Wenn man an der Synagoge vorbei läuft, sieht man neben dem Hag ein massives Sicherheitstor. Sind die Basler Juden derart gefährdet, dass es ein solches Tor braucht?

Guy Rueff: Seit dem Sechstagekrieg 1967 ist Sicherheit dauernd ein Thema. Wir Juden, das Judentum wird sehr oft mit Israel gleichgesetzt. Der Nahostkonflikt könnte Leute hier dazu bewegen, gegen uns Juden vorzugehen. Wir haben als Juden in der Stadt des ersten Zionistenkongresses zwar eine besondere Verbindung zu Israel, verstehen uns aber als Schweizer und Basler Juden. Aber viele unserer Mitglieder haben inzwischen auch Verwandte in Israel. Dennoch steht die Gemeinde dem Konflikt neutral gegenüber. Wir sind eine Religionsgemeinschaft und nicht der verlängerte Arm Israels. Der Antisemitismus, der sich auf den Nahostkonflikt bezieht, geht von radikalen Muslimen oder Linken aus. Aber auch der Antisemitismus von rechts ist ein Grund für unsere Sicherheitsmassnahmen.

Sie sagen, die Gemeinde sei apolitisch. Aber sie veranstaltet regelmässig Themenabende und Vorträge zum Nahostkonflikt.

Wir versuchen, auch hier neutral zu bleiben. Wir schauen, dass wir unsere Gäste politisch ausgewogen einladen. Wir als Gemeinde nehmen keine Stellung. Trotzdem, und darum ist die Sicherheit notwendig, werden wir als verlängerter Arm wahrgenommen. Auch weil wir israelitische Gemeinde hiessen, haben ein paar das Gefühl, wir wären ein politisches Gebilde, was wir aber nicht sind.

Gibt es viele antisemitische Vorfälle in Basel?

Es gab schon gemeldete Vorkommnisse wie Beschimpfungen oder Rempeleien. Aber diese Fälle sind an einer Hand abzuzählen.

Sind die Massnahmen also primär psychologisch?

Ja, aber es gibt in ganz Europa immer wieder Fälle, wie der Überfall auf eine jüdische Schule im französischen Toulouse. Oder der Brand in der Genfer Synagoge, dessen Ursache noch heute ungeklärt ist.

In Schweden, genauer in Malmö, hat sich die jüdische Gemeinde wegen der starken, gewalttätigen antisemitischen Ausschreitungen arabischer Migranten sogar aufgelöst.

Und dieser Antisemitismus kommt auch in Frankreich aus dem arabischen Umfeld. Auch dort werden Juden wegen Israel angegriffen. Aber in Basel stellen wir das nicht fest. Wir hegen hier einen guten Austausch mit anderen Religionsgemeinschaften, auch mit den muslimischen.

Die jüdische Gemeinde in Zürich ist noch strikter. Man kommt nur durch eine Schleuse ins Gemeindehaus. Das Wachpersonal ist in Krav Maga, der Nahkampftechnik der israelischen Armee, ausgebildet. So extrem ist Basel noch nicht.

Sie sagen es richtig – noch nicht. Wir werden nicht viel mehr tun als bisher. Ohne ins Detail zu gehen: Wir haben auch Sicherheitspersonal und 24-Stunden-Videoüberwachung.

Das frühere, externe Sicherheitspersonal trug Schusswaffen, und auch die Polizei ist an den hohen Feiertagen im Einsatz. Weshalb dieses massive Aufgebot?

Es ist hier nicht so wie sonst in Europa, wo die Polizei mit Maschinenpistolen vor den Synagogen steht. Aber wir wollen uns nicht den Vorwurf machen, nichts unternommen zu haben, falls etwas geschehen sollte. Die Mehrheit der Gemeinde will diese Massnahmen, aber es gibt auch solche die nicht bei jedem Gang in die Synagoge an die potenzielle Gefahr erinnert werden wollen.

Fühlen sich die Juden wohl in Basel?

Ja, das schon. Aber die Sicherheitsmassnahmen braucht es leider trotzdem. Wir treffen uns zwei mal jährlich mit der Basler Polizei und sprechen über die Sicherheitslage. Die Zusammenarbeit läuft seit Jahrzehnten sehr gut.