Seiten schlägt ihm Kritik entgegen. Doch der Chef des Präsidialdepartements hat sich gesteigert.

Wie wird Guy Morin abschneiden? Das ist neun Tage vor der Entscheidung die grosse Unbekannte im Basler Wahlkampf. Während die Polit-Beobachter Morins linke Mitstreiter Eva Herzog, Christoph Brutschin und Hans-Peter Wessels (alle SP) unisono als locker wiedergewählt sehen, gibt es zum Resultat des grünen Regierungspräsidenten keine einheitliche Prognose. Dies liegt auch daran, dass seine Tätigkeit als Vorsteher des Präsidialdepartements (PD) und damit oberster Chef über Kultur, Stadtentwicklung, Gleichstellung und Integration kontrovers beurteilt wird.

Im September 2008 erzielte Morin – damals noch als Justizdirektor – 24078 Stimmen und hinter Herzog das zweitbeste Resultat. Vier Jahre später ist die Ausgangslage schwierig zu beurteilen: «Guy Morin hat sich einige Fehler geleistet», analysiert SP-Grossrat Tobit Schäfer und nennt Beispiele: Unklarheiten bei der Zukunft des Stadtcasinos, die verwirrende Umstrukturierung der Abteilung Gleichstellung und Integration oder Führungsprobleme mit Chefbeamten. Morin habe oft mehr versprochen, als er halten konnte – und damit gerade Kulturschaffende enttäuscht. Schäfer, der einst das Jugendkulturfestival aufgebaut hat, als Geschäftsführer des Rockfördervereins arbeitet und im Vorstand der Casino-Gesellschaft sitzt, hält sich mit Kritik am Kulturdirektor nicht zurück – und das seit Jahren. Gleichwohl wird der rote Schäfer am 28. Oktober den Grünen als Regierungsrat und Regierungspräsident wählen.

Morin zum Wahlkämpfer gereift

Morin werde mit respektablem Ergebnis im Amt bestätigt, prognostiziert Schäfer und begründet dies mit einer interessanten Beobachtung: «Er hat im Wahlkampf an Statur gewonnen. Die Dauerpräsenz auf Podien hat Morin geholfen, sein Amt öffentlich klarer zu definieren.» Tatsächlich: Morin, der Öffentlichkeit eher als defensiver und ausgleichender Charakter bekannt, zeigte sich in den letzten Wochen kampfeslustig. Seine Herausforderer Baschi Dürr (FDP) und Lorenz Nägelin (SVP) attackierte der 55-Jährige ungewöhnlich scharf.

Viele erinnern sich an hölzerne und rhetorisch schwache Auftritte in Morins erster Amtszeit. Laut Mirjam Ballmer, Co-Präsidentin der Grünen, hat der zweifache Familienvater – dank Sprachtraining und Stilberatung – kommunikativ zugelegt, seit er als Regierungspräsident amtet. «Überhaupt hat sich Guy in den letzten vier Jahren gut geschlagen», zieht sie zum Wirken ihres Parteikollegen Bilanz. Morin sei ein authentischer und menschlicher Repräsentant des Kantons – volksnah und doch prononciert grün. «Er spult nicht einfach das Programm ab, sondern ist mit grossem Engagement bei der Sache.» Zudem habe er es geschafft, dass die Regierung gegen aussen geschlossen aufgetreten sei, fügt Ballmer an. Auch SP-Regierungsrat Hans-Peter Wessels lobte anlässlich der Medienkonferenz des rot-grünen Quartetts, dass Morin stets für kollegiale Stimmung sorge.

Strippenzieher oder Grüss-August?

Als Vorsteher des neu geschaffenen PD steht Morin seit 2009 hingegen unter ständigem Legitimationsdruck. Ballmer findet, dass es für jede und jeden schwierig gewesen wäre, ein Departement, das strukturell noch nicht gefestigt sei, aufzubauen. CVP-Präsident Markus Lehmann sagt mit anderen Worten Ähnliches: «Morins Schicksal liegt in den Händen jener, die sich die neue Kantonsverfassung ausgedacht haben.» Im Gegensatz zu Ballmer hält Lehmann das PD aber für «schlicht überflüssig». Morin verfüge über kein zentrales Dossier. «Bildung, Gesundheit, Verkehr – die wichtigen Entscheide fallen anderswo.»

Der mit wenig Gestaltungsspielraum ausgestattete Präsident könne somit bloss nacherzählen, was ihm andere einflüstern. «Seine Regierungsbilanz ist entsprechend dünn», findet Lehmann. Die NZZ schrieb in diesem Zusammenhang wenig schmeichelhaft vom «Grüss-August». «So ein Unsinn», sagt Ballmer. «Sind Stadtentwicklung und Kultur etwa keine zentralen Dossiers?» In beiden Bereichen habe Morin – Stichworte sind das Kulturleitbild oder die Entwicklung im Hafengebiet – Erfolge vorzuweisen. Aber auch die Vernetzung des Kantons sei mit der Gründung des Eurodistricts einen grossen Schritt vorangekommen.

Fragt sich, ob die Struktur des PD und Morins Erfolge, über welche die Politiker leidenschaftlich debattieren, den Ausgang der Wahlen entscheiden werden. Für die breite Öffentlichkeit ist die Frage, wie der «Stapi» den Kanton vertritt, vermutlich von grösserer Bedeutung ist. Sämtliche angefragten Politiker glauben, dass der ehemalige Hausarzt im Volk beliebt sei. FDP-Grossrat Urs Schweizer sagt: Er fühle sich durch Morin nicht repräsentiert. «Er wirkt auf mich zu wenig magistral. Möglicherweise sehen dies viele Baslerinnen und Basler anders.» Ob das so ist, werden wir am Nachmittag des 28. Oktober sehen. Bis dahin bleibt Morin die Wahl-Wundertüte.

Meistgesehen

Artboard 1